Ein Anfall beginnt bei mir mit einem Kribbeln im linken Handgelenk. Das Kribbeln ist die "Aura"; es ist Vorbote und zugleich auch schon Teil des Anfalls. Es entsteht links, weil der Epilepsie-Herd am motorischen Zentrum meiner rechten Gehirnhälfte sitzt.

Wenn das Kribbeln losgeht, habe ich fünf bis zehn Sekunden Zeit – falls ich allein zu Hause bin, versuche ich dann, mich schnell auf mein Bett zu retten. Denn wenn ich erst einmal krampfe und zucke, kann ich stürzen und mich verletzen. Einmal bin ich unter den Schreibtisch gefallen und habe mir die Handknöchel blutig geschlagen, ein anderes Mal ist mein Kopf so hart gegen die Kacheln auf dem Küchenboden geknallt, dass ich hinterher ein blaues Auge hatte.

Meine Freunde wissen, dass sie nicht viel tun können, wenn sie dabei sind. Nur etwas Weiches unter meinen Kopf legen und spitze oder harte Gegenstände aus meiner Nähe entfernen. Meine Arme festhalten dürfen sie nicht – das könnte mir die Knochen brechen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Nicht aus jedem Kribbeln wird ein Anfall; manchmal kann ich ihn unterbrechen, indem ich die Stelle mit der anderen Hand berühre. Manchmal wandert das Gefühl auch den Arm hinauf, meine Hand verkrampft sich zur Kralle, ich reiße den Arm hoch und zucke ein paar Sekunden lang – und dann ist der Anfall auch schon vorüber.

Jeden Tag erlebe ich zehn leichte und alle zwei Wochen einen heftigen Anfall. Passieren kann es überall. Vor Kurzem bin ich mit einer Freundin essen gegangen. Im Restaurant bin ich vom Stuhl gekippt, habe meinen Teller und mein Glas vom Tisch gefegt, wäre fast auf einer Gabel gelandet. Statt im Lokal haben wir uns dann in der Notaufnahme unterhalten.

Die meisten Anfälle erlebe ich bei vollem Bewusstsein, kann aber nichts tun. Bis zu drei Minuten lang habe ich keine Kontrolle über den Körper. Wenn der Anfall vorbei ist, krabble ich bisweilen noch zur Tablettendose, aber oft schlafe ich vor Erschöpfung ein.

Jeder Epileptiker erlebt die Aura und die Anfälle anders. Manche riechen dabei etwas Bestimmtes, manche bekommen einen Tunnelblick, andere hören Melodien, und, ja, manche haben auch Schaum vor dem Mund. Man sagt: Es gibt so viele Formen von Epilepsie, wie es Menschen mit Epilepsie gibt.

Viele Epileptiker haben dank Medikamenten gar keine Anfälle mehr. Das funktioniert bei mir leider nicht. Doch auch wenn jeder Anfall frustrierend sein kann, hält mich das nicht davon ab, ein einigermaßen normales Leben zu führen.

Protokoll: Daniel Kastner