Eine einfachere Konstruktion des Kinoplots kann man sich kaum denken: Ein Mensch hat eine Geschichte, und ein anderer Mensch hat auch eine Geschichte. In der Mitte der Kinozeit begegnen und bedingen sich die Geschichten, dann trennen sie sich wieder, und jede hat ihr eigenes Ende.

Die eine Geschichte ist die eines jungen Mannes auf der Flucht. Dass er aus Aleppo stammt, werden wir später erfahren, wie vom Schicksal seiner Familie und von der Trennung von seiner Schwester nach der schrecklich schweren Reise nach Europa. Am Beginn sehen wir, wie sich Khaled aus einem riesigen Kohleberg im Inneren eines Schiffes wühlt, die Geburt eines schwarzen Mannes. Das Schiff heißt übrigens Eira, was ein Stadtviertel von Helsinki bezeichnet (den Ort, an dem Khaled nun gelandet ist), in der nordischen Mythologie aber auch ein Name für die Göttin der Heilung und Erlösung ist. Khaleds Weg durch die Stadt wird erst einmal von einem verständlichen Wunsch bestimmt: eine Dusche.

Die andere Geschichte ist die eines nicht mehr so jungen Mannes, der seine Frau verlässt. Wortlos legt er ihr Schlüssel und Ring auf den Tisch, an dem sie sitzt, Zigarette und Schnapsglas in der Hand, Lockenwickler im Haar. Verächtlich oder verzweifelt wirft sie den Ring in den Aschenbecher. Es ist, als hätten Duane-Hanson-Skulpturen ihre Drohung wahr gemacht und wären ins wirkliche Leben eingedrungen. Der Mann, Waldemar Wikström, ein Vertreter für Herrenhemden, verkauft sein Lager, gewinnt eine erkleckliche Summe im illegalen Pokerspiel und will sich einen Traum erfüllen: ein eigenes Restaurant zu führen. Er bekommt es, mitsamt einem Personal, wie man es sich nur in einem Aki-Kaurismäki-Film vorstellen kann. Ob seine Freunde ihn wohl Waldi nennen, fragt die Kellnerin (an einen passiven Widerstand gegen ihre Ausbeutung gewöhnt), und Wikström antwortet: Ich habe keine Freunde.

Die folgenden Ereignisse sind ebenso absehbar wie überraschend. So wie wir im richtigen Leben manchmal erstaunt sind, dass es wirklich so ist, wie es ist. Khaled stellt einen Asylantrag und wird in eine Unterkunft gebracht, die große Ähnlichkeit mit einem Gefängnis hat. Immerhin findet er hier einen Freund, der schon länger in Finnland lebt (er war Krankenpfleger im Irak, aber die Papiere werden hier nicht anerkannt). Mit ihm trifft er sich auf ein Bier, "oder was die Ungläubigen hier so trinken", und da ist auch wieder die Kaurismäki-Musik. Die Band singt von einem Land mit schweren, dunklen Wolken. Der Antrag Khaleds wird abgelehnt, in der unmenschlichen Sprache der Bürokratie, und der Zynismus dieser Ablehnung wird deutlich, wenn am gleichen Tag die Behörde Syrien als "sicher" erklärt und die Fernsehberichterstattung es als Hölle auf Erden zeigt. Kurz vor der Abschiebung gelingt Khaled die Flucht. Und natürlich führt sie ihn zu Wikströms Restaurant. Die beiden Männer, die nicht mehr herumgeschubst werden wollen, geben sich gegenseitig erst einmal kräftig eins auf die Nase. Dass das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft ist, klänge unfinnisch euphorisch. Aber vielleicht ist es ja sogar noch mehr.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Von dem, was dann noch geschieht, wollen wir nicht allzu viel verraten. Nur dies: Bei einer behördlichen Kontrolle des Restaurants wird Khaled mitsamt einem kleinen Hund, den die Belegschaft gegen den Willen des Besitzers in der Küche beherbergt, in der Toilette eingesperrt. Als er endlich wieder befreit wird, erklärt er, er habe den Hund unterdessen ein wenig Arabisch gelehrt, und der sei daraufhin zum Islam konvertiert, der Buddhismus habe ihn doch etwas enttäuscht. Und dieser kleine Hund wird noch eine bedeutende Rolle spielen, am Ende, wenn die Göttin der Heilung ihr Werk verrichtet. Vielleicht nicht so, wie wir es uns gewünscht hätten für Khaled, Wikström und die anderen.

