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Die glücklichsten Menschen leben in: Europa. Die lebenswertesten Städte liegen in: Europa. Die beste Gesundheitsversorgung gibt es in: Europa. Aus Europa kommen die meisten börsennotierten Unternehmen und die meisten Olympiasieger. Nur eines fehlte in Europa zuletzt: das Selbstbewusstsein.

Müde, alt und verbraucht – das war das Bild, das viele Europäer von ihrem Kontinent gewonnen hatten. Müde, alt und verbraucht klangen auch die meisten Reden über die Europäische Union. Doch seit jenseits des Atlantiks Donald Trump regiert und vieles, wofür die USA standen, vom Rechtsstaat bis zum Freihandel, infrage steht, hat sich auch in Europa etwas verändert. Seit Nationalisten und Populisten diesseits des Atlantiks die eigenen, europäischen Werte bedrohen, wachsen die Gegenkräfte.

Man spürt das in Berlin, Wien oder Lissabon, wo jedes Wochenende Tausende auf die Straße gehen, um dieses Europa zu feiern.

Man hört das bei den Auftritten europäischer Politiker, die auf einmal ganz anders über die EU reden.

Man merkt das am wirtschaftlichen Aufschwung, der sich gerade auf dem Kontinent vollzieht.

Europa, eben noch abgeschrieben, ist plötzlich wieder eine Option. Keine Episode aus der Vergangenheit, sondern ein Versprechen für die Zukunft. Eine Alternative zu den USA – und zu den autoritären Herrschern in der eigenen Nachbarschaft, von Moskau bis Ankara. Niemand muss mehr die existenzielle Notwendigkeit der EU erklären, sie erschließt sich plötzlich ganz intuitiv. Es ist so etwas wie eine Neubegründung Europas.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Ein Kontinent erwacht.

So wie vor 60 Jahren, als sich in Rom sechs europäische Staaten zusammenschlossen. Renée Haferkamp war bei den Vorbereitungen dabei, die Belgierin arbeitete als Dolmetscherin und ist einer der letzten Zeitzeugen. Während die grauhaarige Dame am Esstisch ihres Brüsseler Hauses sitzt und in den Garten blickt, in dem die ersten Bäume rosa blühen, erinnert sie sich an die Männer, die die EU erfunden haben und die heute längst Geschichte sind: an den Belgier Paul-Henri Spaak, den Franzosen Jean Monnet, den Deutschen Walter Hallstein, der dann zum ersten Kommissionpräsidenten wurde. "Sie waren große Europäer", sagt Haferkamp und meint damit eine bestimmte Haltung: die feste Überzeugung, dass man gemeinsam weiter kommt als alleine.

Als die Verträge am Abend des 25. März 1957 unterzeichnet werden sollen, regnet es in Rom. Die Schaulustigen, die auf dem Kapitolshügel auf die Politiker warten, sind versteckt unter großen, schwarzen Regenschirmen. Gegen 18 Uhr treffen die ersten ein und eilen die Treppen hinauf, bis in den prachtvollen Saal der Horatier und Curiatier. Dort warten bereits die Fotografen, um die entscheidende Szene festzuhalten: Ernste Männer in dunklen Anzügen unterschreiben mit dicken Füllern die Geburtsurkunde der Europäischen Union.

Dass die sechs Gründernationen der EU erstmals einen Teil der eigenen Souveränität abgeben, und zwar freiwillig, dass sie eine Wirtschaftsgemeinschaft, eine Atomgemeinschaft, den Vorläufer des EU-Parlamentes und einen Gerichtshof gründen, liegt zwar an der allgemeinen Einsicht, dass überzogener Nationalismus im Desaster endet. Entscheidend aber ist der Enthusiasmus einer Handvoll realistischer Idealisten. "Sie haben daran geglaubt", erinnert sich Renée Haferkamp. "Sie haben wirklich geglaubt, sie könnten die Vereinigten Staaten von Europa schaffen."

