Es ist ein Leichtes, über Matthias Schweighöfer zu spotten, den rastlosen, rührend offenherzigen, ewig jungen Mann der seichten Komödien und des volksschauspielhaften Massenerfolgs, den Deppen, der immer einen auf den Deckel kriegt und dabei so treuherzig guckt, dass ihn die Frauen trotzdem oder erst recht lieben, den "ewigen Praktikanten" (ZEIT Nr. 7/14) und immerzu Süßen, der bei Männern zuverlässig Aversionen auslöst. Es stimmt wohl leider, dass von einem bestimmten Zeitpunkt an jeder zur Karikatur seiner selbst wird. Schweighöfer aber schien dieses Schicksal besonders früh zu ereilen.

TV - "You are Wanted" (Trailer) © Foto: Amazon

In der ersten deutschen Serie des Streamingdienstes Amazon Prime Video You Are Wanted, die ab Freitag läuft, ist jedenfalls deutlich das Bemühen zu besichtigen, sich vom Rollenkorsett des schnuckeligen Trottels zu lösen, und klar, man kann darüber klagen – die ersten Besprechungen sind sehr frühzeitig erschienen –, dass diese deutsche Serie nicht an die so supertollen amerikanischen Produktionen wie Breaking Bad, Fargo oder True Detective heranreicht. Aber das ist auch schon selbst so ein festgefahrener Topos, der jeden halbwegs fairen Blick verstellt.

Die zwei ersten Folgen waren für Rezensionen vorab zu sehen, und sie entfalten ein klassisches Thrillerszenario. Sie sind streng plotgetrieben, wie es sich gehört, mit wenig Raum für Charakterentfaltung, was auch nur stören würde. Schweighöfer spielt einen jungen, vermögenden und einigermaßen wohlstandsverwahrlosten Familienvater und Manager in Berlin, dessen Leben durch einen Hacker zerstört wird. Der Hacker manipuliert alle Computer der Familie, kontrolliert die Kameras der Hauptstadt, lässt für einige Zeit den Strom in Berlin flächendeckend ausfallen. Die um zärtliche Blicke ansonsten nie verlegene Gattin (Alexandra Maria Lara) verliert zunehmend die Nerven, als ihr Mann, mit dessen Identität gespielt wird, ins Visier der Polizei und der Geheimdienste gerät und seinen schönen Job zu verlieren droht. Der kleine Sohn ist auch in Gefahr, und da ist es vollends vorbei mit der Illusion, sich mit Updates von Virenprogrammen aus dem Albtraum zu befreien.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Die Serie konzentriert sich ganz auf den Hauptdarsteller, und man folgt dem mental zunehmend labilen Schweighöfer gerne durch die Kellergeschosse Berlins, wo ungewaschene Computeraktivisten die Netzwerke von Ölkonzernen und anderen Bösewichten manipulieren, und man rätselt etwas, warum sich jemand aus den Reihen der Nerds zum bösen Gott der Netzwerke emporgehoben hat, um die Lebensgrundlage von eher harmlosen, normal unsympathischen Individuen zu vernichten. Der Joker, der fiese und kriminelle, die Welt aus den Angeln hebelnde Satan, wie er in jedem Bond-Film verewigt ist, treibt die Handlung voran, zieht die Strippen, und das ist, man muss es so platt sagen, zunächst einmal so massenkompatibel wie spannend. Man möchte die dritte und vierte Folge sehen. Trotz aller berechtigten Kritik an der etwas dick aufgetragenenen Familienrührseligkeit ist dies bei der derzeitigen Serienflut selten genug.

"You Are Wanted" läuft ab 17. März auf Amazon Prime.