Letztes Jahr demontierte Heinz Strunk im Roman "Der Goldene Handschuh" die Säuferfolklore des Kiez. Und jetzt das neue Buch "Jürgen", erschienen bei Rowohlt: Wieder ein präziser Blick auf die Verhältnisse und wie sie den Einzelnen gängeln und verbiegen .

DIE ZEIT: Herr Strunk. Wenn Sie eine Pizza wären, was wäre Ihr Belag?

Heinz Strunk: Die Frage haben Sie aus meinem neuen Roman.

ZEIT: Genau. Ihr Romanheld Jürgen trifft Manuela, seine neue Bekanntschaft aus dem Internet. Er bringt sie ins Da Luigi, zu einem Hamburger Italiener. Als er die Frage stellt, lässt Manuela ihn böse auflaufen.

Strunk: Die Frage soll ein Eisbrecher sein. Ich habe sie in einem Liebesratgeber gefunden und in den Dialog eingearbeitet. In diesen Ratgebern stehen so dumme Sachen drin, das will man gar nicht glauben. Die Frage mit der Pizza war besonders gut. Was soll man da denn antworten? "Ich bin eine Ananas"?

ZEIT: Wir haben mal nachgeschlagen. Der Pizza-Hawaii-Typ gilt als besonders romantisch.

Strunk: Die andere Formulierung, die ich sagenhaft fand, lautete: "Immer bohren, immer sägen, immer dran bleiben, bis die Kiste fliegt." Darauf muss man erst mal kommen!

ZEIT: Woher haben Sie das?

Strunk: Ich bin ein Sammler von kuriosen Sätzen. Ich sitze vor dem Fernseher mit dem Notizbuch und schreib mir komische Begriffe auf. Wie "Lebensendpartnerschaft". Das hab ich aus einer Astro-Show. Oder Sätze wie: "Handeln kommt von Hand und nicht von Maul, sonst würd’s ja maulen heißen."

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Ihre Protagonisten sind Verlierer aus Hamburg-Harburg. Jürgen ist Mitte 40, Pförtner in einem Parkhaus, unattraktiv und Single. Sein Kumpel Bernd ist an den Rollstuhl gefesselt, übergewichtig und ebenso partnerlos. Trotzdem sind beide Optimisten. Sie wollen mit der richtigen Lebenseinstellung die Traumfrau finden.

Strunk: Ja, das sind unerschütterliche Typen, die lassen sich von ihrem Plan nicht abbringen. Auf der Suche nach einer Frau reisen sie sogar nach Polen.

ZEIT: Jürgen ist eine klassische Strunk-Figur. Gibt es reale Vorbilder?

Strunk: Meine ehemaligen Kollegen aus der Tanzmusikkapelle Tifannys, in der ich zwölf Jahre lang Saxofon spielte. Diese ganzen armen Willys, zu denen ich mich selbst ja auch gezählt habe, schwebten mir vor. Ich lebe jetzt im Schanzenviertel. Aber wenn man an die Ränder geht, nach Farmsen oder so, da gibt es die ganzen Abgehängten, diese potenziellen Trump-Wähler, die in Wahrheit die schweigende Mehrheit sind. Das sind die, die weder Geld haben noch sonst wie erfolgreich sind. Sie tun sich bei den Frauen schwer und können froh sein, wenn sie überhaupt mal eine finden. Und dann ist die meistens auch keine Traumfrau. So muss man sich Jürgen vorstellen.

ZEIT: Aber anders als viele Trump-Wähler sind Jürgen und Bernd nicht frustriert. Das sind keine Wutbürger.

Strunk: Nee, sind sie nicht. In dem Zusammenhang fiel mir ein dummer Kalenderspruch ein: "Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum." Ich empfinde den Satz als zynisch, weil die Leute, an die sich der Spruch richtet, weder die Möglichkeit noch die Gelegenheit haben, irgendwelche Träume zu leben. Die müssen es so machen wie Jürgen Dose im Roman: Der denkt sich sein kleines, reduziertes und tristes Leben einfach schöner, als es ist.