Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/Reuters

=Donald Trump hat den Protektionismus erfunden. Das glauben zumindest seine Kritiker. Ich bin, gelinde gesagt, erstaunt über diese Wahrnehmung. Ausländische Firmen und Investoren haben auch in der Vergangenheit in den USA keineswegs sperrangelweit offene Türen vorgefunden. Im Gegenteil.

Ich gehe mal davon aus, dass die Trump-Kritiker gar nicht wissen, wovon sie sprechen, sie selber also nie in Amerika Geschäfte gemacht haben. Denn dort wird man, das lehrte mich meine eigene Erfahrung, nur dann mit offenen Armen empfangen, wenn man total überhöhte Preise für Immobilien und Filmstudios zahlt. Wie die Japaner in den 1980er Jahren. Wenn man bereit ist, Milliarden an Dollar zu verlieren mit einer Beteiligung an Chrysler. Wie Daimler in den 1990er Jahren. Oder wenn man Investmentbanken für absurd hohe Preise kauft. Wie Schweizer Großbanken.

Die Statistiken zeigen denn auch, dass in den letzten 15 Jahren der Umsatz, der Gewinn und die Rendite der ausländischen Firmen in den USA teils massiv zurückgegangen sind.

So wurde zum Beispiel 2010 das Steuer-Abkommen Fatca eingeführt. Es kostet ausländische Banken jährlich Hunderte Millionen Dollar. Die Geldinstitute müssen US-Bürger seither hysterisch-bürokratisch kontrollieren, sonst drohen ihnen riesige Bußen. Eine Politik, die nicht ohne Folgen geblieben ist: Der Marktanteil der ausländischen Banken ist in den USA innerhalb von wenigen Jahren deutlich zurückgegangen.

Ich selber sah eine neue Chance im Iran: Nachdem gewisse Sanktionen weggefallen waren, empfahl ich meinen Kollegen, Teheran zu besuchen. Sicherlich würden dort neue Geschäftsmöglichkeiten warten, dachte ich. Und das stimmte auch. Nur gab es einen kleinen Haken: Wer kein Amerikaner ist, den Iran besucht und später wieder in die USA einreisen will, kann sein Visum nicht rasch und unkompliziert online über Esta bestellen. Er muss dieses beim Konsulat beantragen. Und so lange können Geschäfte oft nicht warten. Die Einreisehürde ist ein wirksames Mittel, um jene Geschäftsleute zu bestrafen, die im Iran erfolgreich Geld verdienen wollen – und damit die Amerikaner konkurrenzieren könnten.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Sicher: Auch andere Länder machen ausländischen Unternehmern traditionell das Leben schwer. Es ist bestimmt kein Genuss, mit den italienischen Behörden zu verhandeln oder die französischen Steuerämter am Hals zu haben. Klar ist aber auch: In den USA ist der Protektionismus deutlich älter als die Amtszeit von Donald Trump. Wer wollte den lokalen Wertschöpfungsanteil von 60 auf 70 Prozent erhöhen? Es war Barack Obama. Der geschickte Rhetoriker und kultivierte Intellektuelle hat sicher die Bücher von Joseph Nye (The Future of Power) gelesen und von ihm seine Taktik des Regierens entlehnt: Er versuchte das Verhalten der anderen ohne strikte Verbote zu beeinflussen. Soft power nennt man das.

Donald Trump ist das Gegenteil. Er kommt aus einer anderen amerikanischen Schule, derjenigen des Wilden Westens. Sicher hat sich der amerikanische Präsident High Noon, den berühmten Western aus den 1950er Jahren, mehrmals angeschaut. Er erzählt die Geschichte eines einsamen Helden, der gegen viele Feinde kämpfen muss.

Ob Trump einst als einsamer Held in die Geschichte eingehen wird? Vielleicht. Der erste Protektionist ist er mit Bestimmtheit nicht. Deshalb noch ein Rat an meine geschätzten Leserinnen und Leser: Wenn Ihnen ein Amerikaner während einer Verhandlung sagt, er hege "no personal feelings", dann gehen Sie in Deckung. Unmittelbar danach folgt der K.-o.-Schlag.