Wie gut, dass es die Linken gibt. Angeblich waren sie ja seit Langem mausetot, doch nun, glaubt man den Konservativen, sind sie wieder da und gleich wieder an allem schuld, sogar an Donald Trump. Der libertäre Geist, so ließ sich der amerikanische Politikwissenschaftler Mark Lilla im österreichischen Standard vernehmen, habe an den alten Autoritäten herumgesägt und ein Vakuum geschaffen, das dann von Trump gefüllt worden sei. Noch verständlicher drückte sich in der NZZ der Philosoph und Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb aus, Autor des Bestsellers Der schwarze Schwan. Intellektuelle, und er meint selbstverständlich nur die linksdrehenden, hätten keine Ahnung vom Volk; sie läsen den New Yorker, tränken Rotwein zum Steak ("keinen Weißen!"), würden Joseph de Maistre nicht kennen und hätten sich noch nie im Kreis von Russen besoffen. Trotzdem schrieben sie dem hart arbeitenden Bürger vor, wo es langgehe im Leben. "Wer will es den Menschen verdenken, dass sie sich auf die eigenen Urinstinkte besinnen und lieber auf ihre Großmutter hören?" Oder Trump zum Präsidenten wählen.

Das war lustig und rasch vergessen. Doch nun hat der amerikanische Kulturwissenschaftler Fred Turner noch einmal nachgelegt, und auch er gibt den Protestbewegungen der sechziger Jahre nebst ihren intellektuellen Wortführern eine Mitschuld am Sieg von Donald Trump. Der Ideenhistoriker von der Universität Stanford muss es wissen. Turner ist der Chronist der kalifornischen Gegenkultur und hat kein Interesse, den Republikanern durch landesübliches Linken-Bashing ein reines Gewissen zu verschaffen. "Wir kommen", sagte er der SZ, "um eins nicht herum: Die befreienden Kräfte, die wir hier entfesselt haben, um eine Art kommunenhafte, utopische Post-Sechziger-Jahre-Welt zu erschaffen, haben uns in Wirklichkeit eine Überwachungs-Ökonomie und einen autoritären Führer beschert. Das ist fast zu schmerzhaft, um es zuzugeben."

Ist die Emanzipation also doch schuld? Hält es der späte Turner mit dem späten Platon, wonach zu viel Freiheit immer in der Unfreiheit endet, im Verlangen nach der Zucht des Herrn? Die Sache ist komplizierter. Turner erneuert eine Kritik, die er vor Jahren in seinem Buch From Counterculture to Cyberculture entfaltet hat – und die erst jetzt, in den Schockwellen der Trump-Wahl, so richtig an Evidenz gewinnt. In seiner Studie beschreibt Turner, wie im Kalifornien der sechziger Jahre eine verrückte Mischung aus Anarchisten, New-Age-Schwärmern und Friedensbewegten in den Armen von Computerfans landete und mit ihnen glücklich wurde. Die rebellische Gegenkultur verschmolz mit der jungen Cyberkultur, sie vergaß Kapitalismus und Klassenverhältnisse – und heraus kamen Google, Apple und alle anderen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Auch wenn sie bekannt ist, so lohnt es sich, die Geschichte noch einmal zu erzählen. Die "Communalists", wie Turner die Hippies nennt, kamen aus den Spießerhöllen der amerikanischen Vorstädte, sie träumten von Selbstverwirklichung, von freier Liebe und freiem Kiffen in einer egalitären Gemeinschaft. Hab und Gut sollten geteilt, Körper und Geist ganzheitlich versöhnt und nebenbei die Welt vor ihrem drohenden Untergang gerettet werden. Nur mit dem Staat hatte man nichts zu schaffen, denn der Staat beging Verrat an den heiligen amerikanischen Idealen. Der Staat führte Krieg. Er bombardierte Vietnam mit Napalm, brachte Lateinamerikas Generalen das Foltern bei und mästete die Diktaturen der freien westlichen Welt.

Die Spinne im Netz der Bewegung war der Umweltaktivist Stewart Brand, ein technikbegeisterter junger Mann, der 1968 mit seinem Whole Earth Catalog berühmt wurde. Der Atlas war ein Kompendium der Gegenkultur – ein Manual der linken Lebenshilfe mit Ratschlägen für biologischen Ackerbau, keimfreie Hausgeburten, Desktop-Publishing und zarten Handreichungen für den kommenden Aufstand. Der New Yorker bezeichnete den Atlas treffend als gedrucktes Internet, und Apple-Gründer Steve Jobs rühmte ihn als seine wichtigste Inspirationsquelle und analogen Vorläufer von Google.

Den Plot kann man sich denken. Stewart Brand, der den Ausdruck "Personal Computer" erfand, brachte die Blumenkinder mit der Computerszene zusammen, und bald infiltrierte der frei schwebende Geist der Protestbewegung das Silicon Valley. "Wir schulden alles den Hippies", erinnert sich Brand, und tatsächlich harmonierte das Ganzheitsdenken der new children perfekt mit dem kybernetischen Traum vom weltweiten Netz. Die Abschaffung des Kapitalismus war nun nicht mehr so dringend, im Gegenteil: Der Markt war die natürliche Wildnis, in der sich die Computerpioniere bewähren mussten. Dass der New Frontier aus dem Silicon Valley im Grenzland zwischen analoger Vergangenheit und digitaler Zukunft operierte, gefiel auch marktradikalen Politikern, zum Beispiel dem Republikaner Newt Gingrich. Er ist heute immer noch aktiv, zuletzt beriet er Donald Trump.

Schmerzfrei war das neue Bündnis aus Hippies und Techno-Yuppies allerdings nicht. Wie die Kulturwissenschaftler Anselm Franke und Diedrich Diederichsen in einer ungemein lehrreichen Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt gezeigt haben, spaltete sich die Protestbewegung, und der gegenkulturelle Komplex zerbrach (ZEIT Nr. 6/15). Die Neue Linke, die auf Demokratisierung und Umverteilung setzte, glaubte nicht an die Versöhnung von Kapitalismus und Technologie. Dagegen war die "Lockerungsrevolte" (Diederichsen) der Flower-Power viel zeitgemäßer, sie passte zum Umbau der Fließbandgesellschaft in eine postindustrielle Gesellschaft, in der Kreativität als ökonomische Ressource genutzt wird. Bald änderte sich auch der Soundtrack der Revolte. Hatte die unüberhörbar linke Band Jefferson Airplane noch gesungen: "Wir sind die Kräfte von Chaos und Anarchie", so hieß es nun: "Mach die Welt zu einem besseren Ort."