Auf ihr drittes Kind hatten sie sich besonders gut vorbereitet, denn sie wussten, am Ende würde es sie trotz allem unverhofft treffen. Ein kurzer Anruf, ein Klingeln an der Tür – dann wären sie mittendrin im Weltgeschehen. Aber so hatten sie es gewollt.

Als es so weit ist, am Freitagnachmittag, 5. August 2016, traut sich Kalil kaum aus dem Auto.

Das geht ja gut los, denkt sich Mechthild.

Hoffentlich haben wir uns nicht übernommen, denkt sich Petrus.

Dann ist er da: Kalil, 15 Jahre alt, mehr Junge als Mann, schlank, groß, schüchtern. Ihr neuer Pflegesohn, geflohen vor dem Krieg in Syrien.

Ein Jahr zuvor, im Herbst 2015, hatte sich die Familie dazu entschlossen, ihren Beitrag zu leisten bei der Integration der Flüchtlinge in Deutschland. Sie wollten einen Jugendlichen bei sich aufnehmen, der ohne seine Eltern hierher geflohen war. Die ZEIT durfte sie begleiten. Von der ersten Idee, die Familie zu erweitern, bis zum Einzug des Pflegekindes verging fast ein Jahr, weitere sieben Monate verbrachten sie seitdem zusammen. Sie hatten die besten Voraussetzungen: Eine gut situierte, motivierte Familie trifft auf einen klugen, motivierten Flüchtlingsjungen. Und doch war es ein Weg voller Hürden.


Die Idee: Wie überzeuge ich meine Familie?

Mechthild Sie Too, 51, arbeitet halbtags als Finanzbuchhalterin, liebt Radfahren und Laufen, hat ein Theater-Abonnement und gibt Grundschulkindern Schwimmunterricht. Sie sagt: "Ich würde mir nie anmaßen zu sagen: Das muss jeder machen. Ich kann total verstehen, dass das nicht für jeden etwas ist."

Herbst 2015. In München erreichen Sonderzüge mit Geflüchteten aus Österreich und Ungarn den Hauptbahnhof, in Hamburg kommen täglich bis zu 500 neue Flüchtlinge an. Und in Berlin heißt es: Wir schaffen das. Auch Mechthild Sie Too glaubt daran. Sie engagiert sich in der Flüchtlingshilfe, hilft in der Kleiderkammer.

Über einen Mail-Newsletter hat sie von einem Infoabend erfahren: Pfiff, ein Fachdienst für Pflegekinder und -eltern, sucht Familien, die geflüchtete Jugendliche dauerhaft bei sich aufnehmen. Nun sitzt sie im Publikum. Worte wie Amtsvormund, Privatvormund, Asylantrag, Sozialgesetzbuch, Pflege- elternschule, Pflegeelterndienste prasseln auf sie ein. Es ist ein dreistündiger Crashkurs in Bürokratie und Zuständigkeiten.

Mechthild fragt sich: Traue ich mir das zu? Sie entscheidet: Ja.

Etwa 800 minderjährige Flüchtlinge ohne Eltern leben heute in Hamburg. In betreuten Wohneinrichtungen, manche in Wohngemeinschaften oder bei einem Verwandten. Doch einige der Jugendlichen finden allein keine Orientierung, sie brauchen den Schutz einer Familie, die Struktur.

Ihrer eigenen Familie hatte Mechthild Sie Too vorher nichts von der Veranstaltung gesagt. Nun erzählt sie ihrem Mann Petrus euphorisch davon. Der sagt: Gute Idee, aber dafür habe ich jetzt keinen Kopf. Er hat gerade einen neuen Job angetreten.

Petrus Sie Too, 58 Jahre alt, seit 24 Jahren mit Mechthild verheiratet, arbeitet als Informatiker bei einer Unternehmensberatung. Er kam als Student aus Indonesien nach Deutschland, sagt: "Ich bin sozusagen gebürtiger Ausländer und weiß, wie das ist, sein eigenes Land zu verlassen."

Einige Wochen später sitzt Mechthild mit ihrem Sohn Luca am Küchentisch: "Sag mal, was würdest du davon halten, wenn wir einen jungen Flüchtling aufnehmen?", fragt sie.

Luca, 20, seit Oktober Student, zieht gerade in seine erste eigene Wohnung. Er sagt: "Es ist schwer, sich vorzustellen, wie das ist, wenn jemand Fremdes jeden Tag hier ist. Aber ich finde die Idee gut."

Er erzählt es seiner Schwester. Norina, 22, studiert in Hannover. Sie sagt: "Ich bin stolz auf Mama und Papa."

Der Familienrat tagt, jeder hat ein Vetorecht. "Ich wusste, dass es ein schwieriges Unterfangen werden würde, meinen Mann davon zu begeistern", sagt Mechthild. "Aber es war der richtige Zeitpunkt, einem Jugendlichen eine Chance zu geben."