Was ist überhaupt Las Vegas? Vor hundert Jahren war der Ort wenig mehr als ein staubiger Eisenbahnhaltepunkt in der Wüste von Nevada. Man kann sich den ursprünglichen Zustand heute noch mühelos vorstellen, wenn man auf die kahlen Felsen blickt, die am Ende jeder Straßenachse den Horizont begrenzen. Zwischen der Stadt und den Bergen gibt es nichts als Geröll und trockenes Gestrüpp und die Mauselöcher im Boden, in denen freilich keine Mäuse leben, sondern giftige Schlangen. Ein paar Hütten, verstreute Wohnwagen, Tankstellen hat die Wüste unterdessen dazugewonnen. Aber der Ort ist gewaltig angeschwollen und in den Legendenrang von Weltstädten wie Rom, Paris oder Moskau vorgerückt. Wie diese hat er sich von der Realität gelöst und ist zu einer Chiffre geworden, die überall verstanden wird. Für Glücksspiel, Verbrechen, Rausch, Neonglitzer und Zerrüttung muss nur noch der Name genannt werden. Paris hat tausend Jahre gebraucht, um zum Inbegriff der Eleganz zu werden. Um stellvertretend für Laster und Verführung zu stehen, haben Las Vegas fünfzig Jahre gereicht.

Wer die Drogenfantasien in Terry Gilliams berühmtem Film Fear and Loathing in Las Vegas gesehen hat, wird den Albtraum von Exzess und Desorientierung niemals wieder von der Stadt lösen können. Wer die Kasinoräuber in den Folgen von Ocean’s Eleven bis Ocean’s Thirteen erlebte, wird für immer an den wilden Übermut des Beutemachens denken. Und wer sich an den Anfang von Scorseses Casino erinnert, die zuckenden Kaskaden der Neonreklamen zu den rauschenden Klängen der Bachschen Matthäus-Passion, wird den Ort geradezu für ein Tor zur Hölle, zumindest für die Stätte eines irdischen Fegefeuers halten, an der noch im Diesseits alle Sünden grausam gebüßt werden müssen. Der rasende Aufstieg der Stadt ins Reich der Mythen wäre ohne das Kino nicht denkbar gewesen.

Außerhalb des Kinos lässt sich das Sagenreich allerdings nur mit Mühe finden. Jeder muss mit seinem eigenen Gewissen abmachen, wie viel Entzug von Abenteuerbildern er seinem Kopf zumuten will. Wer in das reale Las Vegas eintaucht, auf der kurzen Fahrt vom Flughafen in die fast unmittelbar vor seinen Gates beginnende Kasinowelt, wird mehr als eine gewisse Benommenheit, eine leichte Betäubung der Sinne nicht erleben. In den Hallen der Hotels randalieren die Glücksspielautomaten, zucken ihre Bilder, Lämpchen und Symbole, aus den Lautsprechern dröhnt die Popmusik, durch die Gänge und Straßen wabert ein Geruch nach Vanille, Schokolade und Parfüm. Es sind aber keine Konditoreien, Süßwarengeschäfte oder eleganten Damen, die den Duft verströmen, sondern Aromageräte, die ihn raffiniert erzeugen und in die Wüstenluft blasen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Der erste Eindruck: Las Vegas ist laut, bunt, stark riechend und vollkommen künstlich. Diese Künstlichkeit hat aber nichts von der Kunst des Kinos, sie ist das Gegenteil von Dramatisierung, sie dient der Beruhigung. Man sieht und spürt: Es ist alles Technik, es ist alles kontrolliert. Dem unkontrollierten, vielleicht gefährlichen Schicksal unterliegt nur der Lauf der Kugel beim Roulette, das Ziehen der Karten beim Blackjack, der schwer vorhersehbare Fall der Würfel. Aber selbst die Croupiers und Bankhalterinnen sind hier keine frivolen Verführer, sondern gesetzte, ältere, beamtenhaft verbitterte Fachleute, die konsequenterweise auch nicht besser als Beamte angezogen sind. Smoking und dekolletiertes Abendkleid sind jedenfalls nicht die Berufsbekleidung, höchstens in den Separees für die Hochrisikospieler. Meist erinnert das Outfit an Schaffner oder Museumswärter.

Ein gewisser Mangel an Sex-Appeal scheint aber von den Kasinobetreibern dann doch empfunden worden zu sein. Sie haben die grämlichen Damen an den Spieltischen durch Flachbildschirme ersetzt, auf denen unglaubwürdig großbusige Asiatinnen (vielleicht ist es auch immer dieselbe) die Karten virtuell ausgeben, die von den Spielern ebenfalls virtuell gesetzt werden. Überhaupt die Automaten: Es gibt Blackjack-Automaten, Würfel-Automaten (riesige Würfel hüpfen auf einem mechanisch betriebenen Trampolin), und selbst die Roulettekugel macht ihren Lauf im Kessel neuerdings über einen Bildschirm. Es geht alles seinen geordneten, digitalisierten Gang.

Niemand muss sich aufregen, niemand regt sich auf. Werden neben den Duftstoffen auch Beruhigungsmittel in die Luft geblasen? Oder haben die Filme sich das Adrenalin der Stadt so vollkommen einverleibt, dass von ihr selbst nur noch ein nüchternes Gerippe übrig geblieben ist, mit letzten bunten Fetzen einer archaischen Vorzeit? Vielleicht war aber auch die erhitzte Menschenmenge am Spieltisch nie etwas anderes als eine Kino-Illusion. Das amerikanische Urbild des Kasinos war immer der einarmige Bandit, die slot machine, der Automat, vor dem der Mensch einsam, abgesondert und in sich versunken seinerseits mechanische Bewegungen macht, als sei er ein Anhängsel der Maschine, aus ihrem Inneren über Hebel betrieben. Und dieses Bild liefert Las Vegas tatsächlich, in gespenstischer Übersteigerung. Manche Spieler wirken wie mit dem Sessel verwachsen oder schon nur mehr, wenn das Beige der Hose in das Beige des Sitzes übergeht, wie sonderbare, puppenförmige Aufpolsterungen. Man müsste ganz nahe herantreten oder eine Feder in den Atemstrom halten, um sich davon zu überzeugen, dass hier überhaupt noch organisches Leben pulst.