DIE ZEIT: Wie wirkt es sich auf das ungeborene Kind aus, wenn eine schwangere Frau übergewichtig ist?

Axel von der Wense: Wenn das Übergewicht der Schwangeren zu einem Diabetes führt, also zu erhöhten Blutzuckerwerten, dann werden diese direkt auf das Kind übertragen. Das Kind fängt an, zu viel Insulin zu produzieren, um den Blutzucker zu kontrollieren. Da Insulin ein Hormon ist, das sowohl Fett- als auch Zuckerreserven aufbaut und gleichzeitig das Wachstum fördert, werden diese Kinder länger und schwerer.

ZEIT: Hat das auch langfristige Folgen?

Von der Wense: Allerdings. Der Organismus des Kindes wird auf mehr Kalorien gepolt, also regelrecht auf Überernährung programmiert. Dadurch steigt das Risiko, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, einen hohen Blutdruck oder einen Diabetes zu entwickeln. Und das gilt nicht nur für die ersten Lebensjahre des Kindes, sondern auf Jahrzehnte hinaus.

ZEIT: Spielt auch die Ernährung der Frau während der Schwangerschaft eine Rolle?

Von der Wense: Natürlich, eine große sogar. Wenn eine Schwangere zu viel zu sich nimmt und das Kind dadurch übermäßig viele Nährstoffe bekommt, trägt auch das dazu bei, dass es sich an eine erhöhte Kalorienzufuhr gewöhnt.

ZEIT: Tritt das Problem heute häufiger auf?

Von der Wense: Ganz eindeutig. Ich arbeite seit 30 Jahren als Kinderarzt, und ich beobachte eine klar steigende Tendenz. Von den Kindern, die an unserem Perinatalzentrum zur Welt kommen, sind etwa zehn Prozent übergewichtig.

ZEIT: Was kann man gegen das frühkindliche Übergewicht tun?

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Von der Wense: In solchen Fällen legen wir besonders großen Wert darauf, dass die Mutter stillt. Das Stillen birgt ein deutlich niedrigeres Risiko für ernährungsbedingtes Übergewicht in den ersten Lebensmonaten. Wir wissen, dass industrielle Babynahrung – selbst wenn sie der Muttermilch möglichst ähnlich ist – dazu führt, dass das Gewicht des Kindes steigt.

ZEIT: Kann es auch einen Einfluss auf das Kind haben, wenn der Vater übergewichtig ist?

Von der Wense: Der Vater hat natürlich keinen Einfluss auf die pränatale Prägung des Kindes im Mutterleib. Aber die Neigung zu Übergewicht hat auch genetische Ursachen. Die können auch Väter vererben.

ZEIT: Sollten übergewichtige Frauen abnehmen, bevor sie schwanger werden?

Von der Wense: Es wäre schön, wenn stark übergewichtige Frauen erst einmal abnehmen und so optimale Bedingungen für ihr ungeborenes Kind schaffen würden. Aber zwischen dem, was medizinisch sinnvoll ist, und dem, was Menschen umsetzen können, klafft oft eine große Lücke. Das sieht man schon daran, wie schwer es einigen Frauen fällt, während der Schwangerschaft mit dem Rauchen aufzuhören.