Monster-Bruder

ab 3 Jahren

Anfangs gab es Natalie. Dann kam Alfonso dazu." Die ersten beiden Sätze und die dazugehörigen Bilder erzählen eigentlich schon alles: Natalie war ein fröhliches rotes Monster, bis die Ankunft ihres kleinen blauen Bruders mit den frech abstehenden Hasenohren ihr Leben auf den Kopf stellte. Alfonso bekritzelt Natalies Basteleien und knabbert ihre Bücher an. Das macht man doch nicht! Am liebsten würde Natalie ihren Bruder verschwinden lassen – oder gar von Raubtieren zerfleischen? Daisy Hirst braucht nicht viel, um die ambivalenten Gefühle darzustellen, die wohl jedes größere Geschwisterkind kennt: Eine Handvoll Farben, auf großzügigen Flächen verteilt, einige wenige Konturen und große Kulleraugen reichen aus, um Zorn und Verzweiflung, aber auch Zuneigung und Fürsorge auszudrücken. Denn natürlich möchte Natalie ihren Bruder nicht wirklich loswerden, dafür ist er manchmal viel zu lieb. Und manche Sachen machen zu zweit dann eben doch viel mehr Spaß als allein.

Daisy Hirst: Alfonso, das macht man nicht!
Aladin Verlag 2017; 40 S., 14,95 €

Zahlen erzählen

ab 5 Jahren

Ein Marienkäfer, zwei Enten, drei Schafe: Oft sind Bilderbücher zum Zahlenlernen so einfallslos wie langweilig. Anders die Geschichte um Prinz Hajo, der mit seinen ersten zehn ereignisreichen Geburtstagen nicht nur blendend unterhält, sondern der dem Leser gleich zu Beginn etwas abverlangt. Los geht es nämlich nicht plump mit der Eins, nein, sie tritt direkt in Begleitung der Zwei und der Drei auf. Da werden selbst vorlesende Eltern, die sich bei den sonst üblichen ewigen Zahlenwiederholungen in ein Halbkoma geleiert haben, zügigst aufschrecken. Es geht eben nicht nur ums stupide Repetieren der Ziffern, in Prinz Hajos Geschichte ist alles handlungsgetrieben. Zugegeben, man muss sich auf den detailreichen Illustrationen erst einmal zurechtfinden und die vielen, vielen Zahl- und Zählangebote entdecken. Gerade das ist aber zugleich die Qualität dieses Buchs: Es muss nicht nach kurzer Zeit in der Ecke landen. Mindestens für die Grundschulzeit kann Hajo Denk- und Guckstoff bieten.

Edward van de Vendel/ Mattias De Leeuw (Ill.): Prinz Hajo der Glückliche
Gerstenberg 2017;  80 S., 12,95 €

Morgen-Grauen

ab 6 Jahren

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Einen ziemlich zerknautschten Vampir, eine monstermäßig unsympathische Briefträgerin, eine wetterfühlige Hexe: schon erstaunlich, wen man an einem Samstagmorgen in einer Kleinstadt irgendwo in Deutschland so treffen kann! Jara wundert sich über all diese Gestalten wenig, sie ist schließlich zu einem Abenteuer aufgebrochen. Während die Eltern noch schlafen, hat das Mädchen seinen Rucksack geschnappt, ist aus dem Fenster gesprungen und klammert sich nun an einen kleinen Zettel. Darauf steht eine Adresse in Berlin. Dorthin ist Jaras beste Freundin gezogen, und zu ihr ist Jara nun unterwegs. Zu Fuß. Kann ja nicht so schwer sein. Fragt man sich halt durch. Nur können all die gruseligen Typen, denen das Mädchen im Morgengrauen begegnet, wenig helfen. Philipp Löhle gibt Jara eine kindlich selbstbewusste Stimme und erzählt eine für viele Kinder vertraute Geschichte: wie sehr es schmerzt, wenn Freunde wegziehen. Großartig auch die Illustrationen, die damit spielen, was Jara sieht – oder zu sehen glaubt.

Philipp Löhle/Pe Grigo (Ill.): Jaras Reise
Mixtvision 2017; 96 S., 12,90 €

Allerlei Getier

ab 9 Jahren

Wenn man so genau hinschaut, wie die Autoren dieses Bildersachbuchs es getan haben, kann einem Angst und Bange werden. Man erfährt nämlich, dass man sich sein Bett mit Millionen gefräßiger Milben teilt, die es nicht nur auf Hautschuppen abgesehen haben, sondern sich auch gegenseitig verspeisen. Und dass in der eigenen Küche möglicherweise Skorpione hausen. Sehr kleine Skorpione allerdings, so winzig, dass sie für Menschen kaum zu sehen und zudem völlig ungefährlich sind. Weshalb man Angst und Ekel getrost beiseiteschieben kann, um einfach nur zu staunen, wie vielfältig die Welt der Mikroskopisch kleinen Tiere ist. Auf farbenfrohen, ausklappbaren Bildtafeln macht das Buch sichtbar, was sonst verborgen bleibt, nicht nur im Haus, sondern auch in Pfützen und auf Moospolstern, im Waldboden und zwischen Sandkörnern. Die kleinen Wesen und ihre Umgebung sind differenziert und naturgetreu gezeichnet. Das ist nicht nur lehrreich, sondern auch überaus ästhetisch.

Hélène Rajcak/Damien Laverdunt: Die unsichtbaren Welten mikroskopisch kleiner Tiere
Jacoby & Stuart 2017; 36 S., 22,– €