Ich muss etwas gestehen. Etwas, was man als Journalistin, als eine politische gar, eigentlich nicht so freiheraus gestehen sollte. Unter Freunden abends beim Wein vielleicht, aber nicht in einer Zeitung. Aber ich muss Ihnen gestehen, dass ich Martin Schulz anfangs eigentlich versucht habe zu ignorieren. Also nicht Schulz, den Menschen, und auch nicht Schulz, den Präsidenten des EU-Parlaments, den mochte ich, der war mir in seinem irgendwie unverbrüchlichen Glauben an Europa sogar sehr sympathisch, fast eine postmoderne Don-Quichotte-Figur. Nein, ich meine den neuen Martin Schulz. Den Kanzlerkandidaten der SPD, den Retter der Sozialdemokratie, den Herausforderer, Kontrahenten, vielleicht Bezwinger Angela Merkels. Ich spreche von Schulz, dem Erlöser. Der "Spiegel" hat ihn vor ein paar Wochen mit rotem Heiligenschein auf dem Cover gezeigt. "Sankt Martin" stand darunter. Diesen Schulz habe ich versucht zu ignorieren.

Wahrscheinlich kommt das daher, weil ich Erlöser nicht mag, weil sie mir nicht mehr in diese Welt der flexiblen und brüchigen Identitäten zu passen scheinen. Außerdem müssen Erlöser doch eh immer Männer sein, denke ich sofort. Und sosehr mir das Prinzip Gott schon immer eingeleuchtet hat, so wenig habe ich von jeher das Prinzip Jesus verstanden. Ich fremdele damit. Schon im Konfirmationsunterricht als junges Mädchen ging mir das so, jedes Mal, wenn ich eine alte Kirche betrete, geht mir das so bis heute. Ich verstehe diesen Jesus aus Nazareth einfach nicht. Ich weiß nicht, warum er für mich am Kreuz sterben musste, damit ich Gott erfahren, damit ich ihn oder vielleicht auch sie verstehen kann. Brauchen die Sozialdemokraten also wirklich eine neue Jesus-Figur?

Nun aber muss ich zugeben, dass es mir nicht mehr gelingt, Martin Schulz zu ignorieren. Am vergangenen Sonntag wurde er mit 100 Prozent der Stimmen zum Parteivorsitzenden gewählt. Was für eine Zahl! Nun kann ihn niemand mehr ignorieren. Seit der Bekanntgabe seiner Kandidatur Ende Januar ist seine Partei in den Umfragen nach oben und in greifbare Nähe zu Angela Merkels CDU geschnellt. Die alte Tante SPD ist plötzlich wie aus dem Schlaf erwacht. Dennoch darf die Frage als berechtigt gelten, warum Martin Schulz im Moment gelingt, woran viele andere Männer vor ihm gescheitert sind.

Franz Müntefering, Kurt Beck, Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück, Sigmar Gabriel. Man könnte sogar noch Matthias Platzeck dazurechnen. War nicht sogar einmal Klaus Wowereit im Gespräch? Die Liste von Männern, die nach dem Ende von Gerhard Schröders Kanzlerschaft die SPD retten sollten, der Partei wieder Leben einhauchen sollten, ist lang. Der Erlösungsbedarf ist bei Sozialdemokraten besonders groß. Sozialdemokraten wollen glauben, hoffen, überwältigt werden. Sie sind so sozialdemokratisch wie die Menschen im Süden katholisch: Sie wissen oft auch nicht recht, seit wann und warum. Rituale, Tabus und Traditionen gehören in der SPD zum Selbstverständnis selbstverständlich dazu. Man feiert die Orthodoxie, beruft sich auf eine Geschichte, die in grauer demokratischer Vorzeit begann, und singt am Ende der Parteitags mit Tränen in den Augen "Wann wir schreiten Seit’ an Seit’". Die SPD ist keine normale Partei. Sie ist ein kirchenähnliches Gebilde auf der Suche nach einem, den sie anhimmeln kann. Enttäuschung ist da programmiert. Keine Partei hat so oft ihr Personal gewechselt wie die Sozialdemokraten. Was aber macht den 61-jährigen Würselener nun mit einem Schlag so erlösertauglich? Ist es wirklich mehr als nur der Glaube an ihn?

