Zaunpfähle haben meist die Eigenschaft, gut sichtbar zu sein. Muss man dennoch mit ihnen winken, hat jemand das Offensichtliche nicht verstanden. Als Ermahnung sollte man deshalb den Anfang März erstmals verliehenen Goldenen Zaunpfahl verstehen – der auf Geschlechterklischees im Marketing hinweisen will. Erhalten hat ihn der Verlag Pons/Klett für seine Geschichten für Mädchen zum Lesenlernen, die selbstredend in Rosa gehalten sind und ungebrochen von Prinzessinnen erzählen.

Wie es anders – und besser, weil differenzierter – geht, zeigen zwei neue Sachbücher für Jugendliche. Die Autorinnen Kerstin Lücker und Ute Daenschel haben mit ihrer Weltgeschichte für junge Leserinnen ein Mammutwerk vorgelegt, das keinen geringeren Anspruch hat, als die Zeitläufte umzuschreiben. "Es hat mehr bedeutende Frauen gegeben, als man denkt, nur fehlt es oft an Informationen über sie", erklären die Autorinnen zu Beginn. Auf den mehr als 500 Seiten suchen sie nach diesen Frauen und werden fündig: 200 Jahre vor Christus in China, wo die Kaiserin Lü Zhi mit Geschick und Grausamkeit die Macht für ihren Sohn sichern will. 1000 Jahre nach Christus stoßen sie auf Sitt al-Mulk, die nach dem Verschwinden ihres Bruders die Herrschaft über das schiitische Kalifat in Kairo übernimmt, und auf die jemenitischen Königinnen Asma und Arwa, deren Regentschaft – bislang unerhört – jeden Freitag offiziell im Gebet ausgerufen wird. Im Jahr 1610 lassen Lücker und Daenschel die Marquise de Rambouillet in Paris einen Salon und im Jahr 1961 die Organisation Women Strike for Peace in den USA die Friedensbewegung eröffnen.

Die Autorinnen erzählen nicht nur von bedeutenden Frauen zu allen Zeiten und allerorten, sie haben zudem den Anspruch, eine Weltgeschichte zu schreiben, in der selbstverständlich auch Männer als Akteure vorkommen. Um das zu leisten, müssen Großereignisse, Epochen und Gestalten so knapp verhandelt werden, dass weniger Zusammenhänge als Anekdoten hängen bleiben. Als Nachschlagewerk funktioniert das Buch daher nicht, und auch wer nach Uneindeutigem sucht, wird hier eher nicht fündig. Trotzdem eröffnet es eine wichtige Perspektive – weil es entlarvt, was rund um die Welt zu allen Zeiten gern vergessen wurde: dass immer und überall auch Mädchen und Frauen gelebt und gehandelt haben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Mit ähnlichem Anspruch und ganz anderem Herangehen leuchtet ausgerechnet grellrosa ein zweiter Titel des Frühjahrs, der Ene, mene, Missy! Die Superkräfte des Feminismus erläutern will. Es ist ein Ratgeber für Mädchen, die über ihre Rolle nachdenken und sich dabei nicht in den Irrungen und Wirrungen des Feminismus verheddern wollen. Kurz und bündig erklärt die Journalistin Sonja Eismann die Unterschiede zwischen Cyberfeminismus, Anarchafeminismus und Queerfeminismus, fragt, ob Feministinnen sich die Beine rasieren dürfen (klar dürfen sie, und trotzdem gibt es feministische Kritik daran), stellt feministische Manifeste von 1405 bis 1985 vor und liefert Zahlen, mit denen jedes Mädchen (und jeder Junge!) erklären kann, warum Feminismus wichtig ist. Das ist kurzweilig und informativ, auch wenn zu Beginn schon mal ein Wort wie "Intersektionalität" fällt, das erst weiter hinten erklärt wird.

Die Welt ist nun mal kompliziert, und das auch für Mädchen, die ihren Platz darin suchen. Das zeigen beide Titel, und sie zeigen in aller Deutlichkeit, warum es kein Problem ist, wenn Mädchen selbst entscheiden, dass sie ein rosafarbenes Buch lesen möchten, sehr wohl aber eines, wenn sie keine Wahl haben, ob sie in dieser Welt lieber Prinzessin oder Piratin sein wollen.

Kerstin Lücker/Ute Daenschel: Weltgeschichte für junge Leserinnen. Kein & Aber 2017; 528 S., 25,– €; ab 12 Jahren

Sonja Eismann: Ene, mene, Missy! Die Superkräfte des Feminismus. Fischer TB 2017; 256 S., 12,99 €; ab 14 Jahren

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