Der Freund schwankt und wedelt mit den Armen wie eines dieser schlaksigen Aufblasmännchen, die vor Tankstellen und neu eröffneten Möbelhäusern zappeln. Er ist ein paar Jahre älter als ich und gerade leicht verspätet, dafür ausführlich angetrunken zur Geburtstagsfeier von einem unserer Freunde gestoßen, selbstverständlich wieder in derselben dusteren, zugigen, brülllauten Bar wie immer.

Er hält sich kichernd an meinem Jackenkragen fest, und ich kann endlich unauffällig in seine Manteltasche fassen. Ich lege was hinein: ein Kärtchen aus feinem Karton, das ich mir in hundertfacher Ausführung für genau solche Fälle drucken ließ. "Mal aufs Alter achten" steht darauf.

Dann gehe ich als Erste heim. Es ist halb zwei, früher habe ich zu dieser Zeit überhaupt erst das Haus verlassen. Der frühe Aufbruch hat einen Grund: Man sieht es nicht gleich, aber ich bin eine Greisin. Gut, tatsächlich bin ich 44 Jahre alt. Bestimmt nicht mehr jung, aber noch nicht richtig alt, ich schwanke gerade kippelig in der Mitte. Das ist ein unangenehm instabiler Zustand, und darum habe ich mich entschlossen, das vorgezogene Leben einer alten Frau zu führen.

Das ist keine Attitüde, das ist mein voller Ernst. Die Alten haben schon längst die gesellschaftliche Erlaubnis, immer länger jung zu sein – warum dürfen die Jungen sich dann nicht früher alt benehmen? "Die Jugend wäre eine schönere Zeit, wenn sie erst später im Leben käme", hat Charlie Chaplin mal gesagt. Ich fände es schöner, wenn das Alter früher käme. Nämlich dann, wenn die unangenehmen Seiten dieser Lebenszeit den Spaß daran noch nicht verderben. Der hinfällige Leib. Das knappe Geld. Ständig stirbt jemand, den man mag.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Also habe ich den Renten-Lifestyle in die Erwerbstätigkeit vorverlegt. Ich gehe abends so gut wie nicht mehr aus, dafür früh zu Bett. Ich gehe viel spazieren und höre nur noch Musik, die mindestens 20 Jahre alt ist, und lungere viel in Reformhäusern herum. Seit einem Jahr färbe ich meine Haare nicht mehr, wenn die Strähne vorne links günstig fällt, habe ich einen schmalen weißsilbrigen Streifen, wie ein Dachs mit Seitenscheitel. Ich habe eine drängelige Mail an meinen liebsten botanischen Garten geschrieben, doch gefälligst die Frühjahrseröffnung vorzuziehen. Urlaub buche ich nicht mehr auf Bali oder in San Francisco, sondern in Mecklenburg.

Noch bin ich alleine in dieser Bewegung, keiner meiner Altersgenossen will so richtig mitmachen. All die abgeschlafften, durch die sich niemals auflösende Rushhour des Lebens hetzenden Dreißig- bis Mittvierzigjährigen, die dachten, der Zeit und ihrem Kumpel Verfall ein Schnippchen schlagen zu können, indem sie beschlossen, einfach ewig jung zu bleiben und sich alles zu nehmen: die verstrauchelten Nächte und die Karriere, das ewig kindische Verhalten und die eigenen Kinder. Während die anderen sich abstrampeln und gegen den Strom der Zeit zum Jungbrunnen schwimmen, lasse ich mich wie ein toter Fisch in die Gegenrichtung mitreißen.

Ich schaue noch zu, was die Bekannten so treiben, aber mit schwindendem Interesse. Ihre stolz geposteten Fotos von Kaschemmennächten und ausgetrunkenen Schnapsgläsern und die bedeutsam gemeinten Facebook-Einträge, die auf dem schmalen Grat zwischen deep und Depp tänzeln.

Echte junge Leute sehe ich nur noch am Vormittag, wenn die angeschlagenen Berghainis heimkehren. Ich wohne um die Ecke. Sie begegnen mir, während ich elastisch zum Bäcker federe und mir einen Gewürzbriegel oder ein anderes geheimes Gebäck kaufe, das nur die kennen, die früh genug aufstehen, weil es ab zehn ausverkauft ist.

Bis vor ein paar Jahren bin ich selbst oft als munteres Schnapsfohlen durch die Kneipen getrabt, obwohl das altersmäßig, objektiv betrachtet, schon nicht mehr drin war. Im Rückblick kommt mir manchmal der Verdacht, es habe mir vielleicht nicht wirklich so viel Spaß gemacht. Das ganze verlängerte Jungsein war ja doch recht anstrengend. Als zwänge man sich in eine Hose, die eigentlich nicht mehr passt. Ich erinnere mich gut an den Moment, in dem ich wusste: Das war es mit dem Jungsein. Es war am Ende eines dreitägigen Musikfestivals, und ich versuchte, mein Zelt abzufackeln, als Fanal des Abschieds. Leider glimmte es nur schwächlich vor sich hin, nichts war es mit der gleißenden Stichflammensäule, in deren Schein ich in ein behaglicheres altes Leben davonschlendern wollte.