Navid Kermani gilt als ein politischer Denker, den man mit Fußballfragen bislang kaum in Verbindung gebracht hat. Dabei ist Fußball "ein wichtiger Bestandteil meines Lebens", sagt Kermani am Telefon. Und Lukas Podolski? "Ich habe seine Laufbahn von der ersten Einwechslung an verfolgt."

DIE ZEIT: Herr Kermani, spüren Sie eine Seelenverwandtschaft zu Fußballern wie Lukas Podolski?

Navid Kermani: Seelenverwandtschaft wäre das falsche Wort. Ich mag ihn einfach als Fußballer und auch als Typ. Ich habe bei all seinen Spielen für den FC mit ihm gefiebert, da entsteht automatisch eine Verbindung, eine Begeisterung als Fan.

ZEIT: Warum besuchen Sie Spiele des 1. FC Köln? Können Sie Ihre Träume auf den Fußball projizieren?

Kermani: Seit ich mich erinnern kann, also mindestens seit meinem vierten Lebensjahr, bin ich FC-Fan. Außerdem habe ich bis zur A-Jugend im Verein gespielt und mache bis heute kaum etwas lieber, als einem Ball hinterherzurennen. Da werde ich schnell wieder zum Kind.

ZEIT: Das heißt, Sie spielen immer noch?

Kermani: Ja, jeden Sommer beim Thekenturnier und sonntags auf der Wiese. Allerdings sind wir gerade diesen Sonntag vom Rasen verscheucht worden.

ZEIT: Warum das?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Kermani: Es gibt offenbar eine neue Verordnung der Stadt Köln, die Mannschaftssport in öffentlichen Grünanlagen verbietet. Irgend so etwas. Jedenfalls standen am Sonntag zwei Herren vom Ordnungsamt auf dem Rasen und sagten, dass wir hier nicht mehr kicken dürfen. Ein Anwohner habe sich beschwert, deshalb sei der Verweis zwingend, ansonsten rücke die Polizei an. Wir spielen dort seit zehn Jahren, nehmen unsere Kinder mit, das ist vor allem im Sommer ein richtiger Veedelstreff mit Picknick und Spielplatz und allem. Da kann auch jeder mitmachen, das ist inzwischen total bunt. Und nur weil ein Einzelner sich beschwert, können durchschnittlich zwanzig Jungs nicht mehr spielen und ihre Freundinnen oder Familien mitnehmen. Das ist doch echt bekloppt. Wofür sonst lebt man denn in einer Großstadt, als dass man hier mehr Leben, mehr Begegnungen als in der Neubausiedlung hat?

ZEIT: Sie sind ja richtig aufgebracht!

Kermani: Ich kann mich da gar nicht beruhigen. Aufgrund einer einzelnen, anonymem Beschwerde müssen alle anderen zu Hause bleiben – ohne jede Diskussion, ohne Gespräch.

ZEIT: Berühmte Spieler wie Lukas Podolski empfangen Beifall von bis zu 80 000 Fans im Stadion. Können Sie sich vorstellen, was dieser Erwartungsdruck mit diesen jungen Menschen macht?

Kermani: Nein, das kann ich nur schwer nachempfinden. Wenn es gut läuft, muss es gigantisch sein, ein wirklicher Rausch. Ich habe allerdings auch schon miterlebt, wie Spieler von den eigenen Zuschauern niedergemacht worden sind, auch in Köln. Das tat schon beim Zuschauen und Zuhören fast physisch weh. Wie ein junger Mensch das übersteht – puh.

ZEIT: Die Spieler ziehen, noch bevor sie im Leben angekommen sind, wie Nomaden von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. So wechselt Lukas Podolski nun nach Japan. Kennen Sie Heimweh, diese Sehnsucht nach Heimat, die junge Fußballer ausblenden müssen, um ihre sportliche Höchstleistung abrufen zu können?

Kermani: Heimweh nach Orten kenne ich nicht, nur nach Menschen.

ZEIT: Was unterscheidet den Mensch Lukas Podolski für Sie von anderen Spielern?

Kermani: Seine Leidenschaft für den FC und seine Verbundenheit mit Köln sind extrem. Das kenne ich von keinem anderen Profi – wie sehr und irgendwie auch naiv er immer Fan und Lokalpatriot geblieben ist und sich vor Ort engagiert, auch sozial. Seine ganze Art zu spielen, zu sprechen, das hat so etwas Direktes und Lausbubenhaftes und macht ihn schlicht unverwechselbar. Das kann man nicht lernen, weder fürs Spielfeld noch fürs Leben. So ist man oder ist man nicht.