Der Regierungsrat fürchtet um die Sicherheit auf den Straßen von Zürich. Der Blick- Chefredaktor macht sich zum Vormund der 130.000 Türken in der Schweiz und fordert auf seiner Titelseite: Wer nicht gegen Erdoğan ist, hat hier nichts verloren. Ein Bundesrat telefoniert sich derweil einen Samstag lang die Ohren wund.

Und all das, weil der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu in der Schweiz für ein Verfassungsreferendum werben wollte, mit dem sein Chef Recep Tayyip Erdoğan seinem Land ein Präsidialsystem verpassen will.

Lässt man einmal beiseite, dass ein türkischer Alleinherrscher dem eigenen demokratischen Staatsverständnis widerspricht und dass Erdoğan seine Minister vor allem deshalb auf eine Tour d’Europe schickt, weil er den Westen provozieren und seine Wählerschaft im eigenen Land auf ideologischen Kurs bringen will, so bleibt die Frage: Wie gehen Regierungen mit ihren Mitbürgern um, die im Ausland leben? In einer Zeit, da die Menschen ein Jahr hier, ein Jahr dort arbeiten, zu Hause studieren und im Ausland doktorieren. In einer globalisierten Welt, da Auswandern nicht mehr bedeutet, für immer weg zu sein.

Es ist eine Frage, die auch die Schweiz betrifft, aber die sich hierzulande kaum jemand stellt.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Für Recep Tayyip Erdoğan ist die Sache klar. Er will die Stimmen der drei Millionen Ausland-Türken. Auch der damalige Präsidentschaftskandidat Barack Obama dürfte 2008 die Gunst der eigenen Diaspora im Auge gehabt haben, als er in Berlin eine Rede vor dem Brandenburger Tor halten wollte – und damit die deutsche Bundesregierung in Erklärungsnot brachte. Schließlich sprach er vor der Siegessäule.

Schweizer Bundesräte oder Parteipräsidenten hingegen schweigen in der Fremde lieber. Dabei lebten im vergangenen Jahr 775.000 ihrer Landsleute im Ausland. Das sind fast zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, Tendenz steigend. Die meisten haben sich in Frankreich, Deutschland und in den USA niedergelassen, am stärksten wächst die Schweizer Diaspora in Asien. Gäbe es einen Kanton Auslandschweiz, er wäre nach Zürich und Bern der drittgrößte – nur: Politisch haben diese Exilanten nichts zu sagen. Mit dem Sozialdemokraten Tim Guldimann, dem ehemaligen Schweizer Botschafter in Deutschland, der lieber in Berlin als Bern wohnt, stellen sie zwar ihren ersten und bisher einzigen Nationalrat. Mehr politische Teilhabe ist aber nicht. Nur jeder vierte Auslandschweizer, der im stimmfähigen Alter ist, spielt überhaupt mit dem Gedanken, an einem nationalen – und je nach Herkunft auch an einem kantonalen – Urnengang teilzunehmen. Dafür muss er sich in seiner Botschaft in ein Stimmregister eintragen lassen.

Auch die Parteien kümmern sich kaum um die Auslandschweizer. Dabei würde es sich gerade für den SP-Parteipräsidenten Christian Levrat durchaus lohnen, einmal nach Paris zu reisen und vor dem Schweizer Club eine Rede zu halten. Oder sich bei seinen Miteidgenossen in Berlin, Toronto oder Shanghai zu zeigen. Denn, das zeigt eine Untersuchung des Politikwissenschaftlers Thomas Milic: Die Sozialdemokraten waren bei den nationalen Parlamentswahlen im Herbst 2015 die stärkste Partei in der Fremde.