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Es rumpelt heftig im Hause Luther. Gute Stube und Vorgarten sind doch eben erst so hübsch für das Reformationsjubiläum aufgeputzt worden, und da dringt ausgerechnet jetzt aus den theologischen Hinterzimmern zänkisches Geschrei. Den Streit vom Zaun brach Thies Gundlach, Vizepräsident im Kirchenamt der EKD. Der Cheftheologe im Rat der Protestanten hatte in der jüngsten Ausgabe des evangelischen Denkjournals "Zeitzeichen" einige seiner prominenten Kollegen angerempelt, sie verbreiteten im Lutherjubiläum eine "grummelige Meckerstimmung gegenüber allen Aktivitäten der EKD". Zudem pflegten sie "eine Art besserwisserische Ignoranz gegenüber den Anliegen von Bund, Ländern und Zivilgesellschaft". Diese Kirchenwissenschaftler hätten sich aus der konstruktiven Diskussion um das Jubiläum abgemeldet. Und Gundlach setzte noch eins drauf: Viele relevante Theologen hätten keine "weiterführende Idee und keine konstruktive Interpretation der Reformation".

Was dem Streit noch eine unmissverständlichere Note verlieh und ihn somit verschärfte: Gundlach scheute sich nicht, in echter Nachfolge Luthers, Ross und Reiter zu benennen. Die renommierten Kollegen Friedrich Wilhelm Graf, Ulrich Körtner, Thomas Kaufmann, Hartmut Lehmann und die Theologin Dorothea Wendebourg, allesamt auch Autoren des "Zeitzeichens", hatten ja schließlich im Vorfeld der Jubiläumsvorbereitungen nicht an massiver Kritik gegenüber der EKD und ihrem Jubiläumshype gespart. Thomas Kaufmann, so bekennt er in der Zeitschrift "Idea", hielt bereits das 2014 veröffentlichte Grundsatzpapier "Rechtfertigung und Freiheit", erarbeitet von einer Kommission des Rates der EKD unter der Leitung des Kirchenhistorikers Christoph Markschies, für einen "schlampigen Schnellschuss". Die Schrift habe "außer Allerweltsweisheiten nichts durch Forschung Substantialisiertes zur Reformation zu bieten".

Ob im Lutherjubiläum nun gesellschaftlich zu dick aufgetragen wird, was theologisch zu dünn angerührt wurde, wie die von Gundlach kritisierten Kritiker der Luther-Party glauben, oder ob der Cheftheologe der EKD mehr Ratsräson fordert, dieser scheinbar aktuelle Streit entzündet sich zwar an der Gegenwart, die Zündflächen aber liegen weiter zurück. Der Konflikt beschreibt ein schon länger währendes Krisenverhältnis zwischen protestantischen Kirchenfunktionären und den Wissenschaftlern, ein Verhältnis, das auf Nebeneinanderherleben bei gegenseitigem Desinteresse beruht. Je geruhsamer die Tage, desto pragmatischer dieses Verhältnis.

Sobald aber außerhalb des Kirchenjahres ein großes Jubiläum droht, das den sonst so stocknüchternen Protestanten mit einem Mal Pathos abverlangt, gerät diese Konstruktion aus dem Tritt. Posaunenchöre zu Pfingsten sind etwas anderes als Posaunenchöre bei einem staatstragenden Lutherjubiläum. Hier sollen dann plötzlich wieder alle einmütig Farbe für ihre Konfession bekennen. Das ist dann der viel zu große Moment, in dem Thies Gundlach von den theologischen Wissenschaftlern "eine Zuarbeit für große Glaubensentfaltung" fordert, die "Gottesbewusstsein und Weltrationalität im 21. Jahrhundert" zusammenbinden soll.

Aber ist es tatsächlich die Aufgabe der Theologie, die sich als eine kritische Wissenschaft versteht, eine konstruktive Interpretation des Glaubens zu liefern? Gehört die Einladung zum Glauben zur Stellenbeschreibung eines Kirchenhistorikers? Verstellt nicht vielmehr der missionarische Blick jeden objektiven Forschungsansatz, sofern es sich in der Wissenschaft überhaupt von Objektivität sprechen lässt?

