Oben auf dem Hügel – dort, wo Soldaten einst auf Pappfiguren schossen – wuchern jetzt Ginster und Silbergras. In der Ferne springt ein Reh. Auf 70 Quadratkilometern findet man mitten in der Königsbrücker Heide in Ostsachsen eine endlose verlassene Landschaft.

Das, was heute unberührte Natur ist, war noch vor 25 Jahren militärisches Sperrgebiet: Hier, auf dem einstigen Truppenübungsplatz Königsbrück, war bis 1992 die Sowjetarmee stationiert. Kurz nach deren Abzug war von Vegetation nichts mehr zu sehen. Mit ihren Ketten hatten die Panzer der Russen den Boden zerpflückt. Der Zustand der Natur? Vergleichbar mit dem nach der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren – der absolute Nullpunkt. Weil die Sowjets bei ihrem Abzug auch Sprengfallen und Munitionsreste zurückgelassen hatten, kilometerweit übers gesamte Areal verstreut, entschieden die Behörden: Das Gelände wird polizeiliches Sperrgebiet. Zutritt verboten.

Der Forstverwaltung spielte das in die Hände, denn sie hatte ohnehin ein Experiment im Sinn. Die Armeegebäude wurden abgerissen, ansonsten überließ man die Natur komplett sich selbst. Über 25 Jahre durfte sie sich das Gebiet zurückerobern. Inzwischen ist daraus die erste Fläche Deutschlands entstanden, die sich offiziell Wildnis nennen darf.

Vorsichtig lenkt Dirk Synatzschke seinen Geländewagen über einen der wenigen befahrbaren Wege. Synatzschke, graues Haar und grüner Anorak, arbeitet für die Naturschutzverwaltung. Seit 22 Jahren kommt er fast täglich ins Naturschutzgebiet – und ist immer noch begeistert wie am ersten Tag. "Die Heide ist viel mehr als lila Kraut auf grauem Boden", sagt er. Eine einmalige Natur sei erwachsen: Bach-Auen, dichte Kiefernwälder, Sanddünen. Die alten Wegmarkierungen versinken im Sumpf, Biber haben Staudämme gebaut. "Mal schauen, ob wir eine Wolfsspur entdecken", sagt Synatzschke. "Die sind faul und laufen gern auf unseren Wegen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 13 vom 23.3.2017. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Die Sperrung des Geländes, für viele Königsbrücker war sie 1992 eine Enttäuschung: Wozu die Natur schützen, wenn der Mensch sie nicht nutzen darf? Wandern, zelten, Pilze sammeln – all das geht in der Heide nicht. "Da sieht man mal wieder, dass der Mensch die Natur braucht, sie ihn aber nicht", sagt Synatzschke. Unter deutschen Förstern herrscht eigentlich die Meinung: Was die Natur in hundert Jahren schafft, schafft der Förster in zehn. Die Königsbrücker Förster widersetzten sich dieser alten Regel. Obwohl sogar ein Professor anreiste und warnte: Euer Experiment wird nie gelingen! Das Wild wird euch die Laubbäume wegfressen. Und wenn ihr die Biberbestände nicht kontrolliert, wird es eine Plage geben! Heute lässt sich besichtigen, dass das nicht stimmte: Die Hirsche fressen längst nicht jeden Laubbaum an. Und die Biber müssen nicht vom Jäger getötet werden – darum kümmern sich die Wölfe.

Es ist jetzt ein Jahr her, dass eine Delegation der Weltnaturschutzunion IUCN aus der Schweiz in die Lausitz reiste. Die IUCN hat festgelegt, was eine richtige Wildnis ausmacht. Demnach zählen dazu alle "ausgedehnten ursprünglichen oder leicht veränderten Gebiete, die ihren natürlichen Charakter bewahrt haben, in denen keine ständigen oder bedeutenden Siedlungen existieren und deren Schutz und Management dazu dienen, den natürlichen Zustand zu erhalten". Nach einigen Tagen in Königsbrück fällten die Experten ihr Urteil: Die Heide ist Schutzgebiet der Kategorie Ib, das einzige großteils unbeeinflusste Wildnisareal Deutschlands.

Manche, die Glück haben, dürfen das Gelände betreten. Besucher können sich für Touren anmelden. Die Förster führen Kinder an den Umweltschutz heran, indem diese zu "Junior Rangern" ausgebildet werden. Außerdem werden regelmäßig Wissenschaftler und Studenten eingeladen. Es soll genau dokumentiert werden, was hier passiert. Demnächst wird eine Blockhütte gebaut, mit Seminarräumen und Matratzenlager am Rand der Heide.

Richtig Ärger gibt es in der Wildnis selten. Im vorigen Jahr haben die Wölfe 64 Heidschnucken in der Nähe gerissen. Danach schaffte die Verwaltung dem betroffenen Schäfer zwei Schutzhunde an.

Schwierig ist es mit den Menschen, die in der Gegend leben. Mal wollen sie eine Straße durch das Gelände bauen, mal gehen sie heimlich spazieren im Sperrgebiet. Immer wieder verlaufen sie sich, vor ein paar Jahren war ein Mann drei Tage verschollen. "Aber einen Unfall mit den Minen", sagt Synatzschke, "hatten wir zum Glück noch nicht."

Manchmal komme er am Wochenende und genieße die Ruhe. "Hören Sie mal", sagt er. Man hört nichts. Einst schossen hier täglich Soldaten. Heute herrscht Stille.