Neunzig Minuten dauert das Gespräch, zu dem Barack Obama am 10. November Donald Trump im Weißen Haus empfängt. Zwei Tage zuvor ist Trump zum neuen US-Präsidenten gewählt worden, und Obama hat seinem Nachfolger eine reibungslose Machtübergabe versprochen. Jetzt sitzen die beiden Männer allein im Oval Office, und Obama weiht Trump in die wichtigsten Staatsgeheimnisse ein, damit der von Tag eins an handlungsfähig ist. Unter den drei dringendsten Sicherheitsproblemen, so viel dringt später über die Unterhaltung nach außen, nennt Obama an erster Stelle die Bedrohung Amerikas durch das nordkoreanische Atomwaffenprogramm. Trump deutet kurz darauf im Gespräch mit Redakteuren der New York Times an, es gebe da ein "großes Problem für das Land". Die Journalisten schließen aus seinen Andeutungen, dass es um Nordkorea gehe.

Obama hat dieses Problem liegen lassen. Er sah keinen Sinn in Verhandlungen mit der stalinistisch-feudalistischen Diktatur des 33-jährigen Machthabers Kim Jong Un. Stattdessen setzte er auf "strategische Geduld". Doch mit dieser Geduld hat er vor allem eines erreicht: eine Atommacht Nordkorea, die sich ihrer Sache mittlerweile so sicher ist, dass sie immer unverfrorener provoziert. Gegen alle UN-Resolutionen testet sie Atomsprengsätze und Raketen – Raketen, die bald auch Amerika erreichen könnten.

Niemals werde dies geschehen, erklärt die Regierung Trump. "Die Zeit der strategischen Geduld ist vorbei", verkündete Außenminister Rex Tillerson am vergangenen Freitag bei einem Besuch in Südkorea. Und er drohte: "Alle Optionen liegen auf dem Tisch." Auch einen Präventivschlag wollte Tillerson nicht mehr ausschließen.

Krieg gegen Nordkorea? Wer diese Option erwägt, riskiert auch den Konflikt mit China, der Schutzmacht des Nachbarstaates. Denkbar wäre natürlich auch eine Kooperation der beiden Großmächte USA und China, mit dem Ziel, das Regime in Pjöngjang zu zwingen, seine Nuklearpläne aufzugeben. Aber dazu fehlt es derzeit am notwendigen Vertrauen zwischen Washington und Peking. Es bleibt als dritter Weg der Versuch, nach dem Modell Iran mit einer Kombination von Sanktionen, Verhandlungen und Cyberangriffen die von Nordkorea ausgehende Bedrohung einzudämmen.

Welchen Weg wird Trump wählen?

Zwei Atombombenversuche und 24 Raketentests – so lautet Kim Jong Uns Bilanz des Jahres 2016. Niemand weiß genau, über wie viele Atombomben sein Land heute verfügt. Nach seriösen Schätzungen dürften es knapp zwanzig sein. Die Zahl könnte aber auch höher liegen. Südkoreas führende Tageszeitung JoongAng Ilbo zitierte im Februar Erkenntnisse südkoreanischer und amerikanischer Geheimdienste, wonach der Norden fähig sei, bis zu sechzig Sprengsätze zu bauen. Dieser Zahl lagen Schätzungen des vorhandenen spaltbaren Materials zugrunde: Das Regime verfüge über 758 Kilogramm hoch angereichertes Uran und 54 Kilogramm Plutonium, mutmaßten die Dienste. Etwa 16 bis 20 Kilogramm hoch angereichertes Uran und sechs Kilogramm Plutonium reichen zum Bau eines Atomsprengkopfes.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

"Die Nordkoreaner glauben, dies sei ihr Ticket, um zu überleben und von der Welt respektiert zu werden", sagt Victor Cha, unter George W. Bush im Nationalen Sicherheitsrat für Asien zuständig und heute am Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington tätig.

Die Mitgliedschaft im Atomwaffensperrvertrag hat Nordkorea schon 2003 gekündigt. Seitdem drehen sich die Zentrifugen in der Urananreicherungsanlage von Yongbyon umso schneller. Möglicherweise gibt es noch eine zweite, unterirdische Anreicherungsanlage. Dass er auch über hochgefährliche Chemiewaffen verfügt, bewies Kim, als er vor wenigen Wochen seinen Halbbruder Kim Jong Nam auf dem Flughafen von Kuala Lumpur mit dem Nervengas VX ermorden ließ.

Inmitten einer boomenden Wachstumsregion häuft das Regime in Pjöngjang Massenvernichtungswaffen der entsetzlichsten Art an – Atomsprengköpfe, chemische Waffen wie VX und vermutlich auch biologische Kampfstoffe. Gleichzeitig baut Nordkorea sein Raketenarsenal aus. Heute finden sich darin Träger jeglicher Reichweite – von der Kurzstreckenrakete Nodong mit einer Reichweite von etwa 1300 Kilometern über die Mittelstreckenrakete Musudan (3000 bis 3500 Kilometer) bis zur Langstreckenrakete Taepodong-2 (4000 bis 6000 Kilometer). Ein wichtiger Durchbruch war der erste Start einer Rakete von einem U-Boot im vergangenen August.

Was aus Sicht Washingtons die von Nordkorea ausgehende Bedrohung dramatisch erhöht, ist die Ankündigung, bald auch eine Interkontinentalrakete (ICBM) testen zu wollen, mit der die Vereinigten Staaten selbst angegriffen werden könnten. Kaum ein Experte bezweifelt, dass Nordkorea das Wissen dazu besitzt. Zum Teil basiert das Know-how auf einer sowjetischen Rakete des Typs R-27. Auf ihrer Basis bauten die Nordkoreaner die beiden Interkontinentalraketen KN-14 (Reichweite rund 10.000 Kilometer) und KN-08 (Reichweite etwa 11.500 Kilometer), die aber noch nicht im Flug getestet wurden.

Nicht nur sind Kims Techniker in der Lage, den bei modernen Raketen üblichen Feststoffantrieb herzustellen; sie dürften auch kurz davor stehen, atomare Sprengköpfe so weit zu verkleinern, dass diese in die Spitze einer Rakete passen. Schwierigkeiten hat Nordkorea offenbar noch bei der Produktion von Metall-Legierungen, die der gewaltigen Hitze beim Wiedereintritt von Orbitalraketen in die Erdatmosphäre widerstehen können.