Das Röhrscheidtbad im Gesundbrunnen ist nett. Es bietet ein pipiwarmes Kinderbecken, in dem meist Erwachsene garen, einen seriösen Sportschwimmbereich und sogar ein kleines Dampfbad. Knut und ich sind an einem Dienstagvormittag da, sodass sich das Publikum recht überschaubar und rentnerisch ausnimmt. Niemand im Burkini, alle im Bautzini. Weil Knut eine Monatskarte besitzt, darf ich umsonst mit rein. Wobei der Eintritt für zwei Stunden auch nicht die Welt gekostet hätte. Vielleicht, weil der Gesundbrunnen Bautzens ärmstes Viertel ist und aus Plattenbauten besteht, die mit frischem Anstrich und viel Grün drum herum von ihrer Trostlosigkeit ablenken sollen.

Vor dem Schwimmbad treffen wir Icke. Der nie Geld hat und einen Regenschirm als Gehhilfe nutzt, mit dem er in Richtung vierzig geht. Gerade lebt Icke in der Wohnung eines Bekannten, der im Knast sitzt. Was das Amt noch nicht registriert hat, weshalb es weiterhin die Miete überweist. Für Strom reicht es nicht. Den holt sich Icke von Autobatterien. Das alles weiß ich von Knut. Auf mich hat Icke nicht geachtet. Das ist so eine Sache, die mich an Bautzen ärgert: dass die Leute nur denen Hallo sagen, die sie schon kennen.

Auch deshalb besteht mein Bautzen-Bonding bisher vor allem aus der sich anbahnenden Freundschaft zu Knut (Knut würde sich über das Wortspiel freuen): Wir schwimmen Bahnen um die Wette, der Verlierer muss einen Witz erzählen. Von Runde zu Runde wird Knut mir sympathischer. Und ich ihm wohl auch, als Dauerzweiter mein Portfolio jüdischer Witze ausbreitend. Zu meiner Ehrenrettung: Knut trainiert und geht regelmäßig schwimmen, um sich zu verausgaben. Denn bei aller Angst vor Nazigewalt seien es andere Probleme, die einen jungen Mann in dieser Stadt plagen. "Es ist nix los, und der Frauenanteil ist zum Heulen. Da drehste durch." Als wir verschnaufend den Kindern ihr warmes Planschbecken weghocken, denke ich an eine Szene, die ich am Vortag im Kornmarkt-Center beobachtet habe.

Das Kornmarkt-Center, oder Korni, wie es hier windschnittig genannt wird, ist eine dreistöckige Einkaufspassage. Die einzige hier. Zuletzt kam das Kornmarkt-Center, genauer sein grauer Vorplatz, "die Platte", auch landesweit zu zweifelhaftem Ruhm. Weil etwa 80 Nazis und 20 Flüchtlinge immer wieder versuchten, dort zu kämpfen. Nun herrscht wieder Ruhe. Eigentlich herrschen die 24 Stunden am Tag präsenten Streifenwagen der Bautzener Polizei. Versammlungen sind untersagt. Die abendliche Ausgangssperre für Asylanten ist aber wieder aufgehoben. Ich beging also meine Premierenflanitur durchs Korni. Und weil mein Rücken schmerzte, setzte ich mich in einen Massagesessel, zehn Minuten für zwei Euro.

In diesen Minuten sah ich ein paar pubertierende arabische Flüchtlingsjungs, die sicher bald Männer sein wollen, mit pubertierenden Bautzener Mädchen, die sicher bald Frauen sein wollen. Alle so um die sechzehn. Ich bin der Überzeugung, dass sexuelle Unsicherheit und daraus resultierende Eifersucht eine wesentliche Ursache von Rassismus sind. Und dass frustrierte Halbstarke erst recht zum Baseballschläger greifen, wenn sie einen syrischen Mann sehen, der das Interesse einer (in Bautzen raren) Frau weckt. Und dann etwas von Ordnung und Gesetzen in Deutschland reden. Vom Schutz ihrer germanischen Kinder, die sie nicht haben, weil sie keine abkriegen.

Das Grüppchen multinationaler Sechzehnjähriger im Korni tat also naturgemäß Naturgemäßes. Etwas unbeholfen flirten und irgendwann ebenso ungeschickt wie verstohlen fummeln. Einvernehmlich. Und ich saß im Massagesessel und dachte, ob die Mädels den Flüchtlingsjungen damit mal nicht den nächsten Kornikampf bescheren. Und erschrak gleichzeitig über meine krude Perspektive. Darüber, dass ich heute in Deutschland auf solche Gedanken beziehungsweise Vermeidungsstrategien komme und denke: Wäre für alle sicherer, wenn der Dunkle erst gar nicht mit der Hellen. Und auch darüber, wie schnell solche Wahnsinnigkeiten selbstverständlich erscheinen, wenn das Umfeld dafür gegeben ist.

Am Abend fahre ich zum Basketball-Training der Bautzen Tigers. Zum zweiten Mal diese Woche. Beim ersten, in der Berufsschulhalle Bautzens, traf ich nur auf verdutzte Lambadatänzer. Und durfte ohne Partnerin nicht mitlambaden. Durch den Regen also, zur verschlossenen Sporthalle der Daimler-Schule. Gibt’s doch nicht! Auf der Homepage des Vereins steht, dass das Training aller Jugendmannschaften bis auf Weiteres ausfalle, weil man keine Förderung von der Stadt mehr erhalte und sich die Hallenzeiten nicht leisten könne. Vom Ausfall der Männermannschaft steht da aber nichts! Ich will Basketball spielen! Ich bin sauer, fühle mich von denen da oben vernachlässigt und möchte jemanden beschuldigen! Ich muss mich austoben, sonst werde ich noch verrückt! Wenn das so weitergeht, melde ich mich im Fitnessstudio an. Von denen gibt es in Bautzen gleich vier.