Es begann mit einer harmlosen Gruppenreise nach Marokko und endete mit einem Penis-Skandal: Stefanie Sargnagel, die Netzfeministin, Lyrikerin und Underground-Essayistin, fuhr mit zwei Freundinnen in die Hafenstadt Essaouira und verfasste anschließend eine Reportage für die österreichische Zeitung Der Standard, in der sie den Vegetarismus einer Mitreisenden wie folgt beschrieb: "Lydia ist die einzige Vegetarierin der Gruppe, aber im Unterschied zu den anderen VegetarierInnen, die ich kenne, ist sie es nicht, weil sie Tiere liebt, sondern weil sie Tiere zutiefst hasst. Heute hat sie eine Babykatze zur Seite getreten mit der Behauptung, sie habe Tollwut, danach biss sie selbstzufrieden in eine vegetarische Crêpe."

Für die Reise erhielten die 31-jährige Sargnagel, die momentan Stadtschreiberin in Klagenfurt ist, und zwei ihrer Freundinnen vom Kulturministerium einen Reisekostenzuschuss von je 750 Euro. Grund genug für den Kolumnisten Richard Schmitt von der österreichischen Kronen Zeitung (Auflage: 900.000), eine wüste Polemik zu verfassen: In seiner Kolumne prangerte er an, dass sich die Autorin auf Kosten des Steuerzahlers besoffen, bekifft, mit Marokkanern geschmust und dann auch noch ein Katzenbaby getreten habe. Der Super-GAU für jeden ordentlichen Austrochristen also. Den satirischen Unterton der Reisereportage unterschlug er allerdings. Zudem zerrte er ein Opfer ins Rampenlicht, bei dem selbst der friedfertigste Krone-Leser vom Kipferl- zum Bajonett-Träger mutiert: ein unschuldiges Kätzchen.

Die Folgen lassen sich leicht ausmalen: Der digitale Mob drohte mit Vergewaltigung, hetzte und pöbelte, bis Stefanie Sargnagels Twitter-Account in Flammen aufzugehen schien. Auch die Kronen Zeitung trat nach und veröffentlichte sogar den Klagenfurter Wohnort der Autorin. Sargnagel, in Internetattacken bestens geschult, sprach von einer bisher unbekannten Intensität des Hasses und fürchtete wie noch nie um ihr körperliches Wohlergehen. Jetzt ermittelt sogar der Verfassungsschutz.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Diese Geschichte wäre schon absurd und kakanisch genug, wenn sie nicht noch von ein paar Penis-Bildern des österreichischen Schriftstellers Thomas Glavinic gekrönt worden wäre. Ausgerechnet in der #babykatzengate-Affäre meldete sich der Autor zu Wort und klagte, im Internet seien pornografische Aufnahmen von seinem Glied (österreichisch: Zumpferl) und von sexuellen Praktiken mit seiner Freundin erschienen. Der Vorwurf: Sein Laptop sei gehackt worden, vielleicht sogar von einer Person aus dem Umfeld von Stefanie Sargnagel. Glavinic ließ auf Nachfrage der ZEIT wissen, er erleide seit der Auseinandersetzung mit der Autorin, die er im vergangenen Jahr als "sprechenden Rollmops" und "talentfreie Krawallnudel" bezeichnet hatte, feministische Attacken. Konkret seien sein Briefkasten demoliert und sein Auto zerkratzt worden. Zudem hätten Sargnagel-Unterstützer*innen seine Lesungen gestört. Die Auswirkungen seien fatal: Der Autor fürchte um seinen frauenfreundlichen Ruf; seine Familie leide unter den Angriffen, und seine Freundin habe Angst vor beruflichen Konsequenzen.

Sargnagel bestritt gegenüber der ZEIT die Vorwürfe und legte nahe, dass Glavinic die Situation ausnutze, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Die Wienerin ließ wissen: "Ich habe vor einiger Zeit einen Link mit Pornofotos von einem anonymen Profil bekommen. Ich habe sie aber weder gespeichert noch weiterverbreitet."

Nun steht Wort gegen Wort. Als Beweis für seine Anschuldigungen schickte Glavinic mehrere E-Mails mit Bildern des demolierten Briefkastens, Screenshots von Twitter-Anfeindungen und eine Collage mit diversen Internetabbildungen seines Glieds. Möglich sei es auch, dass eine Exfreundin hinter dem Verbreiten der Nacktbilder stecke, schränkte Glavinic ein. Er erwäge nun, Strafanzeige gegen unbekannt zu erstatten.