Wann aber verliert man den Glauben an eine Idee? Renée Haferkamp antwortet zögernd: "Das passiert schleichend. Die ersten Zweifel hatte ich schon, als ich Anfang der sechziger Jahre Kommissionspräsident Walter Hallstein und Paul-Henri Spaak, der damals belgischer Außenminister war, nach Athen begleitete. Damals sollte dort ein Assoziationsabkommen unterzeichnet werden." Weil die Kommission wie heute keine eigenen Flugzeuge besaß, nutzen sie die belgischen Staatsmaschinen. Haferkamp erzählt, wie das Flugzeug landete, der rote Teppich ausgerollt wurde und Walter Hallstein zuerst aussteigen wollte. Immerhin ging es ja um Europa und Athen. "Doch dann fuhr Spaak den Ellenbogen aus und drängte sich vor – ausgerechnet Spaak, der so für Europa gekämpft hatte. Er fand wohl, er sei als Vertreter eines Mitgliedsstaates wichtiger als der Mann, der Europa vertrat."

"Europa ist nicht so blutleer, wie viele dachten"

Haferkamp arbeitete auch in den folgenden Jahrzehnten weiter in Brüssel. Sie hat alle Kommissionschefs kennengelernt und noch mehr Regierungschefs. Und sie war dabei, als der anfängliche Enthusiasmus der Ernüchterung wich. Aus den Römischen Verträgen wurden mehr als 85.000 Seiten Gemeinschaftsrecht, die niemanden mehr inspirierten. "Brüssel" war fortan das Synonym für Bürokratie. Selbst als die EU 2012 den Friedensnobelpreis erhielt, war der Spott größer als die Freude: ausgerechnet die EU!

Und heute, 60 Jahre nach der Unterzeichnung der Römischen Verträge?

Der Goetheplatz in Frankfurt am Main ist voller Menschen, rund 3.000 sind es, mindestens. Als irgendwann der Schlager Insieme ("Gemeinsam") aus den Lautsprechern schallt, wogt die Menge. Studenten und Rentner fassen sich an den Händen und tanzen Ringelreihen. Andere schwenken EU-Fahnen oder tragen das blaue Tuch mit den goldenen Sternen als Umhang. Sie sehen aus wie Fans, die ihrem Club lebenslange Treue geschworen haben.

Der Club, um den es hier geht, heißt Europäische Union. Von ihm dachten viele bis vor Kurzem noch, er habe praktisch keine Fans mehr.

Doch dann kam vor wenigen Wochen erstmals "Pulse of Europe" auf die Plätze. Eine proeuropäische Graswurzelbewegung, es gibt sie inzwischen in 60 Städten, vor allem in Deutschland, aber auch in den Niederlanden, Frankreich, Portugal, sogar in Großbritannien. Ihre Anhänger, inzwischen Zehntausende, treffen sich immer wieder sonntags in Freiburg, Berlin oder Bad Kreuznach, in Lyon oder Lissabon. Oder in Frankfurt, wo alles anfing.

90 Minuten vor Beginn der Kundgebung eilen Sabine und Daniel Röder durch die Innenstadt. Pulse of Europe ist ihre Erfindung. Eine Abends-beim-Wein-Idee, entstanden daheim auf dem Sofa der beiden Mittvierziger. Die zwei Juristen, die vorher nie eine Demo organisiert hatten, gründeten ein politisches Start-up, das sich anschickt, mehr Anhänger auf die Straße zu bringen als die Antieuropäer von Pegida in ihren besten Tagen.

Den Entschluss, etwas zu tun, fasste das Paar nach dem Brexit-Votum und der Wahl Donald Trumps. Ihre Sorge: Die EU könnte zerbrechen am wachsenden Erfolg ihrer Feinde, an Marine Le Pen, aber auch an der AfD. Die Röders formulierten einen Aufruf, den sie per Facebook verbreiteten. "Wir sind eine Art Reanimationsmaschine", sagt Daniel Röder. "Europa ist in Wahrheit nicht so blutleer, wie viele dachten. Wir müssen nur die Emotionalität zurückgewinnen." Leider seien in der Öffentlichkeit "vor allem die destruktiven und zerstörerischen Stimmen zu hören", schrieben die Röders auf Facebook. Pulse of Europe wolle die schweigende Mehrheit mobilisieren.

