Volker Weiß’ Buch Die autoritäre Revolte ist sorgfältig recherchiert und klar und verständlich geschrieben. Man lernt viel. Jedem sei es empfohlen, der sich ein genaueres Bild von den weltanschaulichen Prämissen und ideengeschichtlichen Herkünften der rechtsautoritären Bewegungen der Gegenwart machen möchte. Weiß beschreibt ihre Presseorgane und deren Strategien von der Jungen Freiheit über die Blaue Narzisse bis zur Sezession, ihre intellektuellen Stichwortgeber von Alain de Benoist über Karlheinz Weißmann bis zu Götz Kubitschek, ihre Thinktanks wie das Institut für Staatspolitik, ihre weltanschaulichen Basisannahmen vom Abendland-Mythos bis zur Islamkritik sowie ihre europaweiten Strömungen wie die Identitäre Bewegung.

Trotzdem ist da aber auch etwas an diesem Buch, was nicht stimmt. Das hat mit seinem Zungenschlag zu tun. Es ist nämlich in seiner ersten Hälfte in einem Ton der Betulichkeit geschrieben, der selbst Betschwestern zum Wahnsinn treiben würde.

Weiß’ Buch ist eine Warnung vor dem Gegenstand, über den er schreibt. Und wirklich klingt er wie eine Gouvernante, die in einem pädagogischen Dilemma steckt: Sie klärt über Marihuana auf, indem sie ausführt, wie lächerlich dieser Stoff sei, substanzlos, im Grunde nur heiße Luft. Zugleich aber warnt sie davor, dass Marihuana eine Einstiegsdroge sei, oft genügten ein paar Züge, schon sei man auf der schiefen Bahn. Zum Schluss – das lehre die Geschichte – ende alles beim Heroin.

Extremes Symptom dieser Gouvernantenhaftigkeit ist Weiß’ Gebrauch der Anführungszeichen. Sie sollen dem Leser signalisieren, dass sich der Autor die Begrifflichkeit, mit der er rechtes Denken rekonstruiert, nicht zu eigen macht. Darüber hinaus aber sollen sie auch den grundsätzlichen Zweifel zum Ausdruck bringen, ob hinter diesen Worten irgendetwas wie Wirklichkeit steht. Wenn ein zentraler Begriff im rechten Denken Identität ist, so steht das Wort bei Weiß in Anführungszeichen, es könnte ja sonst der Eindruck entstehen, dass es sich dabei um irgendetwas anderes als ein Hirngespinst handelt. Und selbst dort, wo Weiß in seiner eigenen Kritik an linker Identitätspolitik dem "rechtspopulistischen Islamdiskurs" eine Wahrheit zugesteht, setzt er diese in Anführungszeichen. Man muss dann immer an die Gilette-Rasierklingen denken, die so scharf sind, dass sie hinter Gitter müssen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Weiß’ Buch ist eine kluge Auseinandersetzung mit einem Diskurs – nun hat er Sorge, er könnte diesen Diskurs durch seine eigene Beschäftigung adeln. Da setzt seine Behütungspädagogik ein: Wo sich die Neue Rechte intellektuell gibt, "verbrämt" sie ihre wahren Absichten nur "intellektuell", wo sie sich bei Heidegger bedient, sind es "philosophische Versatzstücke" – als würde unsereins den Namen Heidegger ausschließlich in den Mund nehmen, wenn wir uns aufs Gesamtwerk beziehen.

Weiß ist in Sorge, der Leser könne sich blenden lassen. Zum Beispiel von der "aristokratischen Haltung", mit der sich die Neue Rechte von den Neonazis abzusetzen versuche, dabei sei diese Haltung "nichts als Pose". Über öffentliche Aktionen der Identitären Bewegung schreibt er: "Die Kulisse ihrer Inszenierung wird sorgfältig gewählt, die Aktivisten tragen viele große Fahnen mit sich, was den Eindruck von mehr Masse vermittelt. Ihre Parolen und Embleme sollen attraktiv wirken und stets wiedererkannt werden." Soso, ihre Parolen sollen attraktiv wirken – gut, dass wir gewarnt wurden. Wir würden die Identitäre Bewegung (IB) sonst für hip halten: "Insgesamt ist der avantgardistische Touch der IB aufgesetzt und bleibt auf das Werbematerial beschränkt." Vermutlich wäre die IB für Weiß erst dann avantgardistisch, wenn sie statt identitär universalistisch wäre!

Noch ein Einwand sei hier vorgebracht, bevor wir den unzweifelhaften Stärken des Buchs nachgehen: Zu den Entlarvungsstrategien, derer sich Volker Weiß bedient, gehört der Nachweis, die Neue Rechte sei keineswegs neu, sondern bereite Gedankengut der Konservativen Revolution aus der Zeit zwischen den Weltkriegen auf. Auch hier scheint Weiß die Sorge zu leiten, die Neue Rechte könne frisch und unverbraucht wirken. Aber ist es ein Einwand gegen eine Gedankenfigur, dass sie in einer Tradition steht? Gilt das nicht für jede politische Position? Zumal die Neue Rechte ihre Carl-Schmitt- und Armin-Mohler-Referenzen ja keineswegs verdruckst versteckt. Dass die Rechten seit Alain de Benoist Metapolitik betrieben und sich auf Gramscis Konzept der kulturellen Hegemonie bezögen, sei, sagt Weiß, "nicht neu": "Gerade Konservative hatten schon immer ein ausgesprochen metapolitisches Verständnis an den Tag gelegt, wie ihre zahlreichen Kämpfe um Hoheit über Moral, Sitten und Sprache zeigen." Aber ist es, nur weil es nicht neu ist, sondern alt, deshalb fragwürdig? Das ist jedenfalls ein Einwand, den Konservative auf sich sitzen lassen können.