Die Geisteswissenschaften fühlen sich bedroht von Ressentiments gegen das Akademische. Dabei kommt der Antiakademismus oft aus den Universitäten selbst.

Zeitgleich zur Einführung Donald Trumps in das Amt des amerikanischen Präsidenten schien festzustehen: Trumpismus ist Antiakademismus von Staats wegen. Als ein deutliches Zeichen dafür wird Trumps jüngst in seinem ersten Haushaltsentwurf bekräftigtes Vorhaben gedeutet, die staatlichen Mittel zweier Förderprogramme für Kunst und Geisteswissenschaften zu streichen. Für die Geisteswissenschaften waren das in gewisser Weise gute Nachrichten. Mit vollem Recht und in Solidarität mit den amerikanischen Kolleginnen und Kollegen konnten sie nun weltweit behaupten, Angriffen ausgesetzt zu sein. Diese Nachricht versah sie unmittelbar mit dem Gütesiegel der Aktualität und bestenfalls sogar der Relevanz.

Belebt wurde dadurch zugleich eine gut bekannte Wechselwirtschaft zwischen Kritik und Krise, auf die insbesondere die Geisteswissenschaften angewiesen sind. Kritik ist ihr Beruf, und Krisen sind ihr Gegenstand – denn diese sind Auffälligkeiten und Abweichungen vom Normalbetrieb und daher leichter zu beschreiben und zu analysieren als Unauffälligkeiten. Trumps Invektiven erleichtern von daher erst einmal die Beschreibung dessen, was Antiakademismus sein könnte: Zerstörungswille gegenüber allen möglichen staatlichen Einrichtungen (Antiinstitutionalismus) und Feindschaft gegenüber allen, die vor allem geistig arbeiten (Antiintellektualismus). Um sich dem entgegenzustellen, fühlen sich insbesondere die Geisteswissenschaften herausgefordert, ihre Daseinsberechtigung nachzuweisen. Dazu ist die Lagebeschreibung ihrer Fächer notwendig, die praktischerweise die Beschäftigung mit sich selbst aufwertet.

Wann immer die Geisteswissenschaften zur Selbstbeschreibung aufgerufen sind, ist akademischer Antiakademismus ein beliebter Antwortmodus, der sich selbstverständlich von der trumpistischen Variante unterscheiden möchte.

Wie bei allen Formen des Anti-Seins geht es darum, zu sagen, dass man etwas nicht will

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Hier gibt es zwei Probleme. Erstens: dass es alles andere als ausgemacht ist, was genau der Akademismus sein soll, gegen den sich Antiakademismus wendet. Eine vorläufige akademische Antwort könnte sein, dass es sich bei Akademismus um eine bestimmte Einstellung handelt, eine gewohnheitsmäßige Loyalität zu der Institution, die einem das Privileg einer Hochschulausbildung gesichert hat. Loyalitäten und Privilegien reizen zum Antiakademismus: Denn die Vermutung liegt nahe, dass sich Loyalität nicht nur im Sozialverhalten, sondern auch in einem exklusiven Denken, Schreiben, Arbeiten ausdrückt, das die Trampelpfade des eigenen Faches nicht verlassen kann und damit kein neues Wissen produziert und schon gar keines, mit dem irgendwer außerhalb von Expertenrunden etwas anfangen kann.

Der Antiakademismus zwingt die Geisteswissenschaften in einen selbstbezüglichen Diskurs, der ihnen anschließend wieder zum Vorwurf gemacht wird. Das macht es schwer, ihm etwas entgegenzusetzen. Doch die Auseinandersetzung mit diesem Problem – die Beschreibung ihres eigenen Tuns – sollten sich die Geisteswissenschaften nicht so leicht aus der Hand nehmen lassen. Dazu allerdings müssen sie antiakademisch bleiben: Das heißt, sie müssen sich mit den lange eingeübten Affekten und Standardeinstellungen beschäftigen, die eine notwendige Selbstkritik überlagern.

Zudem, und das ist das zweite Problem, kommen Angriffe auf den Akademismus keineswegs nur aus der allgemeinen Öffentlichkeit – von Politikern wie Trump, der für die Geschichte und Gegenwart der Bildungsinstitutionen schlicht nichts übrig hat.

Antiakademismus kommt vor allem aus der Universität selbst. Am besten etabliert ist er in der Kunstgeschichte, und zwar als Kunstkritik. Die zur deutschen Nazarener Schule gehörenden Maler, die sich im 19. Jahrhundert als Antiakademiker bezeichneten, waren konservativ bis reaktionär eingestellt. Mit ihrer religiös durchtränkten Historienmalerei wollten sie der Kunst einen sakralen Charakter zurückgeben, den sie in der Lehre der Akademien in Gefahr sahen. Deren Hinwendung zu weltlichen Themen seit der Renaissance wollten sie rückgängig machen und zur christlichen Malerei des Mittelalters zurückkehren.

Im heutigen Sprachgebrauch wird der Begriff Antiakademismus mit intellektuellen und künstlerischen Avantgarde-Bewegungen verbunden, denen die Institutionen, die sie ausgebildet haben und möglicherweise sogar beschäftigen, zu konservativ sind. Dabei ist es von Vorteil, wenn der Akademismus, gegen den sich der Antiakademismus jeweils wendet, unscharf bleibt. Denn so kann man den Antiakademismus auf eine ganze Reihe von Phänomenen beziehen, die bestenfalls lose miteinander zu verbinden sind: vom Studierendenstreik über poststrukturalistische Schreibstile bis hin zu Beschwerden über die Forschungsförderung.