Ja, man muss Dich mögen. Dies ist stets der erste Gedanke, der mir durch den Kopf geht, wenn ich von Dir in der Zeitung lese. Besonders in dieser Woche mit Deinem Abschiedsspiel in Dortmund. Es gibt nicht viele Profis, die so nahbar sind wie Du. Die so nahbar geblieben sind trotz der großen Karriere, die sie gemacht haben. Von Köln aus bist Du zu Bayern München gewechselt, hast beim FC Arsenal gespielt, warst in Mailand und zuletzt bei Galatasaray Istanbul. Hast Pokale und Meisterschaften gewonnen, Tore geschossen ohne Zahl. Vor allem aber war der Poldi ein Sympath, für ein Selfie musste ihn niemand zweimal bitten.

Deine Anhänger dankten es Dir mit grenzenloser Zuneigung, in Köln wohl auch mit einer grenzenlosen Liebe. In Erinnerung geblieben ist mir eine Szene eines Bundesligaspiels in unserem Stadion.

Du warst zuvor zu den Bayern gewechselt – was viele Kölner kaum begreifen konnten. Einen Transfer zu Werder Bremen hätten wir noch verstehen können, aber Poldi zu den Bayern?

Die Münchner spielten, wie die Münchner eben spielen – und irgendwann schossest auch Du ein Tor gegen uns. Gegen Deinen FC. Unfassbar. Ein Tor gegen Dich selbst sozusagen. Ein ganz besonderes Eigentor. Jeder im Stadion spürte die Tragik. Und reagierte nur nach seinem Herzen: Schlagartig setzten die Jubelgesänge der FC-Fans ein, Ovationen für Poldi, unseren Mann im falschen Trikot. Und Du? Lagst nach dem Torschuss noch einen Moment auf dem Boden und bewegtest Dich nicht. Was war Dir da nur passiert, schienst Du Dich zu fragen.

Langsam bist Du dann aufgestanden, ohne die Arme in die Luft zu strecken. Keine Freude in Deinem Gesicht, nichts. Die anderen Bayern-Spieler waren taktvoll genug, Dich in diesen Sekunden in Ruhe zu lassen. Also bist Du einfach schweigend durch den Kölner Applaus zurück in die Bayern-Hälfte gegangen. Als wäre nichts passiert. Du hast alles richtig gemacht, schließlich bist Du nicht nur ein Kölner, sondern auch ein Sportsmann.

Wenn ich jemandem von diesem Nachmittag in Köln erzähle, dann muss ich aufpassen, dass mir nicht schon wieder die Tränen kommen. Es ist verrückt. Bei diesen Themen sind Kölner offensichtlich sehr gefährdet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Jetzt berichten die Zeitungen, dass Du nach Japan wechselst, zu Vissel Kobe, einem Verein, der in der höchsten Profiliga des Landes spielt. Das klingt noch nicht nach Rentnerdasein. Kennengelernt hab ich Dich, als Du zum FC kamst. Da warst Du 18. Jetzt bist Du schon 32. Musiker, sogar Rock ’n’ Roller, können länger aktiv sein als ein Profifußballer. Ich war 1983 so alt wie Du heute. Ich spielte damals im Müngersdorfer Stadion vor den Rolling Stones und zwei Monate später auf der Loreley, es war die Rockpalast- Zeit. Was lag damals noch alles vor mir!

In dieser Woche ist Chuck Berry gestorben, was hat der nicht alles in sein Leben hineingepackt. Der Meister des "Duckwalk" ist 90 Jahre alt geworden. Was also soll man Dir jetzt wünschen, Poldi? Man könnte die Gelegenheit zum Anlass nehmen und Dich in Köln und anderswo endlich "Lukas" nennen! Erwachsen bist Du ja. Ich habe das auch schon mal versucht, bei einem Gespräch mit Freunden. Da haben mich alle am Tisch gefragt: "Welchen Lukas meinst du"? – "Na, den Poldi!" – "Sag das doch gleich!" Also bin ich bei Poldi geblieben. Sieh es mir bitte nach.

Am liebsten hättest Du Deine Karriere in Köln beendet. Da bin ich mir mit vielen anderen ganz sicher. Aber es spricht für Deine Reife, dass Du das öffentlich nie gesagt hast. Es gibt Zeiten, in denen müssen sogar Kölner vernünftig sein. Beim FC Köln herrscht gerade Ruhe im Karton. Das soll auch möglichst so bleiben.

Seit Jahren machen sich japanische Spieler auf den Weg in die Bundesliga – auch zum 1. FC Köln. Jetzt geht einer den umgekehrten Weg. Lieber Poldi, wenn ich auf lange Reisen gehe, dann werde ich vor Heimweh ganz nervös. Ich vermisse den Rhein, erst viel später den Dom. Aber es tut gut, zu wissen, dass man einen Heimathafen hat, wo man immer herzlich willkommen ist. In diesem Sinne:

Maach et joot!

Dein Wolfgang Niedecken