Donnerstag, 8.45 Uhr. Nur noch 24 Stunden, dann wird er endlich am Tor stehen, Unterhemd, Jogginghose, Nikes, in jeder Hand eine Sporttasche, obendrauf die Entlassungspapiere. Er wird die Schulterblätter zusammenziehen wie vor einem Boxkampf, die Halswirbel werden knacken, der Beamte wird Alles Gute sagen und Auf Nimmerwiedersehen, und im Tor der JVA Adelsheim wird eine Tür aufgehen, und Harun wird frei sein.

Aber noch steht er, 19 Jahre alt, 90 Kilo schwer, knappe zwei Meter, in seiner zahnbelagfarbenen Zelle. Tisch, Schrank, Bett, eine Schachtel Leben. Er streicht die Eins von einem an die Wand geklebten DIN-A4-Blatt. Ein Jahr und acht Monate hat er runtergezählt. Nun trennen ihn nur noch ein Tag und eine Nacht vom letzten Eintrag auf der Liste, in Druckschrift geschrieben und mehrfach umkreist: FREE.

Harun S., angeklagt in 93 Fällen, unter anderem wegen schweren Raubs und versuchten Totschlags. Harun, der Junge mit den Mädchenwimpern, der drinnen eine Maurerlehre gemacht hat und gern an Spielenachmittagen teilnahm. Er hat lange gewartet. Nur was er draußen anfängt, mit sich und der Freiheit, das weiß er noch nicht.

Jetzt fragt er sich: Will er Bimbo oder wieder Babo sein?

Jede Haftentlassung ist ein Risiko. Jeden zweiten der jungen Männer zwischen 14 und 23 Jahren sehen sie in der Justizvollzugsanstalt Adelsheim im Norden Baden-Württembergs wieder. Schwer zu sagen, ob Harun dazugehören wird.

Seine Sozialarbeiterin sagt: "Allein kann er es schaffen. Gefährlich wird es, wenn er wieder mit seinen alten Freunden rumhängt, den Kollegen von der Straße."

Harun sagt: "Man weiß nie. Ich bin keiner, der die Eier einzieht, wenn jemand Stress macht."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Aus seinem vergitterten Fenster blickt er auf das graubraune Gefängnisgebäude, auf dem Fenstersims lüften seine Arbeitsschuhe neben einem überquellenden Aschenbecher. Er pustet Rauch aus. Harun sagt: "Was ich wollte, hatte ich. Ich hab gelebt, wie es sich alle Jugendlichen auf der Straße wünschen. Babo eben."

Nicht dass es im Gefängnis anders war. Allein die Körpergröße und der Umfang seiner Oberarme machen Harun zu einem, der im Jugendknast keine Probleme bekommt. Sondern sie anderen macht. "Kindergartengefängnis" nennt er die JVA.

Jetzt, an seinem letzten Tag, den ich ihn mit Erlaubnis der Anstalt begleite, verabschiedet er sich von seinen Mithäftlingen und räumt die Zelle aus. Harun beginnt an den Wänden, löst die Fotos seiner Eltern ab, die von seinem Zwillingsbruder Rashid, das von seiner Freundin Nina und ihm, in einem Herz: "Wir gegen den Rest der Welt." Dann erzählt er seine Geschichte.

Harun wächst mit seinem Bruder in einer mittelgroßen Stadt in Süddeutschland auf; sie soll ebenso ungenannt bleiben wie sein Nachname. Sein Vater kam einst aus Algerien nach Deutschland, die Mutter ist Deutsche. Er ist Lagerist, sie arbeitet als Verkäuferin bei einem Fischimbiss.

Zwei Dinge faszinieren Harun als Jugendlichen: Boxen – er gewinnt einige Pokale – und "die Straße". Es reicht trotzdem zum Hauptschulabschluss, danach macht Harun ein paar Zeitarbeit-Jobs. Doch da hat er längst ein viel einträglicheres Geschäft gefunden.

Haruns Karriere beginnt mit 13, so erzählt er es. Er klaut Fahrräder, dann Roller, dann Autos. Räumt das Geld aus Spielautomaten. Mit 15 arbeitet er als Läufer für Dealer, wird bald selber einer. Warum? Weil er sieht, was die sich leisten können, viele von ihnen so jung wie er. Autos, Uhren, Frauen. Ein Leben wie im Hip-Hop-Video. Ein Leben, das auch er will.

Harun kopiert ihr Geschäftsmodell: Kauft in Frankreich Piece oder Kante ein, beides Haschisch, oder Gras in der Schweiz. Verkauft bald auch Kokain, Ecstasy. Überfällt Spielotheken, Juweliere, Boutiquen. Zu seinen besten Zeiten habe er monatlich 40.000 bis 50.000 Euro gemacht, Gewinn, sagt er. "Es war meine Stadt. Man hat gewusst, wer ich bin."