Beim Daimler in Stuttgart verstehen sie etwas davon, wie man Legenden schafft. Eine geht so: Erst hat die Firma das Automobil erfunden und es dann immer schöner, schneller, besser gemacht. Das Unternehmen beschreibt das im Mercedes-Benz Museum auf 16.500 Quadratmetern. Wer mag, kann ein Selfie mit seinem Lieblingsmodell machen, zum Beispiel mit dem Mercedes 300 SD, dem ersten Diesel-Pkw der Oberklasse. 820.000 Besucher kamen im vergangenen Jahr. Auch die Zukunft des Autos ist dort Thema, man sei jetzt auf der "road to emission-free mobility".

Ein Teil der Geschichte fehlt in der Selbstdarstellung allerdings. Darin geht es um dreckige Diesel, um zu hohen Schadstoffausstoß und die Frage, ob Daimler nicht ähnlich wie Volkswagen mehr versprochen hat, als seine Autos leisteten. Diesem Verdacht geht derzeit die Staatsanwaltschaft Stuttgart nach, die Ermittlungen gegen Daimler-Mitarbeiter eingeleitet hat. Zudem hat die Deutsche Umwelthilfe Klage wegen Verbrauchertäuschung eingereicht.

Vor allem aus den USA drohen unangenehme Nachrichten. Dort klagen Aktionäre gegen den Konzern und dessen Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche persönlich. Die Anleger behaupten, Daimler habe sie nicht rechtzeitig über Ärger beim Diesel informiert. Es klagen dort außerdem Autokäufer, die sich betrogen fühlen. Und die amerikanische Umweltbehörde EPA, die schon Volkswagen überführte, ermittelt ebenfalls. Gerät der älteste deutsche Automobilhersteller anderthalb Jahre nach Bekanntwerden des VW-Skandals und nach den jüngsten Razzien bei Audi als Nächstes in den Sog der Affäre?

Bekannt ist schon: Diverse Dieselmodelle von Mercedes zeigen in unabhängigen Tests erheblich erhöhte Abgaswerte – in ähnlicher Größenordnung wie bei VW. Bislang akzeptieren deutsche Behörden Daimlers Argumentation, wonach die Abgassteuerung temperaturabhängig geregelt werde. Unabhängige Juristen äußern aber Zweifel, ob sie rechtens ist. Sollten die Klagen in den USA Erfolg haben, droht Daimler ein ähnliches Schicksal wie dem VW-Konzern, der wegen des Abgasbetrugs erst seinen Ruf ruinierte und dann Milliarden an Strafe zahlen musste.

Für nächsten Mittwoch hat Daimler zur Hauptversammlung nach Berlin geladen. Dort könnten die Aktionäre den Vorstandschef Dieter Zetsche mit Fragen zu Manipulationen und Ermittlungen konfrontieren. Zetsche hat seine persönliche Glaubwürdigkeit mit der Reinheit seiner Autos verknüpft, als er im vergangenen Jahr in der Welt am Sonntag versicherte: "Bei uns wird nicht betrogen, bei uns wurden keine Abgaswerte manipuliert." Nun wird er eine Erfolgsbilanz präsentieren, von der Rekordzahl von über zwei Millionen verkauften Autos erzählen und die Aktionäre auf die Wende zur Elektromobilität einschwören.

Und der Abgasskandal? Ist der nicht ein VW-Problem?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Recherchen der ZEIT kommen zu einem anderen Ergebnis. Da sind Gespräche mit Mitarbeitern des Daimler-Konzerns, mit Lobbyisten, Politikern, deutschen und amerikanischen Beamten. Da ist die Auswertung firmeninterner Dokumente und vertraulicher Kommunikation zwischen Daimler und den Behörden sowie von Akten aus dem Abgas-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Alles zusammen ergibt: Daimler hat mehr mit der Abgasaffäre zu tun, als Zetsche lieb sein kann. Dass dies öffentlich noch kaum wahrgenommen wird, hat vor allem zwei Gründe: Glück und Geschick.

Allerdings könnte die Glückssträhne nun vorbei sein. Erstmals deutet eine hochrangige Beamtin in den USA an, dass eine von Autobauern wie Daimler vorgebrachte Rechtfertigung für die Abgassteuerung wenig überzeugend erscheint. Eine ergänzte, bislang unveröffentlichte Klageschrift amerikanischer Verbraucheranwälte liefert zudem neue Details für einen schwerwiegenden Vorwurf: Demnach verwendet Daimler eine Abschalteinrichtung, eine verbotene Software, welche die Motoren bei offiziellen Tests auf dem Prüfstand sauber laufen lässt. Eine Software, wie sie VW zum Verhängnis wurde.

Daimler selbst, das lässt sich anhand einer Klageerwiderung aus dem vergangenen Jahr erstmals nachzeichnen, widersprach diesen heiklen Testergebnissen inhaltlich bisher nicht. Der Konzern argumentierte gegenüber dem Gericht stattdessen mit der Rechtmäßigkeit der Untersuchungen und mit Verfahrensfragen. Bis zum 21. April läuft eine Frist für eine erneute Erwiderung vor Gericht. Gegenüber der ZEIT erklärt das Unternehmen: "Wir halten die Klage für unbegründet und werden uns dagegen mit sämtlichen juristischen Mitteln zur Wehr setzen."

Diskret hat das Daimler-Management bereits Konsequenzen gezogen: Mercedes hat das Pkw-Dieselgeschäft in den Vereinigten Staaten weitgehend zurückgefahren. Und in Deutschland hat man sich entschieden, den stolzen Ingenieuren künftig Aufpasser an die Seite zu stellen.

Womöglich wird es eng für den Konzern. Dabei lief es doch lange so rund.