Ehrbare Leute einigen sich gern per Handschlag, oder sie geben einander ihr Wort, und das reicht schon, man kann sich darauf verlassen, gebaut wird auf den festen Charakter. Je klebriger eine Angelegenheit und je schäbiger die Beteiligten jedoch, desto eher wird nach Wisch und Unterschrift verlangt. Geschäftsleute und Verbrecher haben die besten Anwälte, wissen wir, und der Vertrag ist ein Manifest des Misstrauens.

Was also hat das zu bedeuten, wenn Politiker im Wahlkampf jetzt vorschlagen, die beteiligten Parteien sollten "Fairness-Abkommen" unterzeichnen? Zuletzt geschehen in Nordrhein-Westfalen, wo sich die Grünen an einer derartigen Initiative versuchten. Die Landeschefs Lehmann und Neubaur hatten den Vorsitzenden der anderen Parteien schon im Februar eine E-Mail geschrieben, in der sie einen "Fairnesspakt" vorschlugen. Vorgeblich in der Hoffnung, damit der "zunehmenden Verrohung" der politischen Auseinandersetzung entgegenzuwirken. In einem gleich mitgeschickten und so richtig vertragsmäßig mit Paragrafen daherkommenden Entwurf gemahnten sie, dass "politische Gegnerschaft keine Feindschaft" bedeute. Man solle per Unterschrift seinen Verzicht erklären auf den Einsatz von Social Bots, falschen Tatsachenbehauptungen, Pressebeschimpfung, die Zerstörung von Plakaten der Mitbewerber und persönliche Verunglimpfungen.

Die Idee hatte zuvor schon Christian Lindner ins Spiel gebracht, Fraktionschef der FDP in Nordrhein-Westfalen. Er wolle, sagte Lindner, im Wahlkampf von der "persönlichen Vernichtung des Gegners" absehen. Womit natürlich gleich mitgesagt ist, dass er das jederzeit könnte: den Gegner persönlich vernichten. Lindner, rhetorischer Ausradierer. Die Grünen, die sich fairnesstechnisch nicht von einem Liberalen links überholen lassen wollten, veröffentlichten daraufhin ihren Abkommensentwurf, nicht ohne den Hinweis, dass alle anderen ja nur labern, man selbst werde nun konkret. Es folgte eine politische Kneipenschlägerei.

Die Linken gingen auf die Grünen los, sie fänden unmöglich, dass diese das Abkommen auch der AfD geschickt hätten, mit denen würde man nie was gemeinsam unterschreiben – bäng! Woraufhin ganz mies auch die Grünen einen Barhocker auf dem Rücken der taumelnden Höcke-Partei zertrümmerten: Deren Teilnahme an dem Pakt sei nun ausgeschlossen, weil die AfD von der "sozialistischen Versiffung des Landes" gesprochen habe. Unterdessen beschloss die CDU, der Linken eine Faust in die Magengrube zu geben: Man würde nix mit denen unterzeichnen, die würden doch vom Verfassungsschutz beobachtet. Woraufhin die SPD die Fairness-Kneipe rückwärts verließ mit dem Hinweis, das alles hier sei nicht mehr überparteilich genug, und man muss sagen: stimmt. Am Ende blieben die Grünen allein mit ihrem bier- und blutdurchtränkten Wisch in den Trümmern zurück.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Wir lernen: Fairness-Abkommen dienen nie der Fairness, sondern sind nur die neueste Art, den Wahlkampf zu eröffnen. Die ganze Idee ist durch und durch unästhetisch. In einem Land, in dem Herbert Wehner seine Gegner Wohlrabe und Todenhöfer "Übelkrähe" und "Hodentöter" nannte, Franz-Josef Strauß Journalisten als Schmeißfliegen bezeichnete und Joschka Fischer den Bundestagspräsidenten, mit Verlaub, als Arschloch, sollte die persönliche Verunglimpfung schon allein aus Unterhaltungsgründen nicht geächtet werden. Auch schlimm die Vorstellung eines Fernsehduells, bei dem Herr Lindner mit tränenumflorter Stimme darauf hinweist, diese Beleidigung von Frau Kraft sei ein Verstoß gegen Paragraf 2 des Fairnessabkommens.

"Das ist unfair", das sagen Kinder, die man fünf Minuten vor der offiziellen Bettzeit zum Zähneputzen schickt, Erwachsene hingegen wissen genau, dass das Leben nicht fair ist. Wieso sollte die Politik dann so tun?

Das ist fast die ekelhafteste Sache an dem Vorstoß: dass sich die Politik mit so einer spießigen Notars-Nummer selbst eingrenzen will, statt weiterhin dem Wähler das Mandat darüber zu lassen, an welcher Stelle es ihm zu bunt wird. Die Grenzen des politisch Zulässigen zog bislang immer noch der Bürger. Dass man ihm nicht mehr zutrauen will, niedriges Verhalten an der Urne zu bestrafen, ist arrogant.

Fairness-Abkommen können am Ende auch nur von Nihilisten unterzeichnet werden. Fairness, das weiß jeder Sportler, hat nichts mit Regeln zu tun, sondern sie ist ein Ethos, eine Haltung. Wäre schön, wenn Politiker Grenzen kennen würden, aber nicht, weil sie vertraglich dazu genötigt werden, sondern weil sie an einfache Dinge wie Würde, Gerechtigkeit, Anstand glauben.