Entschlossen, sich von keiner Gemeinheit des Lebens überraschen zu lassen

Nichts wird verschwiegen in Aki Kaurismäkis Film, von Polizeimacht über Amtsgewalt bis hin zu den mörderischen Nazis. Nicht der Dreck, die Einsamkeit und Kälte, nicht die Gleichgültigkeit, Gewalt und Brutalität. Es gibt Menschenschmuggel, elektronische Identitätsfälschung, Korruption. Und doch ist Die andere Seite der Hoffnung gewiss kein "realistischer Film". Das hat nicht nur mit Kaurismäkis höchsteigener Poetik der Reduktion zu tun, mit den wundersam dekorierten Innenräumen, dem Nebeneinander von moderner Technik und nostalgischen Reminiszenzen in Gerätschaften aus den fünfziger und sechziger Jahren – Schreibmaschinen, Jukeboxes, Radiomonstren. Es liegt auch an der Verflechtung von Musik und Handlung (die Musik als Wegweisung: Sogar Khaled selbst greift einmal zur Laute, um Abschied und Flucht einzuleiten), an den wunderbar unbewegten Gesichtern der Schauspieler in den Rollen von Menschen, die fest entschlossen scheinen, sich von keiner Gemeinheit des Lebens noch überraschen zu lassen. Dass dieser Film keinem banalen "Realismus" frönt, liegt auch an der Leichtigkeit, mit der das Katastrophale gezeigt werden kann, wenn man es ernst meint mit der Menschenliebe, an der unnachahmbaren leisen Komik von Kaurismäki-Filmen, mit den kleinen Farb- und Formräuschen am Rande und so weiter. Es hat auch damit zu tun, dass Menschen bei diesem Regisseur stets mehr sind als die Darsteller der Konflikte, in denen sie sich befinden. Man muss in einen Kaurismäki-Film gehen, wenn man vergessen hat, dass die Welt weder eine Lindenstraße noch eine Nachrichtensendung ist.

Man kann also in Die andere Seite der Hoffnung zuerst einmal eine Geschichte sehen, die sich an Menschen hält und nicht an die "Darstellung von Problemen". Aber dann ist es natürlich auch ein Märchen, ein Symbolspiel um Gnade und Erlösung. Denn darin knüpft der Film direkt an Le Havre an, Aki Kaurismäkis letzten Spielfilm aus dem Jahr 2011. Hier wurde die Begegnung mit dem Flüchtling für den alten Europäer, und damit vielleicht auch für das alte Europa, nicht bloß zum moralischen und emotionalen plot point , sondern zu einer Möglichkeit, aus Erstarrung und Versteinerung zu entkommen. Die andere Seite der Hoffnung ist daher ein ziemlich tückischer Filmtitel. Es geht nicht nur um Khaleds Hoffnung darauf, einen Ort des Bleibens für sich und mehr noch für seine Schwester zu finden, es geht auch um die Hoffnung, verwunschene Orte wie Wikströms Restaurant, wie Europa, zu neuem Leben zu führen.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Flüchtlinge in unserer populären Kultur vorkommen, vor allem in den Rollen von Opfern, die das übrige Handlungspersonal in die Guten und die Bösen teilen. Im furchtbarsten Fall entstehen feelgood movies, die von einer Rekonstruktion von "Heimat" sprechen, weil am Ende eben doch das Menschliche siegt, nicht wahr. In Kaurismäkis Film ist schwer zu sagen, wer hier die Fremden sind. Fremdheit ist der Normalzustand der Menschen. Daher ist die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man bleiben kann, genauso groß wie die Sehnsucht, die Orte von Enge und Kälte zu verlassen: Während sich die einen nach Mexiko-Stadt oder, wie in einem der Lieder, nach Venezuela träumen, suchen die anderen nur den kleinen Ort für Frieden und Arbeit. Auch Khaled hat nicht nach Finnland kommen wollen, es hat ihn nur hierher verschlagen, auf der Suche nach seiner Schwester. Keiner ist da, wo er hingehört, keiner ist da, wo er hinwill. Diesen Ort gibt es nicht. Es sei denn, man schafft ihn sich. Und wär’s ein Restaurant, das alle naslang Stil und Namen ändert und sich als poetisch-politischer Ort doch treu bleibt. Oder ein Kino, in dem ein Kaurismäki-Film läuft.