In ihrem Kinderbuch verbinden sich Text und Bild fast symbiotisch, und doch könnten die beiden unterschiedlicher kaum sein: Autor Håkon Øvreås schüttelt zur Begrüßung scheu die Hand und schaut, als würde er am liebsten schnell wieder das Weite suchen. Man kann sich den 42-Jährigen bestens allein in einer Holzhütte tief in den norwegischen Wäldern vorstellen. Interviews? Nicht sein Fall. Den Raum, den dieser zurückhaltende Typ lässt, füllt Illustrator Øyvind Torseter spielend. Schwungvoll betritt der 44-Jährige das Café in Oslo, in dem wir uns verabredet haben. Er hat etwas jungenhaft Verschmitztes, ein bisschen wie ein erwachsener Michel aus Lönneberga.

Diese beiden haben also gemeinsam das preisgekrönte Kinderbuch Super-Bruno erschaffen? Man staunt. Und man staunt noch mehr, als Håkon und Øyvind – wir sind in Skandinavien, man nennt sich beim Vornamen – erzählen, dass sie weniger zusammen- als viel mehr nacheinander gearbeitet haben. Außer zu Lesungen, Interviews oder Besprechungen im Verlag haben sie sich nie getroffen. Idee und Text stammen von Håkon, die Illustrationen, die fast die Hälfte des Buches einnehmen, von Øyvind.

Das Buch beginnt mit dem Tag, an dem Brunos Großvater stirbt. Während die Erwachsenen mit ihrer Trauer beschäftigt sind, muss Bruno sich gegen ältere Jungs wehren. Tagsüber nimmt er vor den Rowdys Reißaus, nachts aber schlägt er zurück. Dann verwandelt sich der schmächtige Junge in einen sehr speziellen Superhelden: Aus Bruno wird Brauno, der Rächer mit dem Farbeimer. Und schon bald folgen ihm seine Freunde Matze und Laura, die als Schwarzke und Blaura mit ihm die Pinsel der Vergeltung schwingen.

Es ist eine kleine und zugleich ganz große Geschichte. So wie der Autor im Gespräch jedes Wort genau bedenkt, so knapp ist die Erzählung. Vier Jahre hat Håkon an dem schmalen Bändchen gearbeitet. Vier Jahre Ringen um jeden Satz. Die Idee zu Super-Bruno ist sogar noch älter. Schon während des Studiums hatte er eine kleine Skizze verfasst und sie in irgendeiner Schublade abgelegt. Dort fand sie eines Tages seine Freundin und sagte: "Diese Geschichte musst du fertig schreiben, nicht deinen ganzen anderen Mist." Håkon lacht. "Naja, ›Mist‹ hat sie nicht gesagt."

Super-Bruno ist Håkons Kinderbuch-Debüt, zuvor veröffentlichte er drei Gedichtbände für Erwachsene. Vom Schreiben leben kann er nicht. Täglich fährt er mit dem Zug eine knappe Stunde nach Oslo, wo er in einem Verlag Erwachsenenliteratur lektoriert. An den eigenen Texten arbeitet er morgens, nachdem er die Kinder aus dem Bett gejagt und in den Tag geschickt hat – und bevor er selber zur Arbeit muss.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Øyvind hingegen ist Kinderbuch-Profi. Seit 1999 arbeitet er als Illustrator, bebildert Geschichten anderer, macht aber auch allein Bücher. Die Idee, ihn den Super-Bruno illustrieren zu lassen, kam vom Verlag, und Håkon sagte dazu, was er vermutlich häufig sagt: "Okay." Es war keinesfalls sicher, dass Øyvind zusagen würde. Zu gut ist er im Geschäft. Gerade malt er ein großes Wandbild in einer Schule – eine typisch norwegische Art der staatlichen Kunstförderung.

Øyvind ist nicht der Typ, der seine Ideen brutal durchboxen würde, und natürlich hatten Autor und Verlag ein Mitspracherecht. Dennoch hat Øyvind Grenzen getestet – was er bei seiner Arbeit oft und gerne tut. Darf ich etwas zeichnen, was gar nicht in der Geschichte auftaucht? Komme ich damit durch, wenn ich einen Teil des Textes in mein Bild einfüge? Nicht nur wie Bruno und die anderen aussehen, auch welche Szenen und Details bebildert sind und wie Text und Bilder zusammenstehen – federführend bei alldem war der Illustrator.

Fühlt man sich als Autor nicht ein wenig, als habe da jemand das eigene Buch gestohlen? "Schon", sagt Håkon, "man muss die Kontrolle abgeben." Ist das leichtgefallen? "Überhaupt nicht." Hat es mal Streit gegeben? "Nein. Aber selbst wenn, ich bin derjenige, der wegrennt, wenn es Ärger gibt."

Øyvind lacht, Håkon lacht mit. Es stecke viel von ihm in seinem Bruno, sagt der Autor. Und je länger man sich mit diesem zurückhaltenden Mann unterhält, desto mehr Ähnlichkeiten zu seinem Romanhelden kann man erahnen.

Der gezeichnete Bruno ist natürlich weder bärtig, noch trägt er Brille. Im Vorsatzpapier des Buches finden sich viele kleine Skizzen, Bewegungsstudien des unscheinbaren Helden. Lange herumprobieren musste Øyvind aber gar nicht: "Bruno war sofort da." In drei Skizzenbüchern, die der Illustrator später auf dem großen Tisch in seinem Atelier ausbreitet, sind Hunderte Bilder versammelt. Øyvinds Arbeiten sind nicht skizzenhaft, es sind tatsächlich Skizzen.