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Eines steht fest: Wer Theologie studiert, kommt genauso wenig wie Philosophen, Anthropologen, Ethno- oder Soziologen daran vorbei, die eigene Disziplin und ihre Forschungsansätze kritisch in den Blick zu nehmen. Auf die protestantische Kirchengeschichte bezogen hieße das im Hier und Jetzt, immer auch Ideologiekritik zu betreiben. Dabei kommt heraus: Natürlich war die protestantische Reformation von Anfang an auch eine ideologische Bewegung. Sonst hätte sie niemals so tief in die Gesellschaft hineinwirken können.

Geistesgegenwärtig erkannten die Protestanten schon früh, dass sie mit der Gutenbergischen Lutherbibel in deutscher Sprache eine doppelläufige Waffe in der Hand hielten, die in der Streuung und Zielsicherheit gut austariert war. Ihre Durchschlagskraft verstärkte sich noch, als Luther den Protestantismus den Fürsten andiente. Damit war auch die Rolle der protestantischen Theologie festgeschrieben. Sie sollte dem Protestantismus so beflissen dienen wie der Protestant seinem Landesherrn, Einspruch war lediglich gestattet, wenn das christliche Gewissen des Einzelnen Unzumutbarkeiten ausgesetzt war. Grundsätzlich galt, dass die Theologie Staatstragendes mitträgt und es an Treue nicht fehlen lässt.

Bis heute ist es deshalb noch gar nicht ausgemacht, ob, zumindest hinter den Kulissen, bei den Protestanten freier disputiert und gestritten wird als bei den Katholiken im Vatikan. Es ist eine alte Gesetzlichkeit, die im Proselytentum immer maßgeblich ist: In der Abspaltung kommt es besonders auf Einigung und Einmütigkeit an.

So ist Thies Gundlachs Vorwurf der mangelnden Mitarbeit der Wissenschaftler am Jubiläum im Grunde vor allem eine Forderung nach Loyalität zur eigenen Kirche. Festspieleverderber heißt der Vorwurf. Doch wer diesen Vorwurf macht, sollte sich noch mal vor Augen führen, in welch grauenvollem Maße Luther und dessen Lebens- und Sterbedaten von den Herrschenden ideologisch vereinnahmt wurden. Die Preußen erhoben ihn 1817 zum Helden der Befreiung nach dem gleichnamigen Krieg, 100 Jahre später wurde er zur Galionsfigur des Schlachtens im Ersten Weltkrieg, von der Instrumentalisierung Luthers durch die Nazis und die DDR ganz zu schweigen. Auch wer glaubt, die Lutherjubiläen der Bundesrepublik wären bar jeder Ideologie, der sollte antizipieren, wie das Jubiläum von 2017 wohl im Jahre 2050 von den Forschern gesehen werden könnte.

Mit der Selbstkritik der Bekennenden Kirche an der Rolle der Protestanten im Nationalsozialismus, wo sie sich in weiten Teilen zu Kollaborateuren des Verbrechens machten, hat sich auch die Theologie vom politischen Protestantismus emanzipiert. Dass sie, wie Thies Gundlach in seinem Angriff anmerkt, keine Meilensteine theologischer Konstruktion, keine Reformierung der traditionellen Theorie zuwege bringt, wie sie noch von Friedrich Schleiermacher im 19. Jahrhundert und von Karl Barth im 20. Jahrhundert geleistet wurde, ist keine Bankrotterklärung eines Lehrfachs, sondern womöglich Folge einer inhaltlichen Ausfächerung. Barth und Schleiermacher verstanden sich als Keilriemen des protestantischen Motors. Die jubiläumsskeptischen, EKD-kritischen Theologen verstehen sich hier wohl eher als Widerlager im Wagenrad. Das Kugellager läuft mit, indem es dagegenläuft. So könnte man die Dynamik, die aus diesem Streit um das Wohlverhalten im jubiläumsgeschmückten Hause Luther entsteht, durchaus produktiver statt nur lärmend gestalten. Denn hinter dem Streit verbergen sich ernste Fragen: Gibt es eine Krise der Theologie, und ist sie für die Glaubenskrise und die Abkehr der Gläubigen von der protestantischen Kirche in die Verantwortung zu nehmen? Oder ist es eine Krise der EKD, die mit dieser Luther-Party nur sich als Lobbyverband stärken möchte und dafür die Theologischen Universitäten einspannen will? Wer wehrt sich hier zu Recht? Luther selbst hätte diesen Streit vielleicht mit einer gewissen Gelassenheit ertragen. Schrieb er doch: "Man muss die Hunde bellen lassen; wer’s ihnen aber wehren will, der muss manchmal eine ganze Nacht ungeschlafen liegen."