Goch ist eine Stadt, die nicht um Liebe buhlt. Ihre Reize versteckt sie hinter Nachkriegsklinkerhäusern – ihr Selbstbewusstsein versteckt sie nicht. "Schön, dass Sie wieder da sind", steht auf einem Schild am Ortseingang. Und die Homepage informiert, das kulturelle Programm sei "genauso abwechslungsreich wie die niederrheinische Landschaft". Das ist entweder ein nicht ganz so kluger oder ein verblüffend ehrlicher Satz.

Um sich dennoch in Goch zu verlieben, setzen Sie sich erst mal an die Niers. Eine Wasserstraße ist sie nur für Enten und Kanus. Der Fluss teilt die Stadt wie auch die Region Niederrhein in zwei Hälften. Der Rhein dagegen bildet die Grenze zum Ruhrgebiet. Er ist auch viel zu mächtig für eine Gegend, deren Kennzeichen die Beschaulichkeit ist.

Ignorieren Sie die sogenannte Nierswelle im Zentrum – einen Park mit stufenartigen Terrassen, geschwungen wie Wellen. Viel zu neu. Setzen Sie sich lieber auf die Bank nahe der Susmühle, wo die Niers sich vorübergehend teilt, und kommen Sie in den Gocher Groove – gemächlich. Mit der stillgelegten Mühle und dem roten Wasserrad im Hintergrund ist das der schönste Ort der Stadt. Hier stehen auch zwei Exemplare des Wahrzeichens der Region: Die beiden Trauerweiden lassen die Äste in den Fluss hängen. Auf der Niersinsel liegt der Stadtpark, dessen Durchschreiten sich lohnt, weil man von hier einen Blick auf die Kirche St. Maria Magdalena hat. Das gotische Wuchtwerk brachte Goch 1993 weltweit in die Schlagzeilen, als sein Turm einstürzte. Zehn Jahre ließen die Gocher sich Zeit, einen neuen zu bauen.

Eigentlich müssten Sie nun aufs Rad steigen und den Nierswanderweg flussaufwärts fahren, denn Wandern heißt hier Radwandern. Doch die Stadt hat keinen Verleih. Begnügen Sie sich also mit einem Spaziergang. Bald wird’s ländlich. Auf den nur bedingt gepflegten Wiesen steht mal ein Baum und mal ein Pferd. So sieht das hier eben aus.

Kehren Sie dann ins Zentrum zurück, zum Marktplatz. Wer hundert Gocher fragt, welches das schönste Gebäude ist, der erhält hundertmal die Antwort: Das Haus zu den fünf Ringen. Sie erkennen es an den grün-rot-weißen Holzfensterläden. Beim Anblick des Adelshauses aus dem 16. Jahrhundert möchte man mit einer Kutsche im Innenhof vorfahren. Um solche Bauten zu verteidigen, besaß Goch einst vier Tore. Nur das Steintor mit seinen drei Türmen steht noch. Nettes Grusel-Detail: die Pechnase. Durch die Vorrichtung schütteten die Gocher kochendes Öl, um Angreifer abzuwehren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Wer nun seinen Zug erwischen muss, kann auf dem Weg zum Bahnhof nicht nur das Wort "Bequemschuhhaus" entdecken, sondern auch ein Stück Kuchen in der Konditorei Willi Günther mitnehmen. Meist steht dort jene Frau hinter der Theke, die schon vor 20 Jahren Schülern auf dem Weg zum Bus Weingummi in Tütchen füllte und auch denen was gab, die kein Geld dabeihatten.

Wer keine Eile hat, läuft noch durch die Fußgängerzone und hört dort sicher etwas Niederländisch, das Ähnlichkeit mit dem hier gesprochenen Plattdeutsch hat. Die Grenze ist nur fünf Kilometer entfernt. Wenn Sie weiter stadtauswärts Richtung Ostring gehen, erreichen Sie das Heidestübchen, das alle nach dem Betreiber nur "Terschlüsen" nennen. In einer Stadt, in der das Steakhaus El Paso heißt und der Grieche Syrtaki, verspricht diese Frittier-Institution noch den ehrlichsten Genuss. Der Legende nach hat ihr Erfolg vor allem mit der Haussoße auf Tomatenbasis zu tun.

Der ein oder andere Kunde dort schaut vielleicht etwas brummelig. Da ist der Gocher wie seine Stadt: Muss ja nicht jeder wissen, dass man eigentlich schwer in Ordnung ist.