Landschaften, sollte man glauben, sind etwas, das da ist. Im Westen Deutschlands, der dicht besiedelt ist und wo alles schon so lang seinen festen Platz hat, mag das auch so scheinen. Im Osten aber geriet mit der Wende alles in Bewegung – und hat auch heute, im 28. Jahr danach, noch nicht wieder eine völlig feste Verankerung. Den Begriff "neue Länder" hört man nicht mehr oft. Aber die neuen Landschaften, die gibt es mehr denn je. Hier sind Landschaften auch etwas, das entsteht.

Ganze Regionen hatte die DDR nach ihren ökonomischen Bedürfnissen umgestaltet. Dort, wo einst Uran und Braunkohle abgebaut wurden, wo nach 1989 Industrien zugrunde gingen, sind oft gigantische Brachen entstanden – die jetzt zu Natur werden. Da kann der Mensch selbst Schöpfer sein, da gestaltet er ganze Landstriche neu: zu Seen und Wäldern, Bergen und Feldern. Auf all diesen Flächen ist in den letzten zwei Jahrzehnten Entscheidendes geschehen. Wie macht sich der Mensch als Schöpfer?

Dies ist eine Reise an die Orte menschengemachter Veränderung ganzer Regionen. Eine Reise, die in Thüringen beginnt. In Ronneburg nahe Gera hat die Wismut die Erde aufgewühlt. Der Wismut ging es um Uran, den Rohstoff, den die Sowjetunion für ihre Atomwaffen brauchte. In Ronneburg befanden sich die größten Uran-Vorkommen Europas. Rund 113.000 Tonnen davon sind im Lauf der Jahrzehnte gefördert worden. Abgebaut teils im Tagebau, teils unter Tage; Abraumhalden und Schluchten hatte man sorglos belassen, wie sie waren. In den Neunzigern aber ging man ans Werk, die radioaktiv belasteten Massen unschädlich zu machen, indem man sie so tief wie möglich vergrub und isolierte. Der haushohe Reifen eines Baggers blieb zurück, er ist noch heute zu besichtigen.

"Neue Landschaft Ronneburg" lautet der offizielle Name, weiß auf braun aufs Autobahnschild geschrieben. Schon aus der Ferne sehen wir: Hier ist etwas anders. Nicht weich geschwungen erscheint die Landschaft am Horizont, sondern eckig. Man merkt jedem Hügel an, dass er mit dem Lineal entworfen wurde. Was interessant ist, denn natürlich hätten die Landschaftsarchitekten künstliche Rundungen schaffen können. Doch offenbar sollte sichtbar bleiben, dass der Mensch tätig war: Er war es, der dem Land die Wunden zufügte, er hat sie wieder geheilt.

Macht euch die Erde untertan! So hatte im Buch Genesis, dem ersten der Bibel, der Auftrag an die Menschheit gelautet. Aus dem, was sie nach einer Woche fundamentaler göttlicher Aktivitäten vorfand, durfte und sollte sie das Beste herausholen. Das hat sie auch fleißig überall auf der Welt getan; in Europa gibt es kaum einen Fleck, den sie nicht geprägt hat.

Aber in Ronneburg liegt der Fall doch anders. Hier haben die Menschen sich selbst an die Stelle des Weltenschöpfers gesetzt. Hatten sie eine andere Wahl? Der Zustand, den die Wismut zurückließ, glich dem, wovon Gott ausging: Am Anfang war alles wüst und leer, auf Hebräisch tohu-wa-bohu. Da musste man zurück bis zu den ersten Schöpfungstagen, um zu definieren, wo Himmel und Erde, was Berg und Tal sein sollen, und um die oberen von den unteren Wassern zu scheiden (der Schutz des Grundwassers vor Radioaktivität stand an erster Stelle der Prioritäten). Auch auf die Auswahl von Getier und Gewächs galt es, Sorgfalt zu verwenden. Lediglich die Lichter des Himmels konnte man übernehmen, wie sie waren – obwohl man die jetzt bestimmt auch besser sieht als früher.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 13 vom 23.3.2017. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Auf verschiedene Weise wurde versucht, das einstige Uran-Gelände zu nutzen und zu erschließen. Vor zehn Jahren, als in Gera die Bundesgartenschau stattfand, wurde hier eine Dépendance angelegt, mit Streuwiesen, Kräutergärten und einer 15 Meter langen begehbaren Thüringer Bratwurst. Das füllte den gewaltigen Raum so wenig wie die Festbühne, der Kletterturm oder ein Freiluftpark mit verkleinerten Modellen verschiedener Förderturm-Typen.

Aber der Zweck der Landschaft liegt zuletzt in ihr selbst: dass ein harmloses, für Menschen offenes Gelände entstanden ist, wo früher unter höllenähnlichen Umständen der Stoff für den Krieg gewonnen wurde. Schilder fordern ausdrücklich dazu auf, den Rasen zu betreten. Zu wünschen ist, dass mehr Leute es täten; wir sind an diesem Wochentagsvormittag so gut wie allein. Aber das gehört eben auch zur neuen Landschaft: Sie hat ihren Platz im Kanon der Sehenswürdigkeiten noch nicht gefunden. Und so genießen wir einstweilen den Luxus der Leere. Ungewöhnlich ist, dass man für diese Landschaft Eintritt zahlen muss. Einen Euro, niemand kontrolliert es. Der Ticketautomat steht am Drachenschwanz, einer eleganten leichten Brücke, die den alten Tagebaugrund überspannt, und die, wie man erfährt, nicht nur die größte, sondern dank einer speziellen Spannbandtechnik auch die innovativste Holzbrücke Europas ist. Eintritt für eine Landschaft, vielleicht bedeutet dies auch: Wer hier eintritt, bekräftigt mit seinem Obolus, dass dieses Land nicht gottgegeben, sondern für teures Geld gemacht ist.

Auf der Hangseite, die dem Drachenschwanz gegenüberliegt, ist durch Mittel der Landschaftsgärtnerei ein Schriftzug angebracht, wohl zehnmal so groß wie der in Hollywood: "WISMUT". Der Atomgigant hinterlässt sein Andenken als Fußspur im Gras. Wir hören die ganze Zeit, in der wir herumwandern, die Lerchen tirilieren. In der heutigen industriellen Ackerlandschaft sind sie so gut wie ausgerottet. Hier haben sie ein Refugium gefunden.

Entsteht da nicht das, was Helmut Kohl versprochen hat – blühende Landschaften? Im Grunde ja: Jedenfalls gibt es, wo einst Dreck und Löcher waren – also ein Übermaß oder ein Mangel an Materie –, überhaupt etwas, das man Landschaft nennen kann.