Bei der Kundgebung in Frankfurt spielt ein Trompeter die Europahymne Ode an die Freude, und die Menge singt mit. An einem Stand kann jeder Fanartikel erhalten: Gegen eine Spende gibt es Luftballons und Armbänder in EU-Blau, Fähnchen und Flaggen, sogar Wollmützen mit goldenen EU-Sternen, die ein EU-Fan gehäkelt hat. Eine Jubelveranstaltung? Ja, schon. Aber nicht nur.

Wer will, kann am "Offenen Mikrofon" auf der Bühne drei Minuten lang zu den Tausenden sprechen. An diesem Tag geht es um den Erfolg der proeuropäischen Kräfte in den Niederlanden (Jubel, Fahnenschwenken), die Demokratiebewegung in Rumänien oder darum, dass man "Brüssel in ein europäisches Frühlingserwachen versetzen" müsse. Es gibt auf dieser Demo fast gar keine Transparente und Plakate. Auf einem steht einfach nur: "Ja!" Es ist der größtmögliche Kontrast zu jedem Pegida-Treffen, das von Wut und der Herabsetzung anderer getrieben ist. Die Menschen, die zu Pulse of Europe kommen, haben sich vorgenommen, für etwas zu sein.

Lange hat sich die EU in der Suche nach einem neuen Narrativ aufgerieben. Einst war die Erzählung klar: Wir müssen zusammenhalten, um uns vor uns selbst zu schützen. Wir sind eine Friedensunion. Doch irgendwann wurde der Frieden selbstverständlich. Das Urvertrauen in die Richtigkeit des europäischen Projekts schwand. Die Krisen der vergangenen Jahre, von den Euro-Turbulenzen bis zum Flüchtlingsansturm, gaben der Union scheinbar den Rest.

Neue Kräfte von unten

Europas Unterstützer gewöhnten sich deshalb folgende Argumentation an: In einer Welt, in der die Schwellenländer immer mächtiger und reicher werden, werden die europäischen Staaten bald zu klein sein, um noch bestehen zu können. Nur gemeinsam könne man verhindern, dass die anderen über Europa entscheiden. Ganz ähnlich hatte bereits Jean Monnet argumentiert. "Unsere Länder sind zu klein geworden für die gegenwärtige Welt", schrieb der Vordenker der europäischen Integration 1954. Das Argument mag richtig sein, im 21. Jahrhundert noch mehr als im vorangegangenen, aber es verfing nicht. Die EU als Auffangbecken für schwächelnde Nationalstaaten im Zeitalter der Globalisierung – das war eine kleinliche, defensive Erzählung, die niemanden mitriss. Die EU-Skeptiker nicht, weil sie sich in einer derart feindseligen Welt erst recht nur auf ihr eigenes Volk verlassen. Die Proeuropäer nicht, weil es ihnen an Größe und Erhabenheit fehlte. Und schließlich die nüchternen Pragmatiker nicht, weil es so düster schon nicht werden konnte mit Amerika an der Seite.

Dann kam der Brexit. Und es kam Trump.

München, Hotel Bayerischer Hof, vor genau einem Monat: Zur Sicherheitskonferenz sind gleich mehrere hochrangige US-Politiker angereist. Der neue Vizepräsident Mike Pence ist gekommen, ebenso Verteidigungsminister John Mattis und Heimatschutzminister John Kelly. Mit Spannung warten die wichtigsten Außen- und Verteidigungspolitiker der Welt auf die Reden der Trump-Leute. Und auf die Reaktion der EU. Nachdem Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg gesprochen hat, tritt Federica Mogherini ans Rednerpult. Sie ist die Außenbeauftragte der EU, mehr außerhalb als innerhalb Europas unterwegs, und was sie dann sagt, kommt für die meisten Zuhörer überraschend.

