DIE ZEIT: Herr Abubakar, ich erreiche Sie in Somalias Hauptstadt Mogadischu, einem der gefährlichsten Orte der Welt. Wie erleben Sie das Land?

Abdinasir Abubakar: Ich bin seit mehr als einer Woche hier, um die erste Schluckimpfungskampagne gegen die Cholera zu koordinieren, die es hier je gegeben hat. Die Lage ist ernst: Das Trinkwasser geht aus, das Essen wird knapp, Mangelernährung greift um sich. Cholera breitet sich aus, schon seit dem letzten Jahr, und allein in den vergangenen zehn Wochen haben sich 15.000 Menschen angesteckt – so viele wie in ganz 2016.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Abubakar: Die ganze Region erlebt eine starke Dürre, und viele Betroffene sind unterernährt. Die Körper dieser Menschen verlieren ihre Widerstandsfähigkeit und ihre Immunität. Unter solchen Bedingungen breiten sich Infektionskrankheiten wie Cholera schneller aus.

ZEIT: Wie kann man darauf reagieren?

Abubakar: Das Wichtigste sind Wasser und Sanitäranlagen. Die Weltgesundheitsorganisation hat diese Impfkampagne für 450.000 Somalier vorgeschlagen, um andere Maßnahmen zu unterstützen, die NGOs und die Regierung durchführen.

ZEIT: Wann begannen die Vorbereitungen?

Abubakar: Schon im Juni 2016. Wir haben zuerst das Risiko bewertet, um die besonders gefährdeten Regionen zu identifizieren. Dazu haben wir alle verfügbaren Daten aus den vergangenen fünf Jahren analysiert und uns angeschaut, wie es um die Kapazitäten der Gesundheitsbehörden vor Ort und die Trinkwasserversorgung steht. So konnten wir sieben Hochrisikoregionen identifizieren. Der Start unserer Kampagne fällt nun zufällig mit dem bisherigen Höhepunkt des Ausbruchs zusammen.

ZEIT: Bevorzugen Sie bestimmte Gruppen?

Abubakar: Haben wir einen Distrikt ausgewählt, wird jeder Bewohner geimpft, egal ob Bauer oder Beamter. Im Moment läuft die erste Runde, im April bekommen alle ihre zweite Dosis.

ZEIT: Wie sieht eine typische Impfstation aus?

Abubakar: Wir haben vor drei Wochen mit dem Aufbau begonnen, was nicht einfach ist – Somalia bietet einen eher schwierigen Rahmen für solche Arbeit, und wir haben auch lange darüber diskutiert, ob eine Kampagne hier überhaupt möglich ist. Es scheint zu klappen. Wir beginnen drei bis vier Tage vorher mit einer intensiven sozialen Mobilisierung. Wir erklären den Gemeinden, den religiösen und weltlichen Führern die Lage. Wir haben feste Stationen, entweder ein Zelt oder einen Raum. Mobile Teams gehen von Haus zu Haus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

ZEIT: Wie viele Menschen arbeiten in dieser Kampagne?

Abubakar: Wir haben fast 350 Impfteams, welche die sieben Hochrisikoregionen abdecken. Manche machen Cholera-Aufklärung, manche verteilen die Vakzine, andere überwachen die Abläufe oder managen die Aktion. Insgesamt helfen uns fast 5.000 Menschen.

ZEIT: Es klingt kaum vorstellbar, dass sich so eine komplexe Kampagne in einem gescheiterten Staat wie Somalia durchführen lässt ...

Abubakar: Es ist riskant. Wir hatten Glück, dass keine der Hochrisikozonen von der Terrormiliz Al-Shabaab kontrolliert wird. Die somalische Regierung sorgt für die Sicherheit. Darauf sind wir angewiesen, genau wie auf die örtlichen Gesundheitsarbeiter, die ihre Nachbarschaft kennen und damit das eventuelle Risiko abschätzen können. Parallel arbeiten wir an einer Polio-Kampagne, die sogar bis in Al-Shabaab-Gebiet hineinreicht.

ZEIT: Wie geht das?

Abubakar: Wir haben Vertrauensverhältnisse in die Gemeinschaften hinein aufgebaut, und die Menschen reden dann mit den örtlichen Herrschern und sagen: Das ist es, was meine Kinder brauchen.

ZEIT: Läuft also alles nach Ihrer Vorstellung?

Abubakar: Momentan ja, aber in Somalia können sich Dinge sehr schnell ändern. Immerzu werden irgendwelche Sicherheitsoperationen in der Stadt durchgeführt. Plötzlich sind alle Straßen blockiert, und die Menschen können bestimmte Bereiche nicht mehr erreichen. Manchmal gibt es Stromausfälle, was problematisch ist, wenn gerade der Unterricht läuft. Vor ein paar Tagen gab es mehrere Explosionen in Mogadischu. Dann bewegt sich nichts und niemand mehr.

ZEIT: Humanitäre Organisationen haben vor einer Hungersnot gewarnt. Sehen Sie das ähnlich?

Abubakar: Das drängendste Problem ist die Wasserknappheit. Die Städte sind voller Binnenflüchtlinge, die nichts mehr zu trinken haben. Häufig sind es Nomaden, die ihr Zuhause und ihre Herden aufgegeben haben. Sie haben alles verloren. Ich habe selbst gesehen, wie Menschen verhungern und verdursten.

ZEIT: Sehen Sie Parallelen zu der schlimmen Hungersnot des Jahres 2011?

Abubakar: Ohne sofortiges Eingreifen gehen wir in diese Richtung.

ZEIT: Und mit sofortigem Eingreifen?

Abubakar: Ich bin kein Experte für Hungersnöte. Bezogen auf die Cholera gäbe es bestenfalls weniger als 15.000 neue Fälle binnen der nächsten zwei bis drei Monate. Dann geht hoffentlich auch die Sterberate herunter, die mehr als doppelt so hoch ist wie normal. Wir rechnen hier noch mit mindestens 1.000 Toten durch Cholera.