Michael Egger klingt einigermaßen besorgt: "Wir hätten das ganze Album auf Französisch singen sollen." Eben haben die Swissness-Kapellen Schluneggers Heimweh und Trauffer bei den Swiss Music Awards die Hauptpreise erhalten, die nationalkonservative Weltwoche hievte Züri-West-Frontmann Kuno Lauener aufs Cover. Aber am meisten ärgert Egger, dass auch seine Band in der SVP -Bravo auftauchte: in einem vereinfachten Stammbaum des Berner Mundart-Pops. Jeans for Jesus in einer Reihe mit Gölä und Plüsch. "Ich will mit diesem folkloristischen Zeugs nichts zu tun haben." Vor allem jetzt, kurz bevor das zweite Album in die Läden kommt: P R O, eines der ambitioniertesten Werke des Schweizer Mundart-Pops – und eines der besten.

Der Proberaum von Jeans for Jesus liegt am äußersten Rand des Wankdorf-Quartiers, dort, wo die Stadt Bern in die Agglomeration übergeht. Bis vor Kurzem spielten hier Endo Anaconda und Stiller Has ihren Mittelland-Blues, es roch nach Schweiß, an den Wänden hingen goldene Schallplatten. Nun ist eine neue Generation in die Baracke neben dem Pfadiheim eingezogen. Vier junge Männer, drei Ende zwanzig, einer über dreißig, mit ihren Synthesizern, Keyboards, Drum-Kits – und in der Luft liegt der Duft von frisch gebrühtem Kaffee.

Jeans for Jesus, das sind: Michael Egger, der Sänger, Marcel Kägi, der Produzent, sowie Philippe Gertsch und Demian Jakob. Tagsüber arbeiten die vier in einem Verlag, in der Bundesverwaltung, der freien Theaterszene oder in einem Grafikbüro. Nachts und am Wochenende stehen sie, wenn sie gerade Zeit und Lust haben, mit ihrer Elektropopband auf den Club- und Festivalbühnen.

Und weil sie ihrem Publikum eine gute Show bieten wollen, spielen sie ihre ausgetüftelten Songs nicht aus der Konserve, sondern live, mit richtigen Instrumenten: "Wahnsinnig talentiert sind wir nicht", sagt Egger. "Was aber auch Vorteile haben kann." Es macht Jeans for Jesus sympathisch.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

An diesem Montagabend im Februar trudelt einer nach dem anderen im Proberaum ein. Sie mustern sich gegenseitig, begutachten die neue Undercut-Frisur des Kollegen, erzählen vom Absturz am Wochenende, foppen und herzen sich. Immer ironisch, immer witzig.

Also fragt man die vier, die in echt gar nicht so proper aussehen, wie sie auf den Promo-Bildern erscheinen: Jeans for Jesus, ist das eine schnöselige Hipster-Band? "Wenn wir das wären", sagt Michael Egger, "dann würden wir nicht machen, was wir machen. Alles wäre viel kleiner, unaufgeregter, ungezwungener, ambitionsloser." Sie aber sind getrieben und ambitioniert, sie wollen groß, aufregend klingen – und das gelingt ihnen.

"Wir sind keine Rüümli-Band, die schon als Teenager zusammen Musik gemacht hat", sagt Egger. Er hatte 2012 einfach Lust, eine Popband zu gründen, und tat, was man heute tut, wenn man eine Idee hat. Er schrieb drei Freunden, die sich gegenseitig nicht kannten, eine SMS: "He, willst du mithelfen, den Mundart-Pop zu erneuern?" – "Why not?", bekam er zur Antwort: "Ich habe in diesem Sommer noch nichts vor."

Seither spielen Jeans for Jesus mit dem System Pop. Zwei schreiben die Texte, zwei die Musik. "Wir sind eine Dropbox-Band", sagt Egger. Jeder lädt seine Ideen in die Daten-Cloud, wo die anderen weiter daran werkeln können – und irgendwann entsteht daraus ein Track.