Um gleich zu Beginn unjournalistisch subjektiv zu werden: Als Kind las ich Karl May. Nicht weil mich Indianer wahnsinnig interessierten oder gar, weil ich scharf auf die berüchtigten hirnlähmenden siebzehnseitigen Landschaftsbeschreibungen war, sondern weil Winnetou für mich ein Identifikationsangebot darstellte, wie man es mir im Siebziger-Jahre-Deutschland nirgendwo sonst machte – als kleinem schwarzköpfigem Halborientalen, der damals noch bei seinem arabischen Namen Samer gerufen wurde.

Christian Duda: Gar nichts von allem. Beltz & Gelberg 2017; 160 S., 12,95 €; ab 12 Jahren © Beltz & Gelberg

Nicht nur in meiner Straße, meiner Klasse und auf dem Sportplatz, auch in den Kinderbüchern hießen alle Andreas oder Matthias, hatten mehr oder weniger aschblondes Haar und waren, wie schon ihre Eltern, in Kassel, Bielefeld oder Bergisch Gladbach geboren. Auch im Fernsehen gab es nicht viele Alternativen. Vielleicht Manolito Montoya aus der Western-Serie High Chaparral. Aber selbst da waren Manolito und seine Schwester Victoria die einzigen Mexikaner in einem ansonsten blütenweißen Cast. So weit, so persönlich.

Anfang dieses Jahres erschienen zwei ungewöhnliche Romane, beide an der Schwelle zwischen Kinder- und Jugendbuch: Salon Salami. Einer ist immer besonders von Benjamin Tienti und Gar nichts von allem von Christian Duda. Beide erzählen von Kindern, die zwar in Deutschland zu Hause sind, deren Eltern jedoch nicht von hier stammen.

Dass man dies 2017 noch als Besonderheit erwähnen muss, zeigt, dass das Problem meiner Kindheit bis heute existiert, in der Literatur für junge Leser ebenso wie in vielen anderen Sparten des Kulturbetriebes: Es mangelt an inhaltlicher und personeller Repräsentanz von Menschen und Künstlern mit Einwanderungsgeschichte.

Obwohl die beiden Bücher einige Gemeinsamkeiten haben, unterscheiden sie sich in einem wichtigen Punkt. Die Geschichte von Christian Duda – der eigentlich Christian Achmed Gad Elkarim heißt – um den zwölfjährigen Magdi thematisiert die Frage nach der Zugehörigkeit von Einwandererkindern zu diesem Land explizit, ohne dass dies jedoch das einzige Thema des Buches ist. Der Hauptkonflikt der Familiengeschichte ist der Umgang mit dem gewalttätigen Vater. In Tientis Salon Salami hingegen ist die Einwanderung oder das Irgendwann-mal-eingewandert-Sein ein Setting ohne große Bedeutung für die Story – was den Roman, aus gesellschaftlicher Perspektive betrachtet, fast noch interessanter macht. Die Familie der ebenfalls zwölfjährigen Hani, die ihre im Gefängnis sitzende Mutter vermisst, besitzt einen Friseursalon in Neukölln, ist also quasi naturgemäß arabisch. Genauer benannt wird dies nie. So wie die Kita-Erzieherin, die Hanis kleinen Bruder betreut, eben Frau Erdogan heißt. Auch dies ist dem Autor erfreulicherweise keine weitere Erklärung wert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Tatsächlich haben inzwischen ungefähr ein Drittel aller Kinder in Deutschland einen Migrationshinter- oder -vordergrund. Schaut man auf die westdeutschen Ballungsgebiete und auf Berlin, kommen sogar mehr als die Hälfte aller Kinder aus einer Familie, in der mindestens ein Elternteil nicht hier geboren wurde oder eine andere als die deutsche Staatsangehörigkeit hat. In den jährlich rund 9.000 neu erscheinenden Kinder- und Jugendbüchern jedoch spiegelt sich dies – bei allen ehrenwerten Versuchen – nicht ansatzweise im angemessenen Verhältnis.

Sicher, Kinder- und Jugendbuchautoren schreiben für Kinder und Jugendliche, nicht für "deutschstämmige" Kinder oder "türkischstämmige" Jugendliche. Nicht für die Kinder von Russlanddeutschen, Bayern oder Geflüchteten. Junge Menschen haben, egal wo sie herkommen und egal wo sie leben, oft ähnliche Probleme und Fragen. Eigentlich geht es immer um die elementaren Dinge: Freundschaft, Angst und Mut, Freiheit und Sicherheit, Macht und Machtlosigkeit, Distanz und Nähe zu den Eltern, um das Erwachsenwerden ... Deswegen funktionieren gute Kinderbücher (fast) überall auf der Welt. So wie jede gute Literatur überall auf der Welt funktionieren kann.

Benjamin Tienti: Salon Salami. Dressler 2017; 160 S., 12,99 €; ab 10 Jahren © Dressler

Und obwohl oder gerade weil das stimmt, vergisst man leicht, dass Kinder sich, wie alle Leser und Leserinnen, zumindest hin und wieder in Geschichten konkret wiedererkennen wollen. In der Sprache, aber auch in mehr oder weniger wichtigen Alltagsdingen. Sie wollen, dass ihre Welt eine Rolle spielt: Essen, Hobbys, Glaube, Familien- und Lebensverhältnisse. Und sie wollen, dass Menschen wie sie in den Geschichten vorkommen, mit ihrer Hautfarbe oder ihren Namen voller Ypsilons und Konsonantenkonglomeraten, die im Deutschen traditionell unüblich sind.

Es ist ganz einfach: Ein schwarzes Kind freut sich, wenn ein Buch auch einmal von einem schwarzen Kind erzählt, weil es dann nicht mehr denken muss, Bücher handelten nur von Weißen. Die Erkenntnis, dass es Geschichten gibt, in denen Menschen mit dunkler Hautfarbe die Helden sind, kann in ihrer Wirkung für das Selbstverständnis eines solchen Kindes gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Gerade in einer Gesellschaft, die immer noch an einem strukturellen Rassismus laboriert und Probleme wieder zunehmend auf die Herkunft zurückführt, ist es für junge Leser nicht nur wünschenswert, sondern wichtig, wenn Romane multikulturelle Normalität signalisieren – und sei es auf so einfache Art, wie die Hauptfigur Dilara oder Memet zu nennen und sie zu Hause mal deutsch, mal türkisch sprechen zu lassen. Ohne dass dies problematisiert wird, bitte.