Mittags an einem Spätsommertag in Kayhude, nördlich von Hamburg, liegt vor mir das Tor zu einer Parallelwelt.

Der Erste, der mir aus dieser Welt begegnet, nennt sich Herr Schumacher. Seit über dreißig Jahren gehört Schumacher zu der eingeschworenen Gemeinde der Wohnmobilbesitzer, erzählt er, sein Sohn und dessen Sohn inzwischen auch. Herr Schumacher sieht genauso aus, wie ich mir die Menschen aus dieser Welt vorgestellt habe: beigefarbene Sandalen, eine Dreiviertelhose und im Nacken ein feuchtes Küchentuch gegen die Hitze. Und er ist nicht nur Wohnmobilfan. Er ist auch noch Wohnmobil-Verleih-Unternehmer. Und deshalb bin ich heute hier. Damit ich mich mit seiner Hilfe in den nächsten Tagen auf eine Entdeckungsreise machen kann in ein mir fremdes Land: Wohnmobilland.

Auf die Anfrage nach einem Testmobil hat der Hersteller Dethleffs uns an Herrn Schumacher weitergeleitet. Er stellt mir und einem Freund ein Wohnmobil zur Verfügung – einen Globebus. Dieser sieht genauso aus, wie sich das Wort Globebus anhört, wenn man es laut ausspricht: groß und klobig. Gefühlt sehen ja alle Wohnmobile der Welt für Neulinge erst mal gleich aus, gleiche Form, gleiche Farbe. Die Designer der Branche machen seit Jahrzehnten einen soliden Job, aber Querdenker scheinen keine darunter zu sein. Man mag es außen weiß und innen mit Furnierholzoptik. Schumacher hält mir noch ein paar Zettel hin. Das ist die Versicherung, hier die Papiere, bei einem Unfall rufen Sie bitte hier an und da und da. Der hat keine Kratzer, machen Sie bitte auch keine rein, unterschreiben Sie bitte hier, hier und hier. Mach ich, mach ich, mach ich. Und dann bin ich einer von ihnen.

Es ist später Nachmittag. Wir stehen vor dem Globebus herum, weiter als bis hier habe ich nie gedacht. Absichtlich. Der Plan war, immer der Sonne nachzufahren. Wenn es regnet, weiterzufahren. Sonne, Sonne! Das ist ja das Gute am Wohnmobil: Man braucht überhaupt keinen Plan, man hat sein Schneckenhaus dabei, und überall ist Wohnmobilland. Wir schauen in den ADAC-Stellplatzführer. Der ist 1.330 Seiten dick. Das ganze Land scheint zugepflastert mit Stellplätzen zu sein: 2.673 listet der Stellplatzführer, und das sind längst nicht alle – der ADAC geht eher so von 4.000 aus. Und weil das zu viele sind, um sich schnell für einen Platz zu entscheiden, entscheiden wir, einfach loszufahren und nicht darüber nachzudenken.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.

Die Sonne lässt uns in diesen Tagen nicht im Stich. Meistens schlafen wir einfach irgendwo. An einer Straße. Am See. Oder ganz tief in der Pfalz. In Deutschland ist es erlaubt, sein Wohnmobil für eine Nacht abzustellen und darin zu schlafen. Also machen wir das. Hinter uns Wald, vor uns ein Tal mit grünen Wiesen, auf denen Pferde weiden und sonst: nichts. Nur Sterne. Wir sitzen auf Campingstühlen und trinken Wein. Am Morgen frühstücken wir draußen, und den Tag verbringen wir an einem Weiher. Wenn man in die Mitte schwimmt, hört man exakt: gar nichts. Die Sonne brennt, und das Leben ist schön. Wir bleiben noch eine Nacht an derselben Stelle und noch einen Tag an demselben Weiher.

Fahren, wohin man will, halten, wo es einem gefällt

Als uns danach ist, fahren wir weiter nach Irgendwo. Wohnmobilland ist universalkompatibel. Alles kann man machen. Einmal stehen wir in einer Vollsperrung, aber das ist uns egal. Man kann einfach von der Autobahn runter und was essen gehen, oder man fährt an Orte, an die man sonst nie kommen würde, und trifft dort Menschen, die man nie treffen würde. In Schellbronn, zum Beispiel. Dort gibt es ein Freibad und einen Campingplatz mit Minigolfanlage und vielen Regeln: "Bitte ziehen Sie nach dem Duschen die Duschen mit dem Duschabzieher ab." Die Dame am Empfang hat einen winzigen Hund und sagt, was auch Herr Schumacher schon gesagt hat: Hinter ihnen liegt die erfolgreichste Saison aller Zeiten. Fast 30.000 Wohnmobile wurden in diesem Jahr schon zugelassen, das sind über 23 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Wohnmobilland ist Boomland.