Die EU sei in einem viel besseren Zustand, als die Europäer wahrhaben wollten. Mogherini spricht über Menschenrechte, Gesetzestreue, Verlässlichkeit, Gleichberechtigung, den Kampf gegen den Klimawandel. Für all das, sagt die Außenbeauftragte, werde die EU von anderen bewundert. Das höre sie von ihren Gesprächspartnern außerhalb Europas immer wieder. Stolz auf die EU? Bewunderung für Europa? Man braucht nur einen Schritt herauszutreten, schon ändert sich die Perspektive.

Bis vor Kurzem sah es so aus, als werde der zerstörerische, nationalistische Furor, den Donald Trump in den USA entfacht hat, zwangsläufig auf Europa überspringen. Noch ist die Gefahr nicht gebannt, aber die Gegenkräfte sind sichtbarer geworden. Vor allem im Westen, in den alten EU-Ländern. Und nicht nur auf den Straßen und Marktplätzen, sondern auch in den politischen Arenen. Am deutlichsten wird das gerade in Frankreich, wo die Gefahr am größten ist. Sollte die rechtsextreme Marine Le Pen im Mai Präsidentin werden, bedeutete dies das Ende der EU, wie wir sie kannten.

Seit eine Mehrheit der Franzosen 2005 in einem Referendum gegen die damals geplante EU-Verfassung gestimmt hatte, war Europa zu einem Tabuthema der französischen Politik geworden. Wann immer etwas schiefging in Frankreich – und es ging eine Menge schief –, konnte man die EU dafür verantwortlich machen. Emmanuel Macron hat mit dieser ungeschriebenen Regel der französischen Politik gebrochen. Er ignoriert sie einfach. Der 39-Jährige, der Präsident werden will, spricht ganz ungeniert über Europa. Er lässt nicht nur die Wände in seinen Veranstaltungshallen mit EU-Flaggen pflastern. Er hat im Wahlkampf auch schon zweimal Berlin besucht, zuletzt sogar Angela Merkel getroffen. Macron hat keine Furcht vor Nähe, obwohl oder gerade weil seine Kontrahentin Marine Le Pen nicht müde wird, vor einem "deutschen Diktat" in Europa zu warnen.

Der Franzose ist nicht der erste Wahlkämpfer, der den EU-Gegnern offensiv entgegentritt. In Österreich hat der Grüne Alexander Van der Bellen für Offenheit und europäische Zusammenarbeit geworben und so die Präsidentenwahl gegen die FPÖ für sich entschieden. Auch bei der Parlamentswahl in den Niederlanden haben zwei ausgesprochen proeuropäische Parteien viele Stimmen gewonnen: die Grünen wie auch die liberale Partei D66. Und in Deutschland entfacht SPD-Kandidat Martin Schulz immer dann besonders viel Begeisterung, wenn er die Nationalisten attackiert.

Selbst dort, wo man es vielleicht am wenigsten vermuten würde, werden wieder EU-Fahnen geschwenkt: im Osten Europas. Als Anfang des Jahres Hunderttausende in Rumänien auf die Straße gingen, um gegen ihre Regierung zu demonstrieren, taten sie das ausdrücklich im Namen Europas. Ohne die EU wäre die korrupte politische Kaste Rumäniens nie so sehr unter Druck geraten. Die Wachsamkeit der EU sei für ihre Arbeit "fundamental", sagt die Leiterin der Anti-Korruptions-Behörde, Laura Kövesi . Noch ist die Auseinandersetzung nicht entschieden. Aber ohne die EU wären die Rumänen sehr einsam in ihrem Kampf gegen die Korruption und für mehr Rechtsstaatlichkeit.

Je finsterer die Umstände sind, desto heller strahlen die zwölf goldenen Sterne der EU – das gilt in Warschau genauso wie in Bukarest. Während die polnische Regierung immer autoritärer und nationalistischer auftritt, wandte sich Ryszard Petru, derzeit der wichtigste Oppositionsführer, nun in einem offenen Brief an "unsere europäischen Freunde". Dank der EU sei Polen ein besseres Land geworden, schrieb der Vorsitzende der liberalen Partei Nowoczesna und versicherte, die Mehrzahl der Polen wolle Teil eines "starken, vereinigten Europas" sein. Sogar einen baldigen Beitritt Polens zur Europäischen Währungsunion stellte Petru in Aussicht. Bislang galt ein solches Bekenntnis in Polen als politischer Selbstmord.

