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Seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte die Republikanische Partei nicht mehr so viel Macht wie heute. Die Grand Old Party (GOP) nennt sie sich stolz. Doch das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, wie radikal sie ist. Die GOP will nicht nur die staatliche Krankenversicherung Obamacare einstampfen, sondern auch einen Großteil des Wohlfahrtsstaates. Sie will die Steuern so drastisch kürzen, dass sich der Staat praktisch in Luft auflöst. Sie will die meisten gesetzlichen Regelungen beseitigen, die dem kapitalistischen Handeln Grenzen setzen, ob aus Umwelt- oder Arbeitsschutzgründen. Sie will Frauen die Abtreibung verbieten und ethnischen Minderheiten nicht länger dieselben Rechte zuerkennen wie Weißen.

Auf dem militanten rechten Flügel der Partei herrscht mittlerweile eine geradezu apokalyptische Stimmung. Seine Mitglieder führen sich auf wie ein Club alttestamentarischer Propheten, der jedem verkündet: Wer vom Pfad der Gerechten abkommt, wird bis in alle Ewigkeit in der Hölle schmoren!

Diese permanente Endzeitbeschwörung hat jegliche Kompromissbereitschaft erstickt: Die republikanischen Mehrheiten ließen im Kongress seit 2010 so gut wie alle Gesetze scheitern, die der demokratische Präsident Obama auf den Weg bringen wollte. Selbst ein zeitweiliges Lahmlegen von Regierung und Verwaltung und eine Aussetzung staatlicher Schuldzahlungen nahmen die Radikalen dafür in Kauf. Zwar haben sie ihre Ziele bisher nicht durchsetzen können. Den Kongress als Instrument des Regierungshandelns unwirksam zu machen aber hat den Niedergang der ältesten und ehemals wichtigsten Demokratie der Welt stark befördert. Es ist schon lange etwas faul in dem Gemeinwesen, das nun Donald Trump zum Präsidenten hat.

Der Radikalismus gehört zur Grand Old Party seit ihrer Gründung in den 1850er Jahren. Zunächst kommt er von links: Die Partei gelobt, die Sklaverei zu beenden und das Land sicher zu machen für "freie Arbeit". Die Wahl des Republikaners Abraham Lincoln zum Präsidenten im Jahr 1860 ist für die Sklavenhalter im Süden ein Schock: Die Südstaaten spalten sich von der Union ab; es ist der Beginn des Bürgerkriegs. Bereits 1862 erklärt Lincoln alle Sklaven zu freien Bürgern. Drei Jahre später wird er von einem fanatischen Südstaatler während einer Theateraufführung erschossen. Doch eine Gruppe von Kongressmitgliedern, die sich "Radikale Republikaner" nennen, setzt sein Werk fort und erkämpft den 14. Zusatzartikel zur Verfassung, die nach wie vor wirksamste Waffe gegen Rassen- und Geschlechterdiskriminierung.

Von den 1880er Jahren an gerät die Frage nach der Gleichstellung allmählich aus dem Blick. Nicht nur in der GOP: Die USA streben nach einer Versöhnung von Süd und Nord und nach ökonomischem Fortschritt. Die Republikaner verschreiben sich nun ganz der Wachstumsideologie und gewinnen damit bis in die zwanziger Jahre hinein die Wahlen. Sie fördern den Bau von Eisenbahnstrecken und Telegrafenleitungen. Sie befeuern die Massenproduktion, erheben hohe Zölle, um die heimische Industrie zu schützen, und pochen auf die strikte Einhaltung des Goldstandards, was vor allem Banken und Großkreditgebern zugutekommt. Anhänger findet die GOP aber auch unter Kleinunternehmern, darunter viele Nachfahren der frühen Einwanderer aus England, Deutschland und Skandinavien. Sie steht jetzt für das protestantische Establishment – und gegen jene, die aus seinen Reihen ausgeschlossen sind: die Arbeiter in den Städten, die arme Landbevölkerung, insbesondere des Südens, sowie Katholiken und Juden.

Sie verteufeln den "aufgeblähten Staat"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Die Große Depression nach dem Börsencrash von 1929 stürzt die Partei dann in eine schwere Krise. Ihre auf Großbanken und Großunternehmen zugeschnittene Politik ist so offensichtlich gescheitert, dass sich die Wähler abwenden und um die neu erstarkte Demokratische Partei Franklin D. Roosevelts scharen. Dessen New-Deal-Politik legt das Fundament für den Wohlfahrtsstaat, reguliert die Finanzmärkte und schafft einen gewissen Ausgleich im ungleichen Kräftespiel zwischen Arbeitern und Arbeitgebern. Sie besteuert die Reichen und verteilt den Wohlstand zugunsten der Armen um. Unterbrochen lediglich durch die Präsidentschaft Dwight D. Eisenhowers von 1953 bis 1961 (der nur deshalb gewählt wurde, weil er die Früchte des New Deal ernten konnte), dominiert die Partei Roosevelts mehr als 35 Jahre lang.

Diese Durststrecke wird zum Nährboden für eine neue, diesmal rechte Spielart des republikanischen Radikalismus. Ihr Pionier ist Barry Goldwater, Senator aus Arizona und 1964 Präsidentschaftskandidat; zu ihrer Lichtgestalt wird der Filmstar Ronald Reagan, zunächst Gouverneur von Kalifornien und von 1981 bis 1989 Präsident der Vereinigten Staaten.

Die neuen Radikalen ziehen gegen den "aufgeblähten Staat" zu Felde. Entscheidend für ihren Wahlerfolg aber ist die Rassenfrage. Hatte der Radikalismus der Republikaner in den 1860er Jahren darin bestanden, für die Emanzipation der Afroamerikaner zu kämpfen, weist er 100 Jahre später in die entgegengesetzte Richtung. Nun will die Partei die Erfolge der Bürgerrechtsbewegung ausbremsen, ja wenn möglich rückgängig machen. Bis heute hat sich daran nichts geändert: Erst kürzlich verharmloste Trumps Minister für Wohnungsbau Ben Carson, obgleich selbst Afroamerikaner, die Verschleppung Millionen versklavter Menschen als "Einwanderung".