Der Moment, in dem Matthias Storck die Hoffnung verliert, ist der Moment, in dem sein Wagen den Stasi-Knast erreicht. Aus den vergitterten Fenstern dringt Neonlicht. Ein Häftling mit Besen steht auf dem Hof und grinst, als wolle er sagen: Hier kommt so schnell keiner raus. Matthias Storck ist 23 Jahre alt. Gerade war er noch Theologiestudent, nun ist er ein Gefangener, eine Nummer: 23 links. Hat Gott mich verlassen?, fragt er sich.

Matthias Storck ist ein Kind der DDR. 1956 wird er geboren. Sein Vater ist Pfarrer in Sachsen-Anhalt. Wenn der Vater mit dem Talar über die Straße geht, schämt sich der Sohn. In die FDJ darf er nicht eintreten. Das ist in christlichen Kreisen verpönt. Der Junge wird zum Außenseiter. Anfangs stört ihn das, doch der Glaube gibt ihm Kraft. Er lässt ihn Abstand halten zum Staat.

Auf dem Speicher findet Matthias eine alte Familienbibel. Er sieht die Geburts- und Todesdaten, die seine Vorfahren an den Rand gekritzelt haben, fühlt sich als Teil eines Ganzen. Er hört seiner Mutter zu. Sie erzählt ihm von David und Goliath, dem Jungen, der gegen den übermächtigen Riesen antritt und ihn besiegt.

Abitur darf Matthias Storck nicht machen. Das geht für ihn als Pfarrerskind aus politischen Gründen nicht. Er absolviert eine Buchhändlerlehre, schreibt sich an der Theologischen Fakultät der Universität Greifswald ein. Er will Pfarrer werden. Die Kirche ist für ihn ein Schutzraum. Auf ihn kann der Staat nicht ohne Weiteres zugreifen, glaubt er.

Der Liedermacher und Systemkritiker Wolf Biermann wird in jenen Jahren sein Idol. Heimlich lesen Matthias und seine Freundin Tine Biermann-Verse. Den Liedtext "Hugenottenfriedhof" etwa. Für sie klingt es nach Auferstehung und Hoffnung. Auch seine "Ermutigung" rezitieren sie immer wieder: "Du, lass dich nicht verhärten/ in dieser harten Zeit."

Nach der Ausbürgerung Biermanns fängt Matthias Storck an, selbst systemkritische Lieder in der Kirche zu singen. Dort fühlt er sich sicher. Er irrt sich. Er wird von einem Pfarrer an die Stasi verraten. Ausgerechnet.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Im Gefängnis will er seinen Glauben retten. Im Stasi-Knast liest er die Bibel, bastelt Lesezeichen aus Klopapier, klemmt sie zwischen die Seiten. Hin und wieder nehmen die Wärter seine Bibel zur Kontrolle mit. Für die Rückgabe öffnen sie die Tür. Nie schieben sie die Heilige Schrift durch die Essensklappe. So, als hätten die Wärter Angst vor göttlicher Strafe, wenn sie die Bibel nicht persönlich übergeben. Auch Tine, eine Studentin der Zahnmedizin, wird verhaftet – weil sie ihm geholfen hat. Sie sitzt im gleichen Gefängnis wie er. Abends, wenn die Wache wechselt, rufen sie sich Biermann-Verse über den Hof zu: "Du, lass dich nicht verbittern/ in dieser bittren Zeit."

Matthias Storck hört die Glocken der entfernten Kirche, stellt sich vor, mit Freunden Gottesdienst zu feiern. Er denkt an Johannes den Täufer. Johannes gibt ihm Kraft. Er versucht, die Hoffnung nicht zu verlieren. Es gelingt mal mehr, mal weniger.

Seine Zelle ist grau und aus Beton. Irgendwann legt er einen Zitronenkern auf ein Tuch mit Zuckerwasser und stellt es auf die Heizung. Ein Pflänzchen sprießt. Zwei Blätter wachsen auf einmal in dem Grau. Er denkt an Biermann: "Das Grün bricht aus den Zweigen,/ wir wolln das allen zeigen,/dann wissen sie Bescheid."

Eines Tages bekommt Matthias Storck einen Zellengenossen. Einen 19-Jährigen mit Kindergesicht. Sie werden Freunde, spenden sich Trost, löffeln die gleiche Suppe. Nach einigen Wochen wird der Jüngere entlassen. Noch in der Haft erfährt Matthias Storck: Der Mithäftling hat ihn bespitzelt. Die Protokolle ihrer Gespräche legt die Stasi Storck als Beweismittel vor. Gott ist abwesend, denkt er.

Irgendwann darf der Vater Matthias Storck im Gefängnis besuchen. Er hat einen Antrag gestellt, mit seinem Sohn das Abendmahl zu feiern – mit Wein und Brot. Gestattet wird es nicht.

Der Vater bringt Kuchen und Kaffee in einer Thermoskanne mit. Das ist erlaubt. Als die Besuchszeit zu Ende geht, bricht der Vater den Kuchen entzwei, spricht die Abendmahlsworte, reicht dem Sohn die Kaffeetasse. Vater und Sohn sprechen das Vaterunser. Die Wächter sehen es, sind irritiert, verhindern es aber nicht. "Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde" – niemals klang der Psalm für Matthias Storck so sehr nach Hoffnung wie jetzt. Das Abendmahl tröstet ihn. Es ist auch eine Form des Trotzes. Wenn Gott ihm Wein und Brot verwehrt, dann nimmt er eben Kaffee und Kuchen. Trost und Trotz werden zu den Fundamenten seines neuen Glaubens.