Wir versuchen seit zehn Jahren, ein Kind zu bekommen", sagt Marie. Sie und ihr Mann Dirk haben heute einen Termin in der Kinderwunschklinik Kiel. "Alle unsere Freunde haben schon Kinder, wirklich alle", fügt die 30-Jährige hinzu. Marie und Dirk Fischer* haben einen Rückschlag nach dem anderen erlebt. Zuerst wurde sie nicht schwanger, dann litt sie unter den Nebenwirkungen einer Fruchtbarkeitstherapie. Schließlich kam es zu einer Eileiterschwangerschaft und zwei Fehlgeburten, die eine Notoperation erforderlich machten. Die beiden bemühen sich um Fassung, aber Dirk gibt zu: "Das ist psychisch extrem belastend."

"Dass daran unser Übergewicht schuld war, habe ich lange nicht wahrhaben wollen", sagt Marie. Jetzt wollen die beiden einen letzten Versuch wagen. Drei künstlich befruchtete und eingefrorene Eizellen liegen noch bereit. Der Arzt, der ihre Hoffnung am Leben hält, ist Sören von Otte. Der Leiter der Kinderwunschklinik sitzt an seinem Schreibtisch, hinter ihm an der Wand ein Schwarz-Weiß-Foto von Männerhänden, die sanft winzige Babyfüße umfassen. "Den wichtigsten Schritt haben die beiden gemacht", sagt der Reproduktionsmediziner: "Sie haben abgenommen."

Übergewicht gehört in Deutschland zu den drückendsten Gesundheitsproblemen. Mehr als die Hälfte der Deutschen wiegt zu viel (BMI über 25). Übergewicht kann zu einer Reihe schwerwiegender Erkrankungen führen, zu Diabetes, zu Herzinfarkten, aber auch zu Krebs und psychischen Leiden. Was für junge Paare wie Marie und Dirk hinzukommt: Übergewicht reduziert die Fruchtbarkeit, bei Frauen wie bei Männern. Wer übergewichtig ist, hat schlechtere Chancen, ein Kind zu bekommen – auf natürlichem und auf künstlichem Wege.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Grund dafür sind drastische Verschiebungen im Hormonhaushalt. Denn das Fettgewebe ist kein reines Energiedepot, es setzt aktiv Hormone und Botenstoffe frei. Die bringen die Körpersteuerung durcheinander und signalisieren dem Organismus unter anderem eine chronische Entzündung. Außerdem enthält das Fettgewebe Enzyme, die männliche Geschlechtshormone in weibliche umwandeln, was man bei übergewichtigen Männern daran sieht, dass ihnen regelrecht Brüste wachsen. Viele Übergewichtige entwickeln einen Diabetes oder die Vorstufe, eine Insulinresistenz. Ihre Muskel- und Fettzellen werden unempfindlicher gegenüber Insulin, dem Hormon, das aus der Bauchspeicheldrüse freigesetzt wird, um den Zucker aus dem Blut in die Leber- und Muskelzellen zu transportieren. Der Körper reagiert, indem er noch mehr Insulin ins Blut ausschüttet.

Und Insulin stört – genauso wie Testosteron, dessen aktive Form im Blut übergewichtiger Frauen vermehrt vorliegt – die Reifung der Eibläschen. Durch einen allgemein erhöhten Hormonspiegel geht nämlich jener kräftige Hormonstoß verloren, der eigentlich in der Mitte des weiblichen Zyklus den Eisprung auslöst. Und auch eine künstliche Befruchtung kann angesichts dieser Überdosis unmöglich werden: wenn nämlich die künstlichen Hormongaben, welche die Eizellen heranreifen lassen sollen, ihre Wirkung verfehlen. Entnehmen Mediziner die Keimzellen, um sie unter dem Mikroskop mit der Pipette zu befruchten, sind diese oft unreif. Auch die Einnistung der befruchteten Zellen klappt schlechter als bei Normalgewichtigen, die Gebärmutterschleimhaut ist weniger empfänglich. Von Otte fasst zusammen: "Wir haben ein Problem auf den verschiedenen Ebenen der Reproduktion."

Viele übergewichtige Frauen entwickeln zusätzlich das Syndrom der polyzystischen Ovarien (PCOS), bis zu zwei Drittel aller PCOS-Patientinnen sind fettleibig. "Das kann man sich so vorstellen: Es stehen so viele Eizellen auf der Startlinie, dass keine loslaufen kann", erklärt von Otte. Die Eierstöcke sind gefüllt mit fast fertig gereiften Eibläschen, aber keines davon wird zum sogenannten dominanten Eibläschen, aus dem die Eizelle beim Eisprung hervorgeht. "Auch bei mir hat man das Syndrom vor sechs Jahren festgestellt", erzählt Marie. "Es ist der Grund, warum ich unfruchtbar bin."

Bei übergewichtigen Männern stört das hormonelle Durcheinander die Produktion der Geschlechtszellen ebenfalls. Ihre Spermien sind im Schnitt weniger beweglich, weniger zahlreich und auch fehlgeformt. Eine Studie an 52.000 amerikanischen Männern zeigte, dass je neun Kilo Überschreitung des Normalgewichts die Fertilität um zehn Prozent abnimmt. Übergewichtige Männer leiden auch häufiger an erektiler Dysfunktion und verlieren ihre Libido. Das bedeutet weniger Sex und damit weniger Chancen auf eine Schwangerschaft.

* Namen von der Redaktion geändert