Frage: Silence heißt der neue Film des US-amerikanischen Regisseurs Martin Scorsese. Darin wird die tragische Geschichte der Christenverfolgung in Japan während der Shogun-Zeit im 17. Jahrhundert beleuchtet. Sie bereitete der erfolgreichen Jesuitenmission ein brutales Ende. Sie haben den Film gesehen. Wie hat er Ihnen gefallen?

Godehard Brüntrup: Es ist ein sehr sehenswerter und auch mutiger Film, weil er nicht im Mainstream angesiedelt ist. Er beschreibt sehr überzeugend den Grundkonflikt, dem jeder tief Gläubige begegnen kann. Wie weit kann ich Zeugnis meines Glaubens geben, auch wenn das negative Konsequenzen hat für andere? Ist die Treue zum Glauben das Höchste, für das ich alles andere opfere, oder muss ich zurückstecken und andere Werte mit abwägender und kompromissbereiter Vernunft einbeziehen?

Frage: Der junge Jesuit, der vom japanischen Inquisitor genötigt wird, seinem Glauben abzuschwören, um die Leben der missionierten Bauern zu retten, wird mit dieser Entscheidung alleingelassen und hadert mit Gott. Wird man im Orden denn auf solche Grenzsituationen vorbereitet?

Brüntrup: Glücklicherweise sind solche Extremsituationen seit der Aufklärung und in Rechtsstaaten nicht aktuell. Das war aber auch in unserer Vergangenheit nicht immer so. Dem jesuitischen NS-Widerstandskämpfer Alfred Delp im Kreisauer Kreis boten die Nazis an: Wenn du den Orden verlässt, wirst du freigelassen. Er hat die Todesstrafe gewählt und den Orden nicht verlassen. Man kann niemanden auf eine solche Situation vorbereiten.

Frage: Die Christenverfolgung wütet gerade, etwa in Gegenden, die der IS unter seine Kontrolle brachte. Die dortigen Grausamkeiten übertreffen sogar noch die Shogun-Zeit. Aus jesuitischer Sicht: Darf man seinen Glauben verleugnen in der Not?

Brüntrup: Wenn ich Mitmenschen retten kann, darf ich, so scheint mir, den Glauben zumindest nach außen hin verleugnen. Der Film gibt eine Antwort in diese Richtung. Die Christusfigur selbst auf der Ikone, auf die der Christ mit seinen schmutzigen Sohlen treten soll, um sie zu entweihen, spricht: Tue es! Die klassische christliche Tradition definiert das echte Martyrium so: Wenn man selbst bedroht wird, ist es heroisch, den Glauben nicht aufzugeben. Aber in diesem Falle ist ja die Lage eine andere: Es geht darum, das Leben anderer zu retten.

Frage: Was hat denn dann Martyrium überhaupt noch für einen Sinn?

Brüntrup: Als Mensch brauche ich etwas, was mir mehr bedeutet als das eigene Leben. Hielte ich das eigene Leben für das Wichtigste, wäre das eine sehr brüchige Sache. Denn ich kann es jederzeit verlieren, im Normalfall endet es im Durchschnitt mit 80 Jahren, biblisch gesprochen ist es also ein Windhauch. Deshalb suchen wir etwas, für das wir uns einsetzen, was größer ist als unsere irdische Existenz. Das Martyrium ist das sinnbildliche Zeichen, dass es Wichtigeres gibt als das eigene Leben.

Frage: Was hat es für einen Sinn, sein Leben Gott zu opfern? Was ist das für ein Gott, der uns solche Opfer abverlangt?

Brüntrup: Es ist ja kein Opfer für Gott. Er muss nicht durch Opfer wohlgestimmt werden. Das Martyrium ist als blutgetränktes Zeichen vielmehr ein Signal, das in die Gemeinde hineinstrahlt: Es bestimmt den Grad der Bedeutung, was ein Mensch für seinen Glauben zu geben bereit ist. Man kann das Martyrium nur in dieser sozialen Dimension des Beispiels sehen und begreifen. Es erreicht seinen Höhepunkt, wenn einer sein Leben hingibt für andere.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Frage: Warum kämpft dann der junge Pater im Film so lange mit sich, Gott zu verleugnen?

Brüntrup: Weil die Menschen, die ihm als Priester anvertraut sind, in ihrem Glauben fundamental verunsichert werden, wenn er öffentlich abschwört. Wenn schon den Priester die Kraft verlässt, woher sollen dann sie die Kraft hernehmen? Die Verleugnung ist gar nicht aus dem sozialen Kontext herauszulösen.

Frage: Die bitterste Lektion erteilt dem bedrängten Jesuiten sein alter Lehrer im Orden, der unter Folter abgeschworen hat und nun ein japanisches Leben führt. Er erschüttert seinen ehemaligen Schüler mit der These, dass die japanischen Christen den neuen Glauben niemals verinnerlichten. Beruht eine Mission letztlich auf einem kulturellen Missverständnis?

Brüntrup: Wo immer das Christentum neu eingepflanzt wurde, hat es sich auch ein wenig mit nichtchristlichen Bräuchen vermischt. Was diese Menschen wirklich vom Christentum begriffen haben, weiß ich nicht zu beurteilen. Aber es ist mir zu billig, anzunehmen, dass sie ihre alte Religion nur mit einem neuen Namen versehen hätten. Dann hätten sie sich nicht der Folter und Verfolgung ausgesetzt. Es gab auch eine politische Seite des Konflikts. Die missionierten Heiden in Japan waren ja meistens einfache Bauern, die gegen ihre Unterdrücker einen Aufstand gewagt haben. Die christliche Mission wurde in Japan der Urheberschaft dieses Aufstandes bezichtigt.