Die Twitter-Accounts der Bundesregierung waren vergangene Woche der Schauplatz einer digitalen Rauferei. Die Ressorts für Wirtschaft und Finanzen stritten öffentlich über Steuerpolitik, und das auch noch in einem ungewöhnlich forschen Ton. Das SPD-geführte Wirtschaftsressort hatte ein Thesenpapier vorgelegt, in dem, versteckt auf der letzten von neun Seiten, eine Reform der Besteuerung von Familien gefordert wurde. Daraufhin twitterten die Beamten von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), die Kollegen sollten das Thema doch lieber "den Profis" überlassen, in anderen Worten: dem Bundesfinanzministerium. Die Wirtschaftsministerialen wehrten sich und betonten, die geltenden Gesetze seien "ein Hemmnis für die Erwerbsbeteiligung von Frauen". Darüber müsse man reden.

Über den Kern der Auseinandersetzung wird auch im Wahlkampf noch gestritten werden: Lässt sich mit einer Reform der Besteuerung von Ehepaaren die Erwerbsbeteiligung steigern?

Das Ehegattensplitting erlaubt Ehepartnern, bei ihrer Steuererklärung die Einkommen zusammenzurechnen, um von einem günstigeren Steuersatz zu profitieren. Spitzenverdiener sparen bis zu 15.000 Euro pro Jahr.

Unzählige Wissenschaftler und Kommissionen haben sich schon mit Reformideen für das Splitting beschäftigt. Eine weitere Untersuchung zum Thema wird in der kommenden Woche das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vorstellen.

Es geht also um viel Geld – und um viele Wählerstimmen. Rund 13 Millionen Verheiratete profitieren momentan vom Ehegattensplitting, die meisten von ihnen gehören zu jener Mitte der Gesellschaft, um die sich Union und SPD im Wahlkampf besonders bemühen wollen. Geringverdiener zahlen meist keine Einkommensteuer. Deshalb sind die Spitzenpolitiker in der Debatte um die Familienbesteuerung zurückhaltender als die Verwalter der Twitter-Accounts der Ministerien.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Die Sozialdemokraten und die Grünen wollen die Steuervorteile von Paaren allerdings zugunsten von Familien verringern, und sie berufen sich dabei unter anderem auf das Argument aus dem Tweet des Wirtschaftsministeriums: Solange es sich für Ehepaare finanziell lohne, dass beide Partner sehr unterschiedlich verdienen, verleite das Steuersystem zu einer traditionellen Arbeitsteilung. Je kleiner der Steuerbonus für die Alleinverdiener-Ehe ausfällt, desto größer ist nach dieser Logik die Wahrscheinlichkeit, dass beispielsweise Mütter mit kleinen Kindern nicht zu Hause bleiben, sondern berufstätig werden.

Es gibt viele Studien, die diese Sicht unterstützen. Zuletzt ging die Frankfurter Wirtschaftsprofessorin Nicola Fuchs-Schündeln in einer internationalen Vergleichsstudie der Frage nach, warum in Deutschland Frauen zwar oft erwerbstätig sind, gleichzeitig aber deutlich weniger Stunden pro Woche arbeiten als ihre Geschlechtsgenossinnen in den meisten anderen Industrieländern. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Besteuerung der Paare ausschlaggebend ist.