Es war ein spannendes Experiment. Eine radikal andere Schule im Süden Bayerns, wo man sonst so stolz auf leistungsorientierten Unterricht ist und von sich behauptet, das anspruchsvollste Abitur in ganz Deutschland abzunehmen. Ausgerechnet hier ließ sich 2014 eine Schule nieder, in der Freiheit und Demokratie, Selbstbestimmung und Persönlichkeitsbildung wichtiger sind als Auswendiglernen und Angst vor unangekündigten Tests: die Sudbury-Schule Ammersee. In Reichling, eine Stunde südwestlich von München, an einem Ort wie aus dem Bilderbuch. 50 Kinder und Jugendliche von fünf bis achtzehn Jahren haben hier gelernt und ihren Traum von einer besseren Schulbildung gelebt. Die Sudbury-Schule war die erste freie demokratische Schule, die im Freistaat Bayern je genehmigt wurde. Jetzt gibt es sie nicht mehr, ihr Betrieb wurde untersagt. Wie konnte das passieren?

Das Vorbild für die freie Schule am Ammersee war die Sudbury Valley School im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts, 1968 gegründet. Weltweit folgen über 70 Schulen ihrer Pädagogik – in Israel, Belgien, Frankreich und Skandinavien. An den Sudbury-Schulen gilt: Schüler und Erwachsene sind gleichberechtigt. Jeder hat eine Stimme. Oberstes Gremium ist die Schulversammlung, Schulgesetze werden per Mehrheitsbeschluss gefällt. Einen geregelten Lehrplan gibt es nicht, und auch keine festen Anwesenheitszeiten und Zensuren. Erwachsene unterrichten nicht, sondern helfen nur als Lernbegleiter. Die Schülerinnen und Schüler spielen, lesen, musizieren oder kochen in Selbstorganisation.

Jahrelang hat Monika Wernz für die Genehmigung ihrer Schule gekämpft. Sie erinnert sich noch genau, wie ihr 2005 eine DVD mit Interviews von Sudbury-Schülern in die Hände fiel. In dem Film sah sie motivierte Kinder und Jugendliche – tough, redegewandt, voller Pläne. Wernz, die lange einen Kindergarten in München leitete und später eine Praxis für Schüler mit Lernblockaden hatte, beschließt damals, eine Alternative zur Leistungsfokussierung des bayerischen Regelschulsystems aufzubauen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

2008 reicht sie erste Vorschläge bei der Schulbehörde in Oberbayern ein und bittet um Stellungnahme. So funktioniert das nicht!, heißt es prompt. Es folgen Jahre der Überzeugungsarbeit. Unzählige Briefe, Gespräche, Expertentreffen. Noch bevor die Genehmigung tatsächlich erteilt wird, zieht eine Familie aus Norddeutschland nach Bayern. Eine Lehrerin und dreifache Mutter aus Nordrhein-Westfalen gibt Job und Heimat auf, weil sie ihre Zukunft in der Sudbury-Schule sieht. Eltern reden von Achtsamkeit, Empathie und Menschlichkeit, wenn sie begründen, warum sie ihre Kinder an eine freie Schule zu schicken. Von Werten, die sie woanders vermisst haben. Die Sudbury-Schule als Zufluchtsort, als letzte Rettung? Die Schüler jedenfalls eint eine tiefe Abneigung gegen das Regelschulsystem. Sie alle scheinen gezeichnet von Enttäuschungen, von Mobbing und Wutanfällen.

Die 17-jährige Ananda etwa leidet an Legasthenie, das Lesen und Schreiben fällt ihr schwer. Schon in der ersten Klasse kommt sie oft mit Bauch- und Kopfweh nach Hause. In der siebten Klasse beschließt sie: "Ich gehe nicht mehr zur Schule." Was aber macht ein Kind, das nicht um 8 Uhr im Unterricht sitzt? "Ich dachte, ich müsste ihr eine Zeitstruktur geben", erzählt ihre Mutter Anna Rapp: "Aber nein, sie hat das selbst gemacht und ist wieder aufgeblüht." Ananda bastelt Ohrringe, liest Bücher, beschäftigt sich mit Gesetzestexten und zeichnet ihre Traumschule auf: Kinder benoten Lehrer, es gibt Ruheräume, die Schüler entscheiden selbst, was sie lernen. "Überwältigend" sei es gewesen, erzählt Ananda, als sie eines Tages die Sudbury-Schule betrat. "Endlich durfte ich ich sein. Niemand wurde in eine Schublade gesteckt."

Eine Schule, die keine Noten gibt, aber selbst Noten bekommt?

Dass die Sudbury-Schule Ammersee selbst in keine Schublade passt, damit haderten die Mitarbeiter der Schulbehörde von Anfang an. Die Bezirksregierung verlangt Messbarkeit ausgerechnet von einer Schule, die sich jeder Bewertung entzieht. Doch die Behörde gibt der Idee eine Chance und genehmigt die Sudbury-Schule als Ersatzschule, vorerst für zwei Jahre. Der Staat beteiligt sich an den Personalkosten – und verordnet der Schule dafür Auflagen. Halbjährlich sollen Lerninhalte und -fortschritte geprüft werden, damit die Schule "in ihren Lehrzielen hinter den öffentlichen Schulen nicht zurücksteht".

Wernz und ihre Kollegen sind skeptisch. Eine Schule, die keine Noten gibt, aber selbst Noten bekommt? Schon 2014, in den ersten Monaten, streiten sich die Parteien über Form und Inhalt der Dokumentationen. Aber immerhin: Die Schule hat begonnen.