Die EU war lange als Elitenprojekt verschrien. Und je größer der Unmut über die Eliten wurde, desto heftiger wurden die Angriffe gegen die EU. Aus dieser Gleichung haben die Populisten ihre Energie gezogen. Nun sieht es so aus, als könnten der Union ausgerechnet von unten neue Kräfte zuwachsen. In vielen Ländern hat die Unterstützung für die EU wieder zugenommen.

Die überraschende wirtschaftliche Renaissance

Wenn sie über die Mitgliedschaft ihres Landes in der EU abstimmen dürften, würden sich 70 Prozent aller EU-Bürger für die Union entscheiden. Das geht aus einer Studie hervor, die die Bertelsmann Stiftung in diesen Tagen veröffentlicht. Im März 2016, vor dem britischen Referendum, lag die Zustimmung bei 65 Prozent. Noch deutlicher wird der Stimmungsumschwung bei einer anderen Frage. 66 Prozent aller EU-Bürger geben an, dass Freunde oder Kollegen positiv über die Union sprächen; vor dem Brexit waren es lediglich 47 Prozent. Nach einer repräsentativen Erhebung im Auftrag des Bankenverbands, die der ZEIT vorliegt, halten 61 Prozent der Deutschen viel oder sehr viel von der Union, das sind fünf Prozentpunkte mehr als vor drei Jahren und sogar zehn Prozentpunkte mehr als vor neun Jahren. 63 Prozent glauben, dass sich der Euro bewährt hat.

Allerdings bedeutet das grundsätzliche Bekenntnis zur EU keinen Freifahrtschein und schon gar kein Zurück zur alten Doktrin der ever closer union, der immer engeren Union. Auch das geht aus der Bertelsmann-Studie hervor. Denn sosehr viele Menschen die EU grundsätzlich schätzen: Die Unterstützung für eine weitere politische und ökonomische Integration hat in den meisten Ländern abgenommen.

Dieses Paradox ist auch in Brüssel nicht verborgen geblieben. Selbst dort, wo die Routinen besonders stark sind und das Pathos häufig hohl klang, hört man neue Töne. Zu oft sei die Diskussion über Europas Zukunft auf eine Wahl zwischen mehr oder weniger Europa reduziert worden, schreibt Jean-Claude Juncker in einem Weißbuch, das vor Kurzem veröffentlicht wurde. Das sei "irreführend und allzu simpel", so der Kommissionschef. Statt wie früher abgehobene Blaupausen für eine bessere Welt zu entwerfen, haben Junckers Beamte fünf mögliche Szenarios entwickelt – von einem Rückbau der EU zu einem bloßen Binnenmarkt bis zu einer sehr viel weiter reichenden Zusammenarbeit etwa in der Verteidigungs- oder Steuerpolitik. Auch Angela Merkel wirbt für eine Union, die ihren Mitgliedern Raum lässt, sich in verschiedenen Geschwindigkeiten weiterzuentwickeln. Merkel und Juncker wollen den frischen Schwung nutzen, ohne in die alten Fallen zu tappen.

Noch etwas ist neu und ungewohnt: Das politische Erwachen geht einher mit einer überraschenden wirtschaftlichen Renaissance. Nach einer langen Krise wächst in allen Mitgliedsländern der EU die Wirtschaft wieder. Die Stimmung in den Unternehmen hellt sich auf, die Staatsdefizite gehen zurück, die Arbeitslosenquote sinkt. In den vergangenen vier Jahren sind fast fünf Millionen neue Stellen geschaffen worden – und die Jobs entstehen nicht nur im boomenden Deutschland, sondern auch in Frankreich, in Irland, in Spanien und sogar in Griechenland, beim ewigen Sorgenkind. Die Folgen der Krise sind längst nicht überall überwunden, aber die Erzählung vom sklerotischen Europa, das es mit den USA oder China nicht aufnehmen kann – sie stimmt nicht mehr. In den vergangenen Jahren gehörten Spanien, Griechenland, Portugal, Irland und Polen nach Erhebungen der Industrieländerorganisation OECD zur weltweiten Spitzengruppe bei der Umsetzung von wirtschaftlichen Reformen. Die Wirtschaft der Euro-Länder ist im vergangenen Jahr schneller gewachsen als die der Vereinigten Staaten.

Dabei erweist sich Europas vermeintliche Schwäche angesichts der populistischen Versuchung zunehmend als Standortvorteil: Immer mehr internationale Investoren lernen den europäischen Sozialstaat mit seinen vergleichsweise hohen Steuersätzen und großzügigen Arbeitnehmerrechten zu schätzen. Er verhindere, dass sich wie in den USA "ein großer Graben zwischen den Eliten und dem Rest der Bevölkerung auftut", sagt Philipp Hildebrand, Vizechef der weltgrößten Vermögensverwaltung Blackrock, die mehr als fünf Billionen Dollar bewegt und an zahlreichen großen Unternehmen beteiligt ist. Ein bemerkenswerter Sinneswandel, schließlich hat nicht zuletzt das Finanzkapital in den vergangenen Jahrzehnten darauf hingearbeitet, auch diesseits des Atlantiks einen Wildwest-Kapitalismus amerikanischer Prägung durchzusetzen.

Von der Krisenregion zum Zukunftsmodell – so überraschend ist diese Wendung, dass sie leicht den Blick auf die ungelösten Probleme verstellen könnte. Die Wirtschaft wächst zwar wieder, aber der Aufschwung ist noch fragil. Die Unternehmen schaffen zwar neue Stellen, aber vor allem die Jugendarbeitslosigkeit ist nach wie vor viel zu hoch. Die Union hat zwar einen neuen Daseinszweck, aber wenn es konkret wird, brechen alte Konflikte wieder auf, in der Flüchtlings- genauso wie in der Währungspolitik. Und in Polen geht der Abbau des Rechtsstaats weiter.

Doch wann und wo wird in der Politik nicht gestritten? Und vielleicht ist die entscheidende Pointe an der Begeisterung für Europa, dass die Lösung der Probleme leichter wird, wenn alle Beteiligten den Erfolg wollen. So werden in Paris und Berlin insgeheim bereits Szenarios für eine Reform der Währungsunion durchgespielt, die künftige Krisen verhindern soll. Demnach würde Frankreich seine Haushaltspolitik einer strengeren Kontrolle durch die Brüsseler Institutionen unterwerfen, während Deutschland mehr Geld für gesamteuropäische Initiativen bereitstellte. Warum sollten nach diesem Muster nicht auch in der Sicherheitspolitik oder in der Außenpolitik Fortschritte möglich sein?

Die Erfinder von Pulse of Europe jedenfalls sind inzwischen auf ihre Weise europamüde. Einerseits sind sie aufgekratzt, weil ihre Bewegung seit acht Wochen, als zur Premiere auf dem Goetheplatz 200 Menschen kamen, von Tag zu Tag wächst; andererseits bekommen sie genau deshalb nur noch wenig Schlaf. "Wir haben schon Anfragen aus 40 weiteren Orten", sagt Daniel Röder. Seit einigen Tagen hat Pulse of Europe eine kleine Geschäftsstelle in Frankfurt. Von dort aus werden die vielen Ortsgruppen koordiniert, was zum Beispiel bedeutet, in Rom oder Genua zu recherchieren, wer dort im Namen von Pulse of Europe zu Flashmobs aufgerufen hat.

Anders als man es erwarten würde, haben Sabine und Daniel Röder kein Vorleben als EU-Aficionados. Sie waren weder Erasmus-Studenten noch bei der European Law Students’ Association. Wenig verbindet sie mit jener EU-Elite, die lässig Städtenamen als Code verwendet für europapolitische Entscheidungen: Maastricht, Schengen, Bologna, Nizza, Lissabon. "Wir sind mit dem europäischen Grundgedanken aufgewachsen", sagt Daniel Röder, "der war für uns selbstverständlich."

Wenn nicht alles täuscht, erlebt Europa gerade einen neuen Anfang.