Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

Ich hätte aufstehen sollen, mitten in der Vorstellung, nicht, um rauszugehen, sondern um diesem Mann zu sagen, dass ein Theater der falsche Ort ist, um Dienst nach Vorschrift abzuliefern, zumal wenn man den ganzen Abend allein auf der Bühne ist. Dass er auf unerträgliche Weise unsere Zeit stiehlt mit seiner nur körperlichen Anwesenheit, die bestenfalls fürs Einleuchten genügen mag. Dass es unendlich schade ist um diese abendlichen Stunden, um dieses ehrwürdige Haus, um dessen Renommee und das des Theaters überhaupt. Und natürlich um all die Subventionsgelder, deren Sinn nach so einem Abend niemand mehr verstehen kann.

"Sie sägen an den Brettern, auf denen Sie sich da so komfortabel ausruhen", hätte ich ihm gern zugerufen. "Sie werden wohl nicht mehr erleben, wie sie zusammenkracht, Ihre Bühne, aber all die jungen Leute, die jetzt ihr Leben daran geben, ans Theater zu kommen, denen rauben Sie ihre Zukunft. Sie sind alt und das Stück ist abgespielt, aber das ist kein Grund, sich so unprofessionell zu verhalten. Ihr Beruf ist deshalb so gut bezahlt, weil die anderen, wir, erwartungsvoll zu Ihnen aufschauen, denn Sie können uns etwas davon zeigen, wie wir sind. Sie können uns etwas von uns erzählen, was wir noch nicht wussten, das zu wissen uns aber gut- oder gar nottut. Doch Sie verweigern sich uns. Sie geben Ihre Perlen nicht vor die Säue, wir sind Ihrer Mühe nicht wert, ein Anrechtspublikum, das aus der Provinz hergekommen ist und keine Ahnung hat, was es da für schlechtes Theater vorgesetzt bekommt.

Ein Publikum, das sein Gelangweiltsein nicht Ihnen, sondern der eigenen Unbildung anlasten wird, denn es sind ja so wohlklingende Namen im Spiel: das BE und Beckett und der Brandauer. Sie geben das Stück von des Kaisers neuen Kleidern, Sie probieren an uns aus, wie weit Sie unter Ihr Niveau gehen können, bevor jemand es wagt, aufzuspringen und Sie anzuklagen. In István Szabós Film ›Mephisto‹ haben Sie gezeigt, wohin Eliteversagen führt: Es führt dahin, dass sich diejenigen von euch verhöhnt finden, die euch vertrauen wollten.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Das macht böses Blut, das macht, dass sie euch davonjagen werden, die ihr versagt habt in euren Berufen als Lehrer, Politiker, Künstler, Ärzte, Manager, weil ihr das Wichtigste vergessen habt: Denjenigen, die euch tragen, sollt ihr dienen, wie sie euch dienen. Das ist euer Berufsethos, und wenn ihr es nicht mehr auf euch nehmen wollt, dann sollt ihr gehen und Jüngeren, Besseren Platz machen, bitte sehr. Ihr seid keine Götter. Ein Gott kann beschenken und strafen, aber er wird sich nie und nimmer höhnisch zu denen herablassen, die ihm vertrauen."