Ohne Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, wären Luthers Schriften heute wohl nur einigen Spezialisten für frühneuhochdeutsche Theologie im mitteldeutschen Raum bekannt. Gutenberg erschuf das Trägermedium, mit dem Luthers radikale Gedanken und Kraftausdrücke weltweit Verbreitung fanden. Die Erfindung des Buchdrucks gilt als Medienrevolution, sie war aber auch Teil der Revolution, die heute Protestantismus heißt. Der Reformator wusste die neue Technik für seine Zwecke zu nutzen. Er sah die Chancen, verstand die neuen Medien – und bediente sich ihrer (dass dank Gutenberg auch Ablassbriefe tausendfach gedruckt werden konnten, ist ein selten erzählter Treppenwitz der Geschichte).

Knapp 500 Jahre wurde Gutenbergs Idee, bewegliche Metalllettern einzusetzen, nahezu unverändert praktiziert. Dann kam die Digitalisierung. Und mit ihr der Digitaldruck. Die schwarze Zunft veränderte sich radikal. Und mit ihr die ganze Welt. Nur die evangelische Kirche scheint zu betäubt von Austrittszahlen und Sparmaßnahmen zu sein, um die Revolution, die um sie herum geschieht, zu bemerken und sich ihrer zu bedienen. Anstatt die neuen Möglichkeiten in ihren Dienst zu stellen, herrschen Berührungsängste, Unverständnis und Desinteresse.

Stattdessen will man die Kirchen lieber als letzte Reservate fürs Analoge erhalten. Margot Käßmann hat das in einer ihrer Kolumnen vor einiger Zeit gefordert. Sie habe das mit diesem Facebook, schreibt sie, tatsächlich einmal ausprobiert. Ihr Fazit nach einiger Zeit des Probierens und Bedenkens: Es gefällt ihr nicht. Die Leute würden im Digitalen alles von sich preisgeben. "Inmitten des enormen Mitteilungsbedürfnisses ist für Vertraulichkeit offenbar kein Platz mehr", meinte die Reformationsbotschafterin. Dabei wollte Käßmann eigentlich für das vertrauliche Gespräch werben, für die Beichte, und hat dann doch nur Ressentiments übers böse Internet verbreitet. Ein Schlag in die Magengrube all derer, die ihrem Kirchenverständnis ein Update verpasst haben, die Seelsorgerinnen und Seelsorger etwa, die durch soziale Medien ins Gespräch mit Menschen kommen, die den Gang zum Pfarrhaus scheuen, keine Zeit dafür haben oder sogar der Institution feindlich gegenüberstehen.

In Denkschriften und Orientierungshilfen verkündet die EKD weiterhin ihre Einsichten und wundert sich, dass diese entweder kaum jemanden interessieren oder, wie im Fall der Orientierungshilfe Familie vor drei Jahren, auf harsche Kritik stoßen. Sie blasen ein Papier in die Welt, als gäbe es Dogmen, die nur nicht mehr so genannt werden dürfen. Ähnlich die EKD-Synode zum Thema "Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft" im Herbst 2014. Kein einziger Beschluss daraus wurde bisher umgesetzt. Ganz nach dem Motto: Schön, dass wir drüber geredet haben.

Wo von Digitalisierung die Rede ist, denken selbst progressive Kirchenleute meist nur an die Zahl der Schafe, die sich in der schönen neuen Digitalwelt mit den alten Wahrheiten erreichen lassen: Konnten bisher Tausende mit einer Idee erreicht werden, mit Fernsehen oder Radio vielleicht sogar Millionen, dann überträgt das Internet einen Gedanken live in die ganze Welt, schwärmen sie. Das, so entgegnen Kritiker, wird die Kirche auch nicht retten. Beides stimmt und ist falsch zugleich. Denn beiden Positionen liegt ein Missverständnis zugrunde.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Heinrich Bedford-Strohms Umgang mit sozialen Medien ist beispielhaft für dieses Missverständnis. Der EKD-Ratsvorsitzende veröffentlicht bei Facebook täglich kleine Texte, ab und zu ein Foto – und erreicht jedesmal Hunderte. In Kirchenkreisen wird er dafür bewundert, sein digitales Wagnis hat ihm den Spitznamen "Padford-Strohm" eingebracht. Auf Kommentare reagiert er jedoch fast nie. Sozial wird ein Netzwerk aber erst dann, wenn Menschen interagieren, wenn sie, nachdem sie auf "Senden" geklickt haben, auf Empfang schalten. Beim Ratsvorsitzenden dagegen ist das Sendungsbewusstsein im digitalen Raum von der Empfängnisverhütung nur schwer zu trennen. Die Frage sei erlaubt: Hat er die Technik, derer er sich bedient, im Letzten wirklich verstanden?

Die Digitalisierung ist gerade kein so großer Umbruch, weil durch sie noch mehr Menschen noch schneller an Informationen kommen. Das galt für die Erfindung des Buchdrucks, er stand für Masse. War zuvor eine Kopie eine Auszeichnung, ein aufwendig wie individuell erstelltes Lob auf den Künstler, wurde die Abschrift durch den Buchdruck langfristig zum Plagiat. Die Idee des geistigen Eigentums war geboren. Durch die Digitalisierung kommt sie nun an ihr Ende. Menschen, die es immer noch gewohnt sind, von der Kanzel zu ihrer Gemeinde zu sprechen, fällt es schwer einzusehen, dass diese Art der Verkündigung einer real existierenden Vergangenheit angehört. In der digitalisierten Welt gibt es keine Trennung zwischen Sendern und Empfängern, keine Hierarchien, keine Orthodoxie, alle sind gleich und gleichermaßen Kirche – ein sehr protestantischer Gedanke, der die Digitalisierung zu einer Revolution im protestantischen Geiste macht, auch wenn viele Promi-Protestanten das nicht sehen wollen.

Es geht, seit es die Digitalisierung gibt, nicht mehr um Vervielfältigung, es geht um Vielfalt, um Beziehungen und Interaktionen, um Netzwerke und Solidaritäten. Erst durch die Digitalisierung wird ein protestantischer Kerngedanke technisch möglich: das Priestertum aller. Denn die hierarchische Verkündigung wird in ihrer ganzen Gestrigkeit von immer weniger Menschen ernst und angenommen. Sie steckt in einer Glaubwürdigkeitskrise, gilt in den Augen vieler als paternalistisch und anmaßend. Deshalb können die meisten Gläubigen mit Orientierungshilfen, Denkschriften, Dogmen und vielleicht sogar Predigten immer weniger anfangen – zumindest, wenn diese Hilfen, Schriften und Predigten im Duktus einer königlichen Kundgebung salbungsvoll vom Balkon vorgetragen werden. Niemand will mehr erreicht oder gar "abgeholt" werden. Die Chance der Digitalisierung liegt im Gespräch, im Miteinander, im Gleichzeitigen.

Auf diese Weise ist Wikipedia entstanden. Seit 2001 wurden dort über 39 Millionen Artikel in 300 Sprachen erstellt und ständig bearbeitet. Wie wäre es, die nächste Orientierungshilfe oder die nächste Lutherrevision wie einen Wikipedia-Eintrag zu erarbeiten? Jeder darf schreiben, korrigieren, präzisieren. Der Text wäre nur noch ein Wasserstandsbericht in einem nie endenden Optimierungsprozess. Erste Versuche in diese Richtung wagt das Projekt "Offene-Bibel.de", ein Gemeinschaftswerk, das in mehreren Schritten eine zuverlässige und frei zugängliche Bibelübersetzung erarbeiten will.

Die Welt ist durchdigitalisiert. Das mag den Skeptikern nicht gefallen, ändern lässt es sich jedoch nicht mehr. Alleine der Versuch, das Rad der Zeit zurückzudrehen und analoge Ruheräume auszurufen, wirkt, als wolle man das Scriptorium neu eröffnen, während nebenan die Druckerpresse rattert. Eine Kirche, die sich der Digitalisierung verweigert, ist gestrig, alt und unbeweglich. Sie hat Luther nicht verdient, auf dessen radikale Botschaft sie sich beruft, und wirkt so fortschrittsfeindlich wie die feudale Herrschaftskirche, die mit der Reformation ihr Ende fand. Wer noch immer davon ausgeht, dass das Internet einen Raum darstellt, den man betreten kann, aber nicht muss, wird nicht erst durch die Zukunftsvisionen, die diese Woche auf der Cebit verhandelt werden, eines Besseren belehrt.

Das Internet der Dinge ist einer der vielversprechendsten Absatzmärkte der nächsten Jahre. Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden Kontaktlinsen unseren Blutzuckerspiegel messen, der dann automatisch mit anderen Daten abgeglichen wird. Navigationsgeräte werden die Route bald auf der Windschutzscheibe einblenden, indem sie die echte Straße einfärben. Brillen, die uns in virtuelle Realitäten versetzen, gibt es bereits. Künstliche Intelligenz klingt in vielen Fällen noch ziemlich hölzern, aber haben Sie sich mit Apples Siri oder einem Twitter-Bot schon einmal über den Sinn des Lebens unterhalten? Das ist unterhaltsamer als manche Predigt. Was bedeutet all das für unser Verständnis von Wahrheit? Bietet ein virtueller Raum genug Schutz für die Beichte, gar für die Eucharistie?

Diese Fragen werden sich in Kürze stellen. Doch der Blick in die Zukunft ist gar nicht nötig. Die Digitalisierung ist da, auch wenn sie die Kanzlerin in ihrer Rede auf der Cebit wieder einmal "gefordert" hat. Nicht wenige junge Menschen werden ihre Wahlentscheidung im Herbst auch vom Digitalisierungsgrad der Parteien abhängig machen, weil das nun mal die Welt ist, in der wir uns bewegen. In einer Bankfiliale war ich das letzte Mal, um ein Kindergirokonto zu eröffnen; in den letzten Jahren fand ich mehr Freunde bei Twitter als in der Kohlenstoffwelt; meine Heizung steuere ich per Smartphone, das mich auch durch die Stadt lotst. Fernseher sind heute smart, Städte sind smart – nur die Kirche ist es nicht.

Dabei wäre es höchste Zeit, die digitale Gegenwart theologisch zu deuten, in ihr das Evangelium zu erkunden, zu teilen, zu leben. Wer die Digitalisierung versteht und sie sich zunutze macht, wird nicht nur in den kommenden Jahren am Ball bleiben. Es geht um die nächste Epoche. Wie der Buchdruck den Niedergang des Feudalismus medial begleitete, so steht die Digitalisierung für das, was auf uns wartet in der Zukunft.

Die Digitalisierung verrät etwas über die kommende Welt, das System, in dem wir künftig leben. Wie der Buchdruck ist die Digitalisierung selbst kein politisches System, keine Theologie, mit und in der es sich leben lässt. Sie ist der mediale Ausdruck einer Epoche, die – so viel sei bei aller Ökumene-Euphorie prognostiziert – auch eine postkonfessionelle Epoche sein wird.

Keine Frage, die Euphorie wurde getrübt in letzter Zeit. Der arabische Frühling beflügelte die Hoffnung, dass soziale Medien womöglich stärker sein könnten als Diktatoren. Doch ebenso sehr ernüchtert die Tatsache, dass niemand die Digitalisierung so gut zu nutzen weiß wie Populisten und Terroristen. Die dunklen Seiten der Digitalisierung sind nicht kleinzureden. Wir müssen über den Hass gegen Minderheiten reden, der sich im Netz und auf der Straße breitmacht, über Datenmonopole und Überwachung, über Barrieren, die etwa Sehbehinderten den Zugang zum Internet und damit zur Gesellschaft verwehren. Soziale Medien ersetzen Debatten nicht, doch bieten sie eine immer brauchbarere Plattform dafür. Betätigungsfelder für die Kirchen gäbe es also zur Genüge.

Die negativen Auswirkungen der sozialen Medien werden oft von denjenigen hervorgehoben, die sie nicht oder höchstens einseitig nutzen. Und selbstverständlich gibt es in der Kirche Leute, die sich dieser Probleme bewusst sind, sie diskutieren, die sich aber dennoch ins digitale Getümmel begeben. Man müsste sie nur zurate ziehen.

Während meiner ersten Ausbildung zum Druckvorlagenhersteller, neudeutsch Mediengestalter, absolvierte ich ein Praktikum in einer kleinen Druckerei. An einem Nachmittag zeigte mir der Chef mit feuchten Augen seine alte Druckerpresse, eine Heidelberg, die noch immer ihren festen Platz in der Halle neben den modernen Offset-Maschinen hatte. Der Druckermeister wusste: Sein Sohn, der die Druckerei bald übernehmen sollte, lebt und arbeitet in einer ganz anderen Welt, unter ganz anderem Druck, mit neuen Maschinen und modernen Methoden.