1. Vergesst das Pfarrhaus nicht!

Friederike Erichsen-Wendt ist Pfarrerin in Nidderau, Hessen. © privat

Seelsorge im Netz hängt am seidenen Faden der Daten. Ein Klick und das Gegenüber ist weg. Mehr noch als in der unmittelbar räumlichen Begegnung hängt alles an Glaubwürdigkeit und Gesprächskompetenz der Seelsorger. Es gibt gute Gründe, weshalb Menschen ihre Ortspfarrerin nicht direkt ansprechen, das Pfarrhaus nicht aufsuchen.

Oft geht bei mir das Chatfenster auf, dann lese ich: "Mir ist noch was wegen der Taufe durch den Kopf gegangen, bin auf Dienstreise in China – können wir skypen?" "Klar", schreibe ich. Während des Gesprächs wird sie mir eine Audio-Nachricht vorspielen, die ihr keine Ruhe lässt.

Ein anderer Fall: Ein Mann, der nicht aus dem Haus kann, zündet jeden Tag auf einer Gedenkseite im Internet eine Kerze für seine verstorbene Frau an. "Das ist, wie auf den Friedhof zu gehen", sagt er mir, als ich ihn besuche.

Die "geschützten Räume" sind eine Folge der reformatorischen Grundeinsicht in die Freiheit jedes Christen. Seelsorge vergewissert Einzelne dieser Freiheit und befähigt sie, sie zu gebrauchen. Das evangelische Pfarrhaus mit seinem Amtszimmer bleibt auch unter postmodernen Bedingungen ein wichtiger, wenngleich überwiegend symbolischer Bezug für pfarramtliches Handeln an all jenen Orten, wo Menschen sich aufhalten und vom Leben bewegt sind – in mixed realities. Dem reformatorischen Gedanken entspricht es, dass Pfarrerinnen und Pfarrer heute eine entäußernde Berufsprofessionalität haben, um Menschen geschützte Räume zu eröffnen: Wo das Leben nicht überblickt werden kann, ist der vornehmste Ort, an dem evangelische Theologie sich lebensdienlich zur Sprache bringt. Also auch im Internet.

Friederike Erichsen-Wendt

2. Nehmt euch nicht so ernst!

Eva Schulz ist Reporterin für "Hochkant", das Snapchat-Format bei "Funk". © privat

Ich bin 26 Jahre alt. In meinem Alltag findet Kirche nicht statt. Das müsste nicht so sein. Auch junge Menschen, die nicht religiös sind, könnten sich für christliche Botschaften interessieren – sie werden von ihnen nur nicht erreicht. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, für den ich arbeite, litt lange unter einem ähnlichen Problem: Er hatte qualifizierte Journalisten, Ressourcen, Themen. Aber Leute unter 30 bekamen davon nichts mit. Weil die Sender die Inhalte nicht da platzierten, wo Junge suchten: im Netz.

Ende 2016 hat sich das geändert. Mit "Funk" starteten ARD und ZDF ein millionenschweres Angebot auf Plattformen wie Facebook, Youtube, Instagram. Seitdem arbeite ich als Reporterin für Snapchat. Die verspielte App ist eine der beliebtesten Anwendungen unter Teenagern. Ich berichte über Politik, Wirtschaft, Popkultur. Ich nehme meine Follower mit in die Wahlnacht New Yorks oder zum Frankfurter Women’s March. Mit dem Handy filme ich Orte, Interviewpartner, mich selbst. Im Chat antworte ich auf Fragen, Sorgen, Meinungen. Wichtigste Erkenntnis: Kein Medium vermittelt so große Nähe wie Snapchat – meinen Followern zum Geschehen und mir zu meinen Followern.

Das könnte auch für die Kirche eine Chance sein. Über die App könnte sie mich mitnehmen in den Gottesdienst, zum Weltjugendtag oder hinter die Kulissen eines Priesterseminars. Während ich sie kennenlerne, lernt sie mich kennen. Was kann sich die Kirche von "Funk" abschauen? Den Mut zu Spiel und Experiment. Das Einzige, was auf Snapchat erwartet wird, ist, dass man sich selbst nicht zu ernst nimmt.

Eva Schulz

3. Zuhören hilft gegen Hass!

Gesche Joost ist offizielle Internetbotschafterin Deutschlands und Designprofessorin an der Universität der Künste Berlin. © UDK Berlin

Ich bin in den Neunzigerjahren in der Euphorie der Netz-Community erwachsen geworden. Sie feierte die Möglichkeiten des Internets zur unbegrenzten Teilhabe, zur Selbsterfindung und zur Meinungsbildung. Ein Raum der Möglichkeiten sollte das Netz werden – dezentral, unabhängig und offen. Auch heute noch glaube ich an die Kraft der Netzwerke, die unsere Gesellschaft nachhaltig verändert haben. Gleichzeitig erleben wir jedoch immer mehr die Schattenseiten des Netzes – Hate-Speech, Radikalisierung und Cybermobbing stehen auf der Tagesordnung. In den Echokammern des Netzes werden ungehemmt Meinungen verbreitet, die unserer offenen Gesellschaft entgegenstehen, die gegen Toleranz, Vielfalt und Miteinander hetzen.

Wenn sich die Kirche nun fragt, ob sie sich in diesen sozialen Netzwerken einbringen soll, kann die Antwort nur lauten: unbedingt! Jetzt! Gerade die Kirche und ihre Gemeinde sollten ihre Stimme erheben, Gegenrede halten und die christlichen Werte in den Diskurs einbringen. Ängste und Orientierungslosigkeit sind häufig Ursachen für die Enthemmung im Netz. Gerade hier kann die Kirche zuhören, zum Nachdenken anregen und Orientierung bieten. Wir müssen gemeinsam das positive Engagement im Netz stärken, Teilhabe ermöglichen und Grenzen aufzeigen, wenn Hass und Gewalt propagiert werden. Gerade hier wünsche ich mir das Engagement der Kirche.

Gesche Joost

4. Mach dich verletzlich!

Joana Lewandowski studiert evangelische Theologie in Berlin. © privat

Für mich sind Social Media ein lebendiges, atmendes Gewebe, das von starken Gefühlen und zwischenmenschlichen Beziehungen genährt wird. Das unmittelbarste aller Medien verträgt wirklich einiges.

Von schlecht platzierten Kalauern bis hin zu meinen Angstzuständen teile ich hier alles, was mich in meinem täglichen Leben bewegt. Seit einiger Zeit traue ich mich sogar, darüber zu schreiben, wie es mir wirklich geht, wenn nichts mehr geht. Das nimmt mir den Druck und erzeugt eine Art von Nähe, die mir sonst wohl komplett verwehrt bleiben würde.

Der intellektuelle Austausch mit nicht immer Gleichgesinnten macht mir genauso sehr zu schaffen, wie er mich davon überzeugt, nicht alleine zu sein mit meinen Problemen. Das Gefühl der intensiven Nähe kommt aber für mich nicht ohne einen offensichtlichen Preis. Denn je verletzlicher ich mich im Digitalen mache, desto mehr Projektionsfläche biete ich einer anonymen Öffentlichkeit, die sicher nicht immer mein Bestes will.

Realität ist nämlich auch, dass man als Frau jede Menge Fotos von erigierten Geschlechtsteilen löschen muss. Aber ganz ehrlich und trotz unerfreulicher Nebeneffekte: Ich weiß, worauf ich mich einlasse, und ohne Social Media geht’s eben nicht mehr.

Joana Lewandowski

5. Institutionen sind überflüssig!

Ingo Dachwitz ist Kommunikationswissenschaftler, Redakteur bei "netzpolitik.org" und Jugenddelegierter der EKD-Synode. © Lucas Scheel

Die Gesellschaft, der wir vom Evangelium erzählen wollen und an die wir anschlussfähig sein wollen, trifft sich heute auch in den unterschiedlichen Öffentlichkeiten des Netzes. Hier handeln Menschen Beziehungen aus, hier bestimmen sie, wer sie sind und sein wollen. Und hier einigen sie sich mit anderen auf bestimmte Deutungen der Wirklichkeit. In der Wissenschaft nennt man das "Mediatisierung": Immer größere Teile sozialen Handelns finden nicht mehr von Angesicht zu Angesicht, sondern medial vermittelt statt. Das kann man gut finden oder schlecht – nur ignorieren sollte man es nicht. Erst recht nicht, wenn Kommunikation für das eigene Funktionieren so zentral ist wie für die Kirchen.

Das heißt nicht, dass wir nicht kritisch reflektieren sollten, dass die inzwischen so wichtigen soziotechnischen Infrastrukturen der Social-Media-Sphäre in der Hand weniger Konzerne sind. Unsere Kommunikation wird mehr und mehr von den durch sie gesetzten Normen bestimmt. Doch weil wir darauf bestehen, dass die Menschen zu uns kommen, statt dort Angebote zu machen, wo sie ohnehin sind, verlieren Gemeinden als Orte der Gemeinschaft und Sinnstiftung an Bedeutung. Schließlich gilt für digitale Lebenswelten umso mehr, was aufgrund von Traditionsabbruch und Individualisierung auch im Analogen der Fall ist: Es ist alles andere als selbstverständlich, dass Menschen aktiv nach den Angeboten einer Kirchengemeinde suchen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Wenn Gemeinden auch in digitalen Lebenswelten anschlussfähig sein wollen, dann funktioniert das nur über Menschen, die in den sozialen Medien authentisch ihr Christsein leben und einladend wirken. Die Kirche kann dafür wie im Analogen Rahmenbedingungen schaffen. Für die eigentliche Kommunikation aber verliert die Institution an Bedeutung. Die Frage ist letztendlich also nicht so sehr, ob wir die sozialen Medien in unsere Gemeinden holen, sondern ob wir die Gemeinde über soziale Beziehungen auch in den sozialen Medien erlebbar machen. Das wird mittelfristig auch die alte Diskussion befeuern, ob Pfarrerinnen und Pfarrer hauptsächlich mit Verwaltung und Gremien beschäftigt oder nicht doch lieber primär pastoral tätig sein sollten.

Die Möglichkeit, als Kirchen an unseren Kommunikationsproblemen zu arbeiten und Anschluss an digitale Lebenswelten zu finden, ist da – nur die passenden Rahmenbedingungen, etwa entsprechende Gemeindekonzepte, fehlen noch.

Ingo Dachwitz