Wenn in diesem Herbst der neue Bundestag zum ersten Mal tagt, wird der älteste Abgeordnete der wichtigste sein. Der sogenannte Alterspräsident eröffnet die Sitzung, leitet die Wahl des Bundestagspräsidenten und hält die erste Rede vor all den neu und wiedergewählten Kollegen. Herbert Wehner hatte diesen Posten inne, Willy Brandt und Otto Schily. Dieses Jahr könnte der Ehrentitel einem dann 77-jährigen Vertriebenenfunktionär mit sechs Kindern zufallen: Wilhelm von Gottberg, Politiker der AfD.

Sollte Gottberg gewählt werden – und dafür müsste die Partei nur ihre aktuellen Umfragewerte von rund neun Prozent halten –, bedeutete das einen Paradigmenwechsel in der deutschen Politik: Gut 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs träte ein Mann auf die Bühne der parlamentarischen Demokratie, der die deutsche Geschichte anders interpretieren will.

Über den Holocaust schrieb er einst im Ostpreußenblatt: "Als wirksames Instrument zur Kriminalisierung der Deutschen und ihrer Geschichte wird immer noch (...) der Völkermord am europäischen Judentum herangezogen." Und den Neonazi-Liedermacher Frank Rennicke bezeichnete er zwar als "nationalen Fanatiker", führte Kritik an einem seiner Lieder aber zugleich als Beleg für eine angebliche "Hatz auf alles, was rechts ist", an. Jene, die ihn als Antisemiten beschimpften, hat er (oft erfolglos) vor Gericht gezerrt. Nicht nur der Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke will den Revisionismus mit seinen Forderungen nach einer "erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad" verbreiten. Gottberg klang mitunter ähnlich.

Am Montag betritt Wilhelm von Gottberg das Gasthaus Klipp im niedersächsischen Lemgow. Mit seinem langen schwarzen Mantel, dem dunklen Anzug und dem grauen Haarkranz ist er eine elegante Erscheinung. Gottberg ist für die Sitzung des Kreistags von Lüchow-Dannenberg hergekommen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

20 Jahre lang hat er hier im Namen der CDU Schulpolitik gemacht. Unermüdlich hat er sich für die Konservativen eingesetzt, er war ehrenamtlicher Bürgermeister seines Heimatorts Schnega, selbst in der Hauptstadt kannte man den fleißigen Lokalpolitiker. Seinen Parteikollegen war er jedoch irgendwann zu antiquiert, sie musterten ihn aus. So erzählt es einer, der die CDU in Lüchow gut kennt.

Im November 2016, kurz nach den niedersächsischen Kommunalwahlen, war Gottberg plötzlich wieder da: als Abgeordneter der AfD. Mit seinen beiden Fraktionskollegen sitzt er seitdem am rechten Ende des Tisches. Ein Geschmähter, der Rache von rechts nimmt.

Als Gottberg heute hereinkommt, erkennt er, dass seine ehemaligen Kollegen von der CDU ihre Namensschilder auf die AfD-Plätze gestellt haben, um ihm eins auszuwischen. Ein harmloser Scherz. Aber Gottberg kann sich darüber nicht amüsieren, er wird wütend. "Das hier geht so nicht, das ist mein Platz", sagt er. Und er beginnt, seine alten Weggefährten umzusetzen, schreitet die Sitzreihen entlang, räumt Namensschilder weiter nach links, stellt Stühle um – bis am rechten Rand wieder Platz ist für ihn und seine Kollegen von der AfD.

Dem anwesenden Reporter der ZEIT sagt er: "Ich warne Sie, acht Verleumdungsprozesse habe ich schon geführt – sechs davon habe ich gewonnen!"

Um zu erfahren, was für ein AfD-Politiker wohl bald den Ehrenposten im Parlament einnimmt, muss man daher in Gerichtsakten und Zeitungsarchiven nach Gottbergs Vergangenheit forschen. Dort findet man Antworten auf die Frage, was diesen Mann so werden ließ.