Zweimal im Jahr werden 1,6 Milliarden Menschen auf der Welt Teilnehmer eines Langzeitexperiments ungewissen Ausgangs: immer dann nämlich, wenn die Uhren umgestellt werden. Am 26. März ist es wieder so weit. Nachts um zwei springt an allen funkgesteuerten Uhren der kurze Zeiger um eine Stunde nach vorn. Diese Maßnahme, die ursprünglich der Energieeinsparung in den beiden Weltkriegen dienen sollte, wurde in der Bundesrepublik erst 1980 wieder lanciert – als Reaktion auf die Ölkrise. Dabei war die Zeitumstellung schon bei ihrer ersten Einführung vor mehr als hundert Jahren unbeliebt. Heute mehren sich die Hinweise darauf, dass die Manipulation der Uhrzeit für manche gefährlich ist – und in Extremfällen sogar Leben kosten kann.

Die jüngsten Forschungsergebnisse zur gesundheitlichen Auswirkung der Zeitumstellung auf Menschen kommen von der amerikanischen Ostküste: Forscher des Boston Medical Center haben untersucht, ob die Umstellung das Risiko einer Fehlgeburt bei In-vitro-Fertilisationen erhöhen kann. Sie werteten dafür die Daten von mehr als 1.600 Frauen aus, die sie in drei getrennten Gruppen betrachteten. In der ersten Gruppe fand die Uhrenumstellung kurz vor der Einpflanzung des Embryos statt, in der zweiten Gruppe in den ersten drei Wochen danach. In der dritten – der Kontrollgruppe – vergingen zwischen Transfer und Umstellung mehr als sechs Wochen.

Die Ergebnisse waren erstaunlich: Zwar wurden die Frauen in jeder Gruppe gleich häufig schwanger. Doch erlitt beinahe jede vierte Frau der zweiten Gruppe – also jene, die sich in den ersten drei Wochen nach dem Embryonentransfer an eine neue Uhrzeit gewöhnen mussten – eine Fehlgeburt. In Gruppe eins und drei schwankte die Quote zwischen 10 und 12,5 Prozent. Vor allem Frauen, die bereits zuvor einen Abort hatten, traf es hart: In Gruppe zwei betrug die Verlustrate 60 Prozent, in Gruppe eins 32,4 Prozent und in der Kontrollgruppe 22,4 Prozent. Die Ergebnisse, die im Journal Chronobiology International veröffentlicht wurden, dürften die Debatte um die Gefährlichkeit der Zeitumstellung anheizen.

Dass eine Uhrzeit überhaupt einen Effekt auf unseren Organismus haben kann, hat mit ein paar Zellen zu tun, die zwei Zentimeter hinter den Augen liegen, über der Kreuzung der Sehnerven. Dieser Suprachiasmatische Kern ist der Taktgeber des sogenannten circadischen Takts, der "inneren Uhr". Diese Zentraluhr synchronisiert nicht nur die zahlreichen untergeordneten Uhren, die sich in verschiedenen Organen unseres Körpers befinden, wie zum Beispiel in unserer Leber, in der die innere Uhr die Produktion von Glukose reguliert oder unser Herz im Morgengrauen auf das Aufwachen vorbereitet. Sie steuert auch die Körpertemperatur, den Blutdruck, die Hormonproduktion, das Schmerzempfinden, das Hungergefühl und den Stoffwechsel. Ihre wichtigsten natürlichen Zeitgeber sind die Helligkeit und die Dunkelheit. "Die meisten Lebewesen richten sich nach dem Licht-Dunkel-Wechsel, weil alle anderen tagesrhythmischen Prozesse am besten damit voraussagbar sind", sagt Till Roenneberg, Leiter der Abteilung Humane Chronobiologie der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Ob es sich nun um Temperaturveränderungen handelt oder um das Auftauchen von Feind und Futter: Meist hängen auch diese Ereignisse mit dem Verhältnis von Licht und Dunkelheit zusammen.

Ignoriert der Mensch das Ticken der inneren Uhr, so hat die Chronobiologie festgestellt, wird er bestraft: durch Müdigkeit, Unaufmerksamkeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie sind das Resultat einer Diskrepanz zwischen unserem biologischen Rhythmus und der Außenzeit. Forscher sprechen auch vom sozialen Jetlag. Das Phänomen betrifft den Menschen spätestens seit der Industrialisierung und der Erfindung des elektrischen Lichts. Seit sich die Erwerbsarbeit vor allem in Gebäuden abspielt, sind viele Menschen praktisch rund um die Uhr von Dämmerlicht umgeben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Seit den 1990er Jahren beschäftigen sich Chronobiologen und Mediziner intensiv mit dem Phänomen. Ihre Ergebnisse sind nicht einheitlich – aber dass ein Leben gegen die eigene innere Uhr Schäden verursacht, darüber sind sich die Experten einig.

In den beiden Tagen nach der Zeitumstellung ist der Mensch offenbar einem höheren Schlaganfall-Risiko ausgesetzt. Darüber berichteten finnische Mediziner unter Jori Ruuskanen von der Universität Turku vergangenes Jahr auf der Tagung der American Academy of Neurology. Grundlage ihrer Untersuchung waren Krankenhausdaten von zehn Jahren. Sie verglichen die Häufigkeit von Schlaganfällen in der Woche nach der Zeitumstellung mit der Häufigkeit zwei Wochen vor und zwei nach der Umstellung auf die Sommerzeit. Die Ergebnisse zeigten, dass nach der vorgeschobenen Stunde mehr Menschen mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert wurden als in der restlichen Zeit: Die Rate der Schlaganfälle war in den ersten beiden Tagen nach der Umstellung um acht Prozent erhöht. Besonders empfindlich würden Frauen, Krebspatienten und Senioren jenseits der 65 auf die umgestellte Zeit reagieren.