Neulich begegnete ich einem AfD-Mann, der mir etwas ganz Wichtiges über seine Partei erklären wollte. Nämlich dass es ziemlich egal sei, was im Programm der AfD stehe. Weil es ja die wesentliche Funktion der AfD sei, Unwohlsein zu artikulieren – und nicht, Lösungen zu präsentieren. Er selber wisse nicht im Detail, was seine Partei eigentlich wolle, er wisse nur, was sie nicht wolle (Establishment! Merkel! Flüchtlinge! Verkrustete Altparteien!). Und das reiche ihm.

Ich bin Korrespondent der ZEIT in Ostdeutschland, also dort, wo der Aufstieg der AfD begann. Seit Jahren begleite ich diese Partei, und oft stelle ich fest, dass ihre Anhänger genau wissen, wogegen die AfD sich richtet, aber keine Ahnung haben, was die Partei für sie persönlich plant.

Lustigerweise sind AfD-Gegner meist genauso ahnungslos. Viele greifen nicht die Partei an, sondern ein Klischee dieser Partei. Was die AfD wirklich fordert, davon haben auch sie keinen blassen Schimmer. Am Ende leben AfD-Fans wie -Gegner von der Empörung: Die AfD kommt mit ihren Skandalen leichter in die Zeitung als mit politischen Vorschlägen, und ihre Gegner sind froh, wenn sie die Skandale der Partei anprangern können, ohne sich intellektuell allzu sehr anstrengen zu müssen.

Ich finde das gefährlich. Denn die AfD hat genau aufgeschrieben, wofür sie steht – und es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass sie es, falls sie je in eine Regierung gewählt wird, auch umsetzen wird. Um zu erfahren, was die AfD vorhat, muss man nur auf die Homepage gehen und sich ihr Programm für Deutschland herunterladen. 95 Seiten, 14 Kapitel. Es gibt kein Politikfeld, für das die AfD sich nichts überlegt hätte, vom Güterverkehr bis zum Fischfang. Es ist das Manifest einer Bewegung, die das Land grundlegend umbauen will.

Machen wir gemeinsam eine Reise in ein fiktives Deutschland des Jahres 2025. Stellen Sie sich vor: Bundeskanzlerin Frauke Petry von der AfD regiert seit vier Jahren. Eine Volksabstimmung soll stattfinden, für täglich mehr Schwein in deutschen Kantinen. AfD-Fraktionschef Marcus Pretzell, Petrys Ehemann, fordert ein Recht auf Schweineschnitzel und Schweinewürstchen, was erst mal drollig klingt. Aber es gibt Ärger. Fast täglich gehen Muslime auf die Straße. Gerade erst ist Frauen im öffentlichen Dienst verboten worden, Kopftuch zu tragen. Kurz davor hatte eine Mehrheit der Deutschen dafür gestimmt, dass die in Deutschland geborenen Kinder ausländischer Eltern nicht mehr automatisch deutsche Staatsbürger werden.

Mit Volksabstimmungen hat die AfD gute Erfahrungen gemacht. Bundespräsident Alexander Gauland, jetzt 84 Jahre alt, wurde ja auch direkt vom Volk gewählt. Per Plebiszit haben die Deutschen schon vor zwei Jahren beschlossen, aus dem Euro auszusteigen.

Jetzt sagt Marcus Pretzell, der Fraktionschef, es müsse Schluss sein mit Hummus und Auberginenschnitzel. "Die Ideologie des Multikulturalismus, die importierte kulturelle Strömungen auf geschichtsblinde Weise der einheimischen Kultur gleichstellt und deren Werte damit zutiefst relativiert, betrachtet die AfD als ernste Bedrohung für den sozialen Frieden."

Das Schnitzel soll den sozialen Frieden garantieren. Ganz ähnlich wie das Wort Neger, das die Partei wieder salonfähig gemacht hat, um die "gesellschaftsschädigende politische Korrektheit" aus dem öffentlichen Diskurs zu verbannen. Außerdem hat Volksbildungsminister Björn Höcke veranlasst, dass im Biologieunterricht nicht mehr über Homo- oder Transsexualität gesprochen werden darf, weil "unsere Kinder (...) in der Schule nicht zum Spielball der sexuellen Neigungen einer lauten Minderheit werden" dürfen. Im Geschichtsunterricht wird jetzt die Mitschuld anderer Staaten am Zweiten Weltkrieg betont, um die "Verengung der deutschen Erinnerungskultur" aufzubrechen. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin verfällt zusehends. Das zuständige Reinigungsunternehmen arbeitet nicht mehr, weil Höckes Ministerium seit Jahren die Rechnungen nicht bezahlt.

Es läuft also gut aus Sicht der AfD. Mit Finanzministerin Alice Weidel koordiniert eine erfahrene Ökonomin die Rückkehr zur D-Mark; Russland und Deutschland haben ein Handelsabkommen geschlossen.

Parteitag - AfD auf Kollisionskurs mit dem Recht Vollverschleierung und Koranschulen verbieten: Am Wochenende will die AfD erstmals ein Parteiprogramm beschließen. Wie verträgt sich das mit deutschem Recht?