Das Teil, mit dem ich noch mal lesen und schreiben lernen will, ist acht Zentimeter groß und sieht ein bisschen aus wie eine Sternfrucht, das Obst, das an zu sahnigen Cocktails hängt. Auf meiner Sternfrucht befinden sich 25 winzige Leuchtdioden, ein blauer, ein roter und ein weißer Knopf; ein Lagesensor, ein USB-Anschluss, ein Prozessor, der Schriftzug "Calliope mini".

Calliope mini ist der Mikrocontroller, mit dem schon Drittklässler künftig eine Programmiersprache lernen sollen. Für viele Schüler wird "Code" bald die erste Fremdsprache sein, vor Englisch, Französisch, Latein. Sie werden mit dem Minicomputer Spiele programmieren, aber auch messen können, wie viel Wasser eine Pflanze im Schulzimmer noch hat.

"Programmiere oder werde programmiert", betitelte der Autor Douglas Rushkoff seine Zehn Gebote des Digitalen Zeitalters . "Code ist die Sprache der digitalen Welt. Wer sie nicht lernt, gehört zu den neuen Analphabeten", schrieb die Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel. Stimmt das? Oder ist das übertriebener Tech-Enthusiasmus, beseelt von den Welterneuerungsfantasien des Silicon Valley? Das will ich herausfinden; ich will versuchen, die Sprache der neuen Welt zu lernen.

Meine eigene Schulzeit, Abi 2001, liegt noch nicht furchtbar lang zurück. Damals war Programmieren was für Freaks, die lieber drinnen blieben. Die Weltaneignung fand draußen statt, durch Reden, Streiten, Reisen. Meinen ersten Computer hatte ich mit 14, mein erstes Smartphone mit 25. Heute bin ich 35 und zähle zur jüngsten Kohorte der Digital Immigrants; alle Jüngeren sind schon Digital Natives.

In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Weltaneignung nach drinnen verlagert. Die Freaks von damals sind die Heroen der digitalen Welt. Das Zentrum ihres Planeten ist Programmcode. Er entscheidet, was wir wissen können, kaufen sollen, wünschen dürfen. Ohne Code keine Website, kein Algorithmus, keine Maschine.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Calliope, die Tochter des Zeus, war ein Symbol humanistischer Bildung: die Muse der Wissenschaft, in der Ikonografie immer mit einer Tafel in der Hand dargestellt, die man heute mit wenig Fantasie für ein iPad halten kann. Dass der Minicomputer nun Calliope heißt, könnte man leicht als Zeichen der Unsicherheit abtun: dass die Namensgeber das Neue mit Begriffen aus der Bildungstradition pimpen müssten, damit man ihm, ach!, einen Wert zuschreibe. Doch viel eher manifestiert sich in der Namenswahl der Machtanspruch des Neuen: Seht, wir bestimmen jetzt, was Bildung ist!

Das Abc lernen

Calliope mini, die Muse der digitalen Welt, liegt nun vor mir. Ich schließe das Gerät mit einem Kabel an meinen Laptop an und öffne dort die Programmieroberfläche. In der Mitte des Bildschirms steht eine Reihe von Menüs: Eingabe – Schleifen – Logik – Platzhalter – Mathematik. Mit der Computermaus kann ich wie auf einem Brett Befehle zusammenschieben: "Wenn geschüttelt, dann ändere LED-Farbe in Veilchenblau". – "Wenn B gedrückt, zeige den Text ›MJH‹". In der Sprache JavaScript, die für viele Programme benutzt wird, kann ich mir das auch anzeigen lassen, es sind 15 Zeilen Code: input.onButtonPressed(Button.B, () => {basic.showString("MJH")}) heißt es dort. Jetzt speichere ich meine Befehle und schiebe sie auf den Calliope. Und tatsächlich: Es funktioniert! Ich schüttele meine Sternfrucht, und die Farbe ändert sich. Ich drücke B, und meine Initialen erscheinen. Das war einfach, weiter geht’s!

Alle meine Entchen

Als Schüler habe ich die Fremdsprachen der Alten Welt voller Stolz gelernt: Englisch-Leistungskurs, großes Latinum, ein bisschen Französisch, Spanisch, Italienisch. In jeder Fremdsprache konnte ich zuerst Fragen stellen: Wie heißt du? Geht es hier zum Forum Romanum? Willst du mit mir Kaffee trinken? Fragen zu können sicherte mir einen Ausweg aus allen Hilflosigkeiten. Code jedoch kennt keine Fragezeichen, kein Nichtwissen, nur logische Eindeutigkeit, die man aus sich selbst heraus produziert.

Ich will Musik! Irgendwie muss ich Calliope sagen, dass es eine Melodie spielen soll. Wenn ich Knopf A drücke, soll Alle meine Entchen ertönen. Ich schiebe an meinem Laptop die Befehle für Noten hin und her; nach kurzer Zeit schaue ich mir an, wie das in JavaScript aussieht, erkenne ein Muster und schreibe die Melodie direkt in der Programmiersprache, das geht schneller. input.onButtonPressed(Button.A, () => {music.playTone(Note.C, music.beat(BeatFraction.Half)) music.playTone(Note.D, music.beat(Beat Fraction.Half)) liest sich das dann.