Aber fangen wir von hinten an. Der Glaube ist wichtig. Für einen Erlöser ist der Glaube – neben der Krise oder dem Sündenfall – wahrscheinlich das Wichtigste. Glaubt niemand an ihn, wirkt er nur wie ein Überzeugungstäter, ein Eiferer. Da kann einer mit viel Sendungsbewusstsein schnell als Getriebener erscheinen. Und Martin Schulz verfügt über Sendungsbewusstsein. Deshalb beweist die Hoffnung, die nun in ihn gesetzt wird, erst einmal vor allem, wie wenig Glauben die Menschen offenbar seinen Vorgängern entgegengebracht haben, wie sehr offenbar auch der Glaube an den intellektuellen Pragmatismus einer Angela Merkel in den langen Jahren ihres Regierens gelitten hat. Die Sehnsucht nach Veränderungen, nach Utopien und Visionen konnte und kann keiner von ihnen mehr wirklich bedienen. Dafür sind sie alle schon viel zu lange im politischen Geschäft, unsere krisenhafte Gegenwart ist auch ihr Werk. In diesem Sinne sind sie beinahe gezwungen, mit ihren Biografien für Kontinuität und nicht für Wandel zu stehen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Bei Martin Schulz ist das anders. Er kommt zwar aus Brüssel, hat dort erst als einfacher Abgeordneter, dann als Fraktionsvorsitzender der deutschen Landesgruppe, später als Fraktionsvorsitzender der sozialistischen Fraktion und schließlich zwei Perioden als Parlamentspräsident mehr als 20 Jahre gearbeitet, aber dennoch erscheint er im Moment noch als einer von außen. Der nun, übertrieben gesagt, direkt vom Würselener Rathaus ins Kanzleramt einziehen will. Schulz inszeniert sich als der Neue, ein alter Bekannte, der lange weg war. Wenn man ihm auf Facebook folgt, kann man zusehen, wie er Deutschland mit seinen Augen neu sieht. Einmal schreibt er: "Das wusste ich schon, aber erst auf meiner Tour durch unser Land ist mir bewusst geworden, was das heißt." Dass alleinerziehende Mütter oft nur schwer über die Runden kommen, dass Menschen trotz eines Jobs staatliche Transferleistungen beziehen müssen, dass die Provinz nicht von den Städten abgehängt werden darf. Nichts daran ist neu, aber natürlich ist es gut, wenn einer von außen das mit neuen Augen sieht. Sodass das alte sozialdemokratische Versprechen "Zeit für mehr Gerechtigkeit" wieder klingt, als habe Schulz das eben erst erfunden.

Womit wir beim Sündenfall angekommen sind. Erlöser brauchen ihn, sie zehren von den Krisen der anderen. Und Krisenstimmung ist hierzulande allerorten, der Aufstieg der AfD und auch von Pegida ist nur so zu erklären. Zwei sich überlappende Entwicklungen kommen dabei zusammen: Deutschland hat sich in den vergangenen 25 Jahren im Zuge von Globalisierung, Neoliberalismus und Digitalisierung sehr stark verändert, obendrein ist das Land im gleichen Zeitraum sehr viel ungleicher geworden. Perfekte Bedingungen für einen Erlöser. Vor allem für einen sozialdemokratischen.

Aber es kommt noch ein weiterer Punkt hinzu: Martin Schulz ist ein Außenseiter ganz nach Zuschnitt seiner Partei, und die SPD hatte von jeher ein Faible für Außenseiter. Schon ihr wohl bekanntester Gründervater Ferdinand Lassalle ist als Jude, Intellektueller, Bohemien und Sohn großbürgerlicher Eltern einer gewesen. Der Parteienforscher Franz Walter schreibt in seinem Buch "Die SPD: Biographie einer Partei": "Das wurde oft genug alttestamentarisch überhöht: Der Sozialismus galt jenen Intellektuellen als Erlösungsbotschaft für die gesamte Menschheit, und sie selbst sahen sich gern als auserwählt, jeder für sich ein Moses, der das Volk ins gelobte Land der klassenlosen Gesellschaft führen würde."

Schulz’ Außenseitertum besteht zwar nicht in seiner großbürgerlichen Herkunft, aber darin, dass er ohne Abitur und Studium eine Aufsteigerbiografie vorweisen kann, die es heute auch dank der Sozialdemokraten immer weniger gibt. Die aber die Partei an ihre Existenz, an ihre Aufgaben, an ihre Hausaufgaben erinnert. Denn auch die sogenannte soziale Mobilität hat in den vergangenen Jahren wieder stark abgenommen; während Kinder von Akademikern zu 70 Prozent später auf die Universität gehen, sind es unter den Arbeiterkindern nur 20 Prozent. Würde es einer wie Schulz heute noch genauso schaffen wie in der alten Bundesrepublik?

Der Bundestagswahlkampf hat nun also wirklich begonnen, er wird bis zum 24. September dauern und verspricht spannend zu werden. Wird es der rechtspopulistischen AfD wie in den vergangenen Wahlen erneut gelingen, viel mehr Wähler für sich zu mobilisieren, als die Umfragen voraussagen? Werden die Menschen einem wie Martin Schulz ihre Hoffnungen anvertrauen oder doch mit Angela Merkels kühlem, aber oftmals bestechendem Intellekt in die nächsten Jahre gehen? Zur Stunde kann noch niemand ernsthaft sagen, ob Erlöserfiguren in diese Zeit passen oder ob sie doch nur momenthaft Heilserwartungen auslösen, weil einfache Antworten auf komplizierte Fragen doch die schönsten sind.