Wie wäre es, mit dem eigenen Geist in einen Roboter hineinzuschlüpfen? Können Sie sich vorstellen, die Welt durch die Augen einer Maschine zu sehen und diese direkt mit Ihren eigenen Gedanken zu steuern? Wie würde es sich wohl anfühlen, wenn Ihr körperliches Ich-Gefühl allmählich mit dem Roboter verschmilzt?

In einer Pilotstudie demonstrierten die israelischen Forscher Ori Cohen, Doron Friedman und ihre Partner in Frankreich, dass so etwas prinzipiell möglich ist: Versuchspersonen, die sich in einem Scanner in Israel befanden, steuerten einen humanoiden Roboter in Frankreich, und zwar nur, indem sie sich die Körperbewegungen des Roboters vorstellten.

Dem Versuch lag die Technologie der sogenannten funktionalen Echtzeit-Magnetresonanztomografie zugrunde: Diese erlaubt es, einfache Handlungsabsichten einer Versuchsperson auszulesen, indem man Aktivierungsmuster in deren Gehirn mittels einer speziellen Software klassifiziert. Daraus lassen sich Motorbefehle an einen humanoiden Roboter übertragen, der sie in körperliche Handlungen verwandelt, während die Versuchsperson gleichzeitig das gesamte Experiment durch die Augen des Roboters visuell miterleben kann.

Dieses EU-Forschungsprojekt, das ich als Ethiker über fünf Jahre begleitet habe, trug den Namen VERE (für Virtual Embodiment and Robotic Re-Embodiment, also virtuelle Verkörperung und Wiederverkörperung in Robotern). Es hat eine Tür zu bislang ungeahnten ethischen und gesellschaftlichen Problemen aufgestoßen.

Nehmen wir beispielsweise an, Sie identifizieren sich erlebnismäßig vollkommen mit dem Roboter und bewegen sich – als Roboter – frei in einem Raum, in dem sich auch andere Personen befinden. Plötzlich betritt ausgerechnet jener Mensch den Raum, der vor wenigen Monaten all Ihre Pläne und Ihr gesamtes persönliches Leben zerstört hat. Es ist der neue Ehemann Ihrer Ex-Frau. Sie fühlen wieder die Verletztheit, die Kränkung, die innere Leere nach der Trennung. Spontan spüren Sie einen aggressiven Impuls. Fast gleichzeitig steigt eine kurze Gewaltfantasie in Ihnen auf. Noch versuchen Sie sich zu beruhigen. Doch bevor Sie die automatische Bewegungsvorstellung unterdrücken können, die ganz ungewollt in Ihrem Bewusstsein entstanden ist, hat der Roboter den Mann bereits mit einem einzigen gewaltigen Schlag getötet.

Jetzt erlangen Sie die Kontrolle wieder, und Sie treten einige Schritte zurück. Für Sie fühlt es sich an, als hätten Sie zu keinem Augenblick die Chance gehabt, das Verhalten Ihres maschinellen Stellvertreters zu kontrollieren. Wie aber lässt sich entscheiden, ob Sie – objektiv gesehen – vielleicht doch die Fähigkeit besaßen, den aggressiven Impuls gerade noch rechtzeitig zu unterdrücken? Hätten Sie wissen müssen, dass Ihre Verkörperung in einem Roboter möglicherweise unvollständig und riskant ist, weil sie Ihnen vielleicht nicht die gleiche Form von Autonomie und Impulskontrolle zur Verfügung stellt wie Ihr biologischer Körper? Sind Sie in einem ethischen oder strafrechtlichen Sinne verantwortlich für die Folgen der Handlungen des Roboters?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Die mit europäischen Steuergeldern entwickelte VERE-Technologie ist für militärische Anwendungen relevant – was zum Problem werden könnte. Denken wir nur an den völkerrechtswidrigen Drohnenkrieg im Jemen, in Afghanistan, Somalia oder Pakistan. Gelingt es, einen Roboter direkt an das menschliche Selbstmodell im Gehirn zu koppeln, wird man zukünftig auch bewaffnete Flugmaschinen, Kampfroboter und viele andere Militärtechnologien wesentlich feinkörniger und quasi direkt mit dem eigenen Geist steuern können. Soll man solche Entwicklungen einfach hinnehmen?

Wie wir wissen, eliminieren die USA mit deutscher Unterstützung über die Leitstelle im pfälzischen Ramstein Bürger in anderen souveränen Staaten – ohne Anklage, Gerichtsverfahren oder rechtskräftige Urteile. Und das, obwohl tödliche Gewalt außerhalb von Zonen bewaffneter Konflikte nur als Ultima Ratio zur Abwendung unmittelbar bevorstehender Bedrohungen angewandt werden darf. Neue Technologien wie die hier beschriebene können auch zur Ausweitung dieser Art der Kriegführung beitragen.