Nika*, Mitte 20, langes dunkles Haar, weiß noch, was sie dachte, als die Modekette H&M ihr ein Jobangebot machte: Volltreffer! "Ich mochte H&M gerne", erinnert sich Nika und fährt mit den Händen über Bluse, Strickjacke und Hose. "Alles H&M", sagt sie. "Ich dachte: Es ist meine große Chance, da richtig reinzukommen." Heute, fünf Jahre später, würde sie ihrem jüngeren Ich wohl zurufen: "Lass die Finger davon! Sei nicht so naiv! Unterschreib nicht!"

Denn der Vertrag, den H&M der jungen Frau vorlegte, war kein normaler Arbeitsvertrag. Die Firma nennt Mitarbeiter wie sie "Flexkräfte". Zehn Stunden pro Woche sind ihr fest zugesichert. Der Rest läuft flexibel unter Mehrarbeit. In manchen Monaten arbeitet Nika nur zehn Stunden pro Woche, also 40 im Monat, in anderen sind es 100, manchmal auch 150. Nika holt eine Mappe mit den Lohnberechnungen. Sie zeigt auf den Nettoverdienst. "Nur zwei Beispiele aus dem vergangenen Jahr: Hier im Juni habe ich 440 Euro verdient, und im August waren es dann über 1.000. Da merkt man die Schwankungen sehr."

In guten Monaten kommt sie, die sparsam lebt, mit dem Geld über die Runden, in schlechten rutscht sie in den Dispo und ist auf die Hilfe ihres Freundes angewiesen. Er bürgt auch für die gemeinsame Zweizimmerwohnung in Hamburg.

Nun könnte man einwenden, dass Nika das hätte wissen müssen, als sie den Vertrag unterschrieb. Denn H&M räumt darin ein, "dass die Vergütung entsprechend dem Umfang des Stundeneinsatzes variieren kann und somit gegebenenfalls nicht geeignet ist, eine stabile Einkommensgrundlage zu liefern". Auf Nachfrage teilt H&M mit, der Flexvertrag sei vor allem gedacht für "Studenten und Mütter", Menschen, die einen Nebenjob suchen.

Schätzungen zufolge sind 1,5 Millionen Menschen in Deutschland betroffen

Nika ist keine Studentin, Mutter würde sie gerne bald werden, aber wegen ihrer unsicheren Einkommenslage haben ihr Verlobter und sie Hochzeit und Familiengründung aufgeschoben. Nika hatte den Traum, auf ihrer Arbeit als Verkäuferin ein Leben aufbauen zu können. Unabhängig, abgesichert, erwachsen eben. Bis sie endgültig begriffen habe, dass das mit ihrem Vertrag nicht möglich sein würde, seien Jahre vergangen. Sie sagt, "Solche Verträge sind nicht menschlich, nicht gerecht, und ich frage mich, warum das in Deutschland erlaubt ist."

Die Antwort findet sich im Teilzeit- und Befristungsgesetz, das am 1. Januar 2001 in Kraft trat. Eines der vielen Instrumente, die Bewegung in den vermeintlich starren deutschen Arbeitsmarkt bringen sollten. Nika fällt unter einen Paragrafen, über den kaum jemand redet: § 12, "Arbeit auf Abruf". Darin steht: "Arbeitgeber und Arbeitnehmer können vereinbaren, dass der Arbeitnehmer seine Arbeitsleistung entsprechend dem Arbeitsanfall zu erbringen hat."

Nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) arbeiten in Deutschland 1,5 Millionen Beschäftigte auf Abruf. Wie viele von ihnen tatsächlich von dieser Arbeit leben wollen und wie viele mit sporadischen Einkünften aus einem Nebenjob zufrieden sind, ist nicht erhoben. Allerdings gaben laut DIW über die Hälfte der Abrufarbeiter an, Vollzeit zu arbeiten. Das spricht dafür, dass es für sie nicht bloß um einen Gelegenheitsjob geht.