Wer dieser Tage im Pariser Grand Palais vorbeischaut, bei Auguste Rodin, der meint vielleicht, er bekomme wieder nur zu sehen, was er eh schon kennt und eigentlich nicht mehr ertragen möchte. All die Kraftkörper, ewig oft kopiert, fotografiert, reproduziert, sodass es nur noch Plattitüden sind, tonnenschwer. Doch unversehens, unverhofft tritt das Werk hinein ins Licht der Gegenwart und also in ein Licht neuer Gewalt.

Nicht dass die Kuratoren es so gewollt hätten. Sie stülpen riesige Plastikhauben über die Figuren aus Bronze, Marmor und Gips, spannen Kordeln auf und tun auch sonst alles, um Rodin, vor hundert Jahren gestorben, im gesicherten Terrain der Kunstgeschichte zu halten. Allein in rein ästhetischem Sinne wollen sie zeigen, wie aktuell, wie einflussreich der Maître noch immer ist. Ein Jahrhundertkünstler, Experte fürs Ungezügelte und für die entgrenzte Form, der viele seiner Kollegen bis heute anspornt. Ob Matisse oder Picasso, Beuys oder Gormley, im Grand Palais tritt Rodin im Kreis wichtiger Verehrer auf, selbst Georg Baselitz gehört dazu, mit seinen ungeschlachten Holzfiguren.

Diese Art von Ahnen- und Abstammungsschau leuchtet mal mehr, mal weniger ein. Natürlich stimmt es, dass Rodin vieles vorwegnahm, was die Kunst noch immer prägt, das Aufgeraute und Bizarre, das Halbfertige und Collagenhafte, auch das Serielle und Selbstbezügliche. Er unterlief die Tradition, zerlegte die klassischen Schönheitsideale und hätte seine Männer und Frauen am liebsten vom Sockel gezerrt, damit sie befreit hinaustreten können in die Wirklichkeit. Allerdings, mit solchem Wahrhaftigkeitsgebrause ist der gewöhnliche Besucher ja bestens und längst vertraut.

Sein "Denker" will eigentlich nicht denken, er will ganz dringend zur Tat schreiten

Es muss etwas anderes sein, was Rodin nun wie einen Künstler der Stunde erscheinen lässt. Ich vermute, es ist seine nie versiegende Lust an Qual und Schmerz. Ebenso ist es seine Haltlosigkeit. Und natürlich die Frage, was das eine mit dem anderen zu tun hat: hier überschießende Gewalt, dort der lähmende Selbstzweifel, hier Brachialität, dort Kontingenz. Zwischen diesen Polen spannt sich die Gegenwart auf. Bei Rodin treten sie zusammen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Wenn etwa einem Mann der Kopf fehlt und auch seine Arme aussehen, als wären sie abgeschlagen worden, wenn dieser Mann dennoch mit kühnem Schritt voraneilt, als müsse er, splitternackt, rasch noch eine mittelgroße Heldentat vollbringen, damit sein doch so offenkundiger Tod irgendwie gerechtfertigt sei, wenn Rodin also auf großes Drama aus ist, es aber in diesem Drama keine Richtung und kein Ziel gibt, dann tritt uns genau jene tollkühne Ratlosigkeit entgegen, die seine Kunst oft ausmacht. In gewissem Sinne ist es die Ratlosigkeit des frühen 21. Jahrhunderts, das vollgepumpt wird mit Bedeutsamkeiten, ohne dass recht zu erkennen wäre, worauf sie gründen und wohin sie führen.

Natürlich war es für Rodin auch eine Strategie der Selbstvermarktung. Er gebärdete sich schön andersartig, denn wie heute buhlten die Künstler auch damals um die Aufmerksamkeit der Sammler. Irgendwann jedoch drohte seine wühlende Inbrunst zu einer Art Markenzeichen zu werden, gerade weil seine gewaltsamen Formen sich oft selbst genug sind. Als solche neigen sie zum Schwulst, ja zum Kitsch, der aufgeht in Wirkung und Prahlerei und sich jegliche Ambivalenz erspart.

Von Selbstironie, von heiteren oder glücklich-absurden Gesten finden sich in Rodins Werken bestenfalls Spurenelemente. Dafür aber findet sich ein Morgenmantel aus Gips, der zerbrechlich und mit deutlicher Tendenz zu krümelnder Auflösung in einer Vitrine des Grand Palais steht. Es ist ein Mantel, der sich selber tragen muss, der keinen Leib hat, um den er sich spannen, den er wärmen könnte. Ihm fehlt der Denkerkopf, der verstrubbelt, vergrübelt daraus